Studentenproteste in Sachsen Wut über Stellenkürzungen

Rund 500 Studenten gingen am Dienstag in Leipzig auf die Straße und protestierten gegen massive Einsparungen an den sächsischen Hochschulen.


Von Jochen Leffers

Bei der Demonstration appellierten Studierende und Hochschulmitarbeiter an die Staatsregierung, mehr in die Bildung zu investieren. Auf Plakaten und Transparenten forderten sie einen "Ausbau statt Umbau" der Universitäten und kritisierten den bildungspolitischen Kurs des Landes als "neoliberal". Die Demonstranten bildeten eine Menschenkette in der Innenstadt und übergaben Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) einen Forderungskatalog. Die Mehrheit der Studenten sprach sich bei einer Vollversammlung dafür aus, an diesem Donnerstag die Leipziger Universität zu besetzen.

Bis zum Ende dieses Jahrzehnts will die CDU-Landesregierung insgesamt 1715 Stellen an den Hochschulen streichen oder umwidmen. Damit würde etwa jede zehnte Stelle wegfallen. Der im Dezember verabschiedete Doppelhaushalt sieht vor, dass 140 Stellen allein in den Jahren 2001 und 2002 gekappt werden. Dagegen waren bereits im vergangenen Dezember rund 10.000 Studenten vor den Dresdner Landtag gezogen. "Die wichtigsten Garanten des Landes sind Wissenschaft und Kultur", hatte Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer noch bei der Kundgebung betont.

Nur einen Tag später wurden die Einschnitte dennoch beschlossen. Die Studenten reagierten enttäuscht: Offensichtlich habe die Landesregierung "den logischen Zusammenhang zwischen Wort und Tat nicht verstanden", kommentierte Cathleen Bürgelt. Die Sprecherin des Fachschaftsrates Philosophie an der TU Dresden attestierte der Regierung "Realitätsferne".

Der sächsische Finanzminister Georg Milbradt begründete die Kürzungen mit den leeren Landeskassen und bald schrumpfenden Studentenzahlen. Diese Prognose stützt sich auf den starken Geburtenrückgang in Ostdeutschland nach der Wende, ist aber umstritten. Denn die Hochschulen selbst rechnen keineswegs damit, dass der Andrang deutlich abnimmt. Sie fürchten vor allem, das schlechte Beispiel der alten Bundesländer könnte nun im Osten Schule machen: Fast überall mussten die West-Hochschulen in den letzten Jahren massive finanzielle Einbußen verkraften. Vor einer ähnlichen Entwicklung warnen nun die Rektoren der großen Universitäten in Dresden, Leipzig, Chemnitz: Kaum trägt der mühsame und teure Aufbau Früchte, so ihr Menetekel, da legt Sachsen gleich wieder die Axt an die Hochschulen.



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