Studentenproteste in Athen Erst abserviert, jetzt angeschmiert

Mit Atemmasken gegen das Sparpaket: Griechenlands Studenten trotzen dem Tränengas der Polizei, weil sie bereits jetzt die Einschnitte im Bildungswesen spüren und weil klar wird, dass es mit einem bequemen Beamtenposten für sie nichts wird - genauso wenig wie mit irgendeinem anderen Job.

DPA

Aus Athen berichtet Sophia Sabrow


Stavros Papaioannou atmet schwer. Oben auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament in Athen schleudert die Polizei wieder Tränengasgranaten auf die Demonstranten. Der 19-jährige Elektrotechnik-Student ist vor den beißenden Dämpfen in die nahe gelegene Metrostation geflüchtet. "Hier kann man wenigstens ein paar Minuten ruhig atmen und sich erholen", sagt er. "Manchmal schmeißen sie die Granaten auch hier hinein. Da gibt es kein Entrinnen, dann muss man einfach ganz ruhig bleiben."

Stavros gehört zu den Tausenden Studenten, die seit über fünf Wochen den Syntagma-Platz besetzt halten und gegen das rigide Sparprogramm der Regierung demonstrieren. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit der Staatsgewalt. Mit Atemmasken und Taucherbrillen trotzen die Studenten dem massiven Tränengaseinsatz der Polizei. Viele von ihnen haben weiße Gesichter und Arme. Sie haben sich mit einer Tinktur aus Wasser und Maaloxan, einem Mittel, das eigentlich zur Neutralisierung der Magensäure dient, eingeschmiert, um die Auswirkungen des Reizgases zu verringern.

Bis zur großen Krise studierten Stavros und seine Freunde im Glauben, dass auch für sie ein Posten beim Staat sicher wäre - so hatten es ihnen die Alten ja lange Zeit vorgelebt. Traumhafte Gehälter und sicherer Job ein Leben lang - das wollten sie auch, und viele glauben noch immer, es sei nicht weniger als ihr gutes Recht. Aber dieses alte Griechenland existiert nicht mehr. Das Land wird fremdgesteuert, nicht aus Boshaftigkeit der anderen europäischen Partnerländer, sondern weil sich nur so das Steuer vielleicht noch herumreißen lässt.

Die Studenten aber fühlen sich betrogen und ausgenutzt, verraten von ihrer eigenen Regierung und der internationalen Gemeinschaft. Die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist das Feindbild. Sie lässt das griechische Volk ausbluten - so sehen es die Studenten. Die harten Sparmaßnahmen, die den griechischen Bürgern im Gegenzug für die Notkredite aus dem Rettungspaket auferlegt werden, würden das Land in den Abgrund reißen und die Zukunft der jungen Griechen zerstören.

1900 Schulen von Schließung bedroht

Jahrzehntelang haben die wechselnden griechischen Regierungen über ihre Verhältnisse gelebt und den Verwaltungsapparat aufgebläht. Zur Finanzierung machte Griechenland Schulden über Schulden - bis es keine Kredite mehr bekam. Ein erstes Milliarden-Hilfsprogramm der EU verpuffte, bei Haushaltssanierung und Privatisierungen kam das Land nur schleppend voran. Ohne weitere Milliardenhilfen drohte der Staatsbankrott. Doch für eine erneute Finanzspritze machten EU-Kommission, IWF und EZB harte Sparmaßnahmen zur Voraussetzung. Begleitet von massiven Protesten stimmte das Parlament dem umstrittenen Sparprogramm am vergangenen Mittwoch zu und machte damit den Weg für die Milliardenhilfen frei.

Das Paket sieht tatsächlich kaum zu schulternde Einsparungen vor. Zwischen 2012 und 2015 müssen die Griechen nun durch Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen und umfangreiche Privatisierungen rund 78 Milliarden Euro einsparen.

