Studentenproteste "Werft die Hippies aus dem Audimax"

Es kracht zwischen konservativen Wirtschaftsstudenten und linken Besetzern an den Unis. Für SPIEGEL ONLINE stritt sich der Gründer der Facebook-Gruppe "Gegen Hippies im Hörsaal", Ludwig Karl, 19, mit Besetzer Alexander Münch, 26, über den Sinn von verrammelten Uni-Türen und antikapitalistischen Parolen.

Felix Scheidl

SPIEGEL ONLINE: Seit gut zwei Wochen halten Studenten das Audimax der LMU München besetzt - viele Studenten der Massenfächer BWL, VWL aber auch Soziologie können ihre Vorlesungen nur eingeschränkt besuchen. Spaltet das die Studentenschaft?

Ludwig Karl: Die Wirtschaftswissenschaftler sind besonders stark betroffen. Manche unserer Vorlesungen wurden ersatzlos gestrichen, andere in die Abendstunden oder in kleinere Räume verlegt. Sicher wird ein Protest mit Leidtragenden eher gehört, als einer ohne. Aber: Hier blockieren tagsüber 20 Leute die Vorlesungen von über tausend Wirtschaftswissenschaftlern.

Alexander Münch: Dass wir die Wirtschaftswissenschaftler als Druckmittel für bessere Bildung instrumentalisieren, stimmt nicht. Wir suchen schon länger in einer Arbeitsgemeinschaft nach Ausweichhörsälen für die ausgefallenen Vorlesungen. Wir wollen doch gemeinsam für eine bessere Bildung kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Unter den Münchner Besetzern sind viele Geistes- und Kulturwissenschaftler. Wieso besetzten die das Audimax, das vor allem Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen brauchen?

Münch: Ein anderer Raum hätte die Besetzung weit weniger brisant gemacht. Das Audimax ist der zentrale Platz unserer Uni. Er hat eine politische Symbolwirkung.

SPIEGEL ONLINE: Das Plenum hat sich für Ausweichhörsäle für die Wirtschaftswissenschaften eingesetzt. Warum hat das nicht funktioniert?

Karl: Ein ernst gemeinter Vorschlag der Besetzer war, die Vorlesungen in Kinosäle oder in Vorlesungssäle in anderen Stadtteilen zu verlegen. Das geht nicht. Letzte Woche hatte die Fachschaft der Wirtschaftswissenschaften einen Kompromiss-Vorschlag ausgearbeitet: Wir wollten den Audimax für fünf Vorlesungen in der Woche nutzen und die oberen Ränge des Hörsaals hätten weiterhin besetzt bleiben können.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Plenum diesen Vorschlag abgelehnt?

Karl: Ja. Am Dienstagabend kamen viele Wirtschaftswissenschaftler ins Audimax, um für den Kompromiss zu stimmen. Die Redeleitung zögerte eine Entscheidung bis 21 Uhr hinaus. Als dann über die Besetzung abgestimmt wurde, hatten die meisten Wirtschaftswissenschaftler, genervt von der Verzögerungstaktik, das Audimax bereits verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Fehlte es da an Sitzfleisch bei den Wirtschaftsstudenten - oder haben die Besetzer mit Tagesordnungstricks die Abstimmung beeinflusst?

Münch: Was Ludwig (Karl) sagt, stimmt so nicht: Ein Teil der Wirtschaftsstudenten hatte vor, ins Audimax zu kommen und mit sofortiger Abstimmung ihren Hörsaal zurückzufordern. Das konnte in diesem basisdemokratischen Plenum nicht funktionieren, es gab großen Redebedarf. Auch ich habe für den Kompromiss gekämpft und es tat mir persönlich weh, wie die Abstimmung gelaufen ist. Unsere Redeleitung war mit dem Ausmaß überfordert und hat es versäumt, die Rednerliste zu begrenzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn überhaupt sinnvoll, einen Hörsaal zu besetzen?