Ein Bereich, den es besonders hart trifft, ist der Bildungssektor: Mit über einer Milliarde Euro weniger sollen die Schulen künftig auskommen. Rund 1900 von ihnen sollen dafür geschlossen werden. Und auch die griechischen Lehrer müssen empfindliche Lohnkürzungen verkraften, Weihnachts- und Urlaubsgeld würden halbiert, Zulagen gestrichen. Ende 2010 hatte ein Lehrer rund hundert Euro weniger beim Netto im Monat, in diesem Jahr ging das Gehalt für viele noch einmal um hundert Euro nach unten. Schon vor den Sparmaßnahmen gehörten griechische Lehrer mit einem Jahresgehalt zwischen 18.000 und gut 26.500 Euro im OECD-Vergleich zu den schlecht bezahlten Pädagogen.

Bei Jugendlichen ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch

Auch die 22 Universitäten und die 14 Technischen Hochschulen müssen kräftig sparen. Laut dem europäischen Hochschulverband European University Association sollen sie insgesamt auf 30 Prozent ihres Budgets verzichten. Die rund 190.000 Studenten Griechenlands ahnen, dass sie die Studienbedingungen in den nächsten Jahren rapide verschlechtern werden. Und schon jetzt sind die ersten Sparmaßnahmen spürbar.

"Die Uni ist nicht mehr wiederzuerkennen", sagt Stavros, der an der Technischen Hochschule in Athen studiert. "Sie drehen an allen Ecken und Enden das Geld ab: Es gibt nicht mehr genug Dozenten, plötzlich sind wir viel zu viele Studenten in den Kursen." Die Praxiskurse, ein Hauptbestandteil des Studiums, seien bereits zur Hälfte gestrichen worden. In den verbleibenden Kursen drängelten sich doppelt so viele Studenten wie zuvor.

Außer den Kürzungen im Bildungssektor macht den griechischen Studenten etwas noch größere Sorgen: die hohe Arbeitslosigkeit, die vor allem die jungen Griechen betrifft. Den Daten des griechischen Statistischen Amtes (Elstat) zufolge liegt die Arbeitslosenrate bei den 15- bis 24-Jährigen bei 42 Prozent.

Drohungen an den Staat: "Jetzt sind wir noch friedlich"

Viele Studenten haben ihr Studium mit dem Ziel begonnen, im Staatsdienst einen sicheren Beamtenposten zu ergattern - daraus könnte nun für viele nichts werden, der Verwaltungsapparat soll drastisch eingedampft werden. "Es ist so frustrierend", sagt Stavros, "du strengst dich dein ganzes Studium lang an, um einen guten Abschluss zu bekommen, und nachher findest du damit keine Arbeit."

Die neue Perspektivlosigkeit bringt viele Studenten dazu, ihr Studium abzubrechen oder das Fach zu wechseln - oder nach dem Studium ins Ausland zu gehen. 70 Prozent der jungen Absolventen wollen laut Meinungsforschungsinstitut Kapa Research nach ihrem Studium einen Job außerhalb Griechenlands finden.

"Sie nehmen uns unsere Existenz, sie machen unsere Wirtschaft kaputt. Wir können nicht mehr frei sein", sagt Stamatis Stefanakos. "Prüfungskommission" nennt sich die Gruppierung, der er angehört. Sie besteht aus Akademikern, Studenten, Angestellten und Arbeitslosen und campiert seit über fünf Wochen auf dem Syntagma-Platz. Der Computer-Fachmann macht klar, dass sie nicht für etwas Büßen wollen, was andere verschuldet haben. Für sie sind private Finanzinvestoren Schuld an der Krise.

"Mit den ewigen Sparmaßnahmen wird alles immer schlimmer. Niemand weiß, ob er morgen noch einen Job hat", sagt Stefanakos. "Aber wir werden nicht aufgeben. Jetzt sind wir noch friedlich, aber wenn die Sparmaßnahmen weiter zunehmen, werden wir härtere Geschütze auffahren."

insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
erbseneintopf, 05.07.2011
1. nicht schlecht
Zitat von sysopMit Atemmasken gegen das Sparpaket: Griechenlands Studenten*trotzen dem Tränengas der Polizei, weil sie bereits jetzt die Einschnitte im Bildungswesen*spüren und*weil klar wird, dass*es mit einem*bequemen Beamtenposten für sie nichts wird - genauso wenig wie mit irgendeinem anderen Job. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,772116,00.html
den Artikel könnte SPON direkt per Copy und Paste benutzen , wenn sich in D endlich mal jemand dazu durchringen könnte den Beamtenapperat zu verschlanken... Aber eher regnet es von unten nach oben ;-)
Kurt2, 05.07.2011
2. #1
Zitat von sysopMit Atemmasken gegen das Sparpaket: Griechenlands Studenten*trotzen dem Tränengas der Polizei, weil sie bereits jetzt die Einschnitte im Bildungswesen*spüren und*weil klar wird, dass*es mit einem*bequemen Beamtenposten für sie nichts wird - genauso wenig wie mit irgendeinem anderen Job. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,772116,00.html
Wenn die im Artikel beschriebenen Gründe tatsächlich die ausschlaggebenden für die Studenten sind, habe ich wenig Mitleid mit ihnen. Sie sind schon als Studenten korrupt. Sicher wären sie gute Beamte geworden. Desweiteren ist es ein Beleg für das allgemeingültige korrupte Denkweise quer durchs Volk.
kamsala 05.07.2011
3.
Das passiert, wenn man der Jugend die Zukunft raubt. Es wird Zeit, dass Griechenland endlich Pleite geht, seine eigene Währung einführt, und wieder für sich selbst verantwortlich ist. Die "Rettungspakete" sind nichts weiter als die Zementierung der Schuldsklaverei, das Ausbluten Griechenlands, die Unterwerfung einer souveränen Nation unter das Finanzmarkt-Diktat. Sollen doch die Deutsche Bank und Konsorten Pleite gehen, dieser Kreis und deren Investoren hätte es zumindest verdienst, haben sie doch schon jetzt von den Steuer-Milliarden profitiert und auf unsere Kosten den Griechen den Schwarzen Peter zugesteckt. Irgendwann muss Schluss sein, und ich hoffe wirklich, dass Griechenland der Anfang vom Ende ist. So long....
yokudera 05.07.2011
4. Tendenziös
Die Autorin suggeriert, dass die meisten Studenten nur deshalb protestieren, weil die Aussicht auf einen ruhigen, gut bezahlten Beamtenjob weg ist. Das weiß ich doch mittlerweile, dass die Griechen allesamt wenig arbeiten wollen, viel Ferien machen und nicht mit Geld umgehen können. Dafür brauch ich doch nur die BILD-Zeitung aufzuschlagen oder Frau Merkel zuzuhören. Wie schön, wenn man nur bedienen muss, was die Leser schon wissen. Ist auch irgendwie bequem und "beamtig". "Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt"
Chris_7 05.07.2011
5. Blöd, wenn keine Arbeit da ist
Es ist immer blöd, wenn keine Arbeit da ist bzw. diese nur über den staatlichen Sektur künstlich geschaffen wird. Denn das Geld muß man zuerst anderen wegnehmen. Entweder heute oder über Schulden den zukünftigen Generationen. Und nicht jeder der irgend etwas besucht hat das sich Universität nennt ist für den Arbeitsmarkt gut ausgebildet. Die Standards in den einzelnen Ländern unterscheiden sich da ganz erheblich. Es könnte also gut sein, dass das was in GR als Ingenieur ausgebildet wurde nicht mehr kann als ein Meister hier bei uns. Das Problem ist eben, dass es in der heutugen Zeit für ein Land schwirig ist, eine "neue" Wirtschaft" aus dem Nichts zu etablieren. Insbesondere dann, wenn es kein Entwicklungs- oder Schwellenland ist. Und so wqahnsinnig viel konkurrenzfähige Wirtschaft mit einem hohen Wertschöpfungsgrad hat GR dann im Vergleich zu anderen europäischen ländern auch nicht. Die weite Teile der Fördermittel die nach GR geflossen sind wurden eben nicht dazu verwendet, in die Zukunft zu investieren, sondern flossen bestenfalls (schlechtestenfalls wurden sie veruntreut) in Infrastrukturprojekte was in diesem speziellen Fall eher Konsum als Investition war.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.