Karl: Nein, Wissenschaftsminister und Hochschulleitung lassen sich von der Besetzung nicht beeindrucken. Auch mit regelmäßigen bundesweiten Demonstrationen hätte eine ähnliche Medienresonanz erreicht werden können wie jetzt mit der Besetzung.

Münch: Ich sehe nicht, dass ein Protest ohne eine Besetzung eine ähnliche Intensität hätte. Und selbst wenn, so können wir unsere Forderungen hoffentlich schneller durchsetzten.

SPIEGEL ONLINE: In der Uni hängen Plakate mit den Worten "Tod dem Kapital". Gehören solche Parolen zu einem Bildungsstreik?

Karl: Anfangs haben stark linke Gruppen den Protest getragen, und Forderungen nach dem Weltfrieden oder der Veränderung unseres Wirtschaftssystems haben nun wirklich nichts mit besserer Bildung zu tun. auch Plakat mit den Worten "Smash BWLler" hingen aus, die nicht zum Frieden zwischen Besetzern und Wirtschaftswissenschaftlern beitragen. Innerhalb der Uni sollte man sich auf die Forderungen des Plenums beschränken und nicht nebenbei noch den Tod des Kapitalismus fordern.

Münch: "Smash BWLer" - so ein Plakat, auf dem Menschen beleidigt und bedroht werden, lehne ich ab, und ich werde mich im Plenum dafür einsetzen, dass solche Plakate hier nicht mehr hängen dürfen. Aber die Universität ist ein Ort, an dem wir über Politik diskutieren müssen. Neben jedem linksradikalen Plakat kann ein konservatives Plakat hängen, selbst wenn dann hundert Plakate über- und nebeneinander kleben.

SPIEGEL ONLINE: Viele Protestgegner sagen, das Plenum arbeite zu langsam.

Karl: Stimmt, die Arbeit im Plenum ist nicht effektiv. Die Besetzer haben eineinhalb Wochen gebraucht, bis ihre Forderungen an den Wissenschaftsminister überhaupt erst einmal ausformuliert waren.

Münch: Das ist eben Basisdemokratie. Aber ja, die Diskussionen sind manchmal nicht sonderlich effektiv. Wir haben schon darüber abgestimmt, ob wir jetzt abstimmen. Ich freue mich auf Wirtschaftswissenschaftler, die mitmachen und uns zeigen, was effizientes Arbeiten ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Besetzer des Audimax haben ein Forderungspapier ausgearbeitet. Wie steht ihr beide dazu?

Münch: Ich habe selbst daran mitgearbeitet und bin gegen Studiengebühren. Außerdem müssen wir aus den Studiengängen den Druck nehmen und die maximale Studiendauer ausweiten. Und jeder, der seinen Bachelor bestanden hat, soll auch einen Master machen dürfen.

Karl: Ich finde auch, dass in manchen Fächern die Maximalstudienzeit ausgeweitet werden soll. Die beiden weiteren Punkte sehe ich anders: Studiengebühren sind gut, weil sie die Lehre verbessert haben und so manchen Platz von Endlosstudenten freigeräumt haben - sie sollten aber nicht bei sozial schwächeren erhoben werden. Einen Master für alle Bachelorabsolventen halte ich nicht für sinnvoll. Es soll auch einen Leistungsanreiz geben.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzt ihr, wie steht die Mehrheit der Studenten zu dem Protest und den Besetzungen?

Karl: Meine Facebook-Gruppe "Bitte werft die Hippies aus dem Audimax der LMU!" hat inzwischen fast 1100 Mitglieder. Ich wollte den Besetzern damit zeigen, dass nicht alle Studenten ihrer Meinung sind. Die Besetzer stimmen darüber ab, ob sie weiter besetzen wollen - und legitimieren sich selbst. Dabei maßen sie sich an, für die Gesamtheit der Studierenden zu sprechen. Wir sind nicht generell gegen Protest, sondern gegen die jetzige Form. Mein Vorschlag ist eine Urabstimmung unter der Studierendenschaft über die Besetzung.

Das Gespräch führte Felix Scheidl



zum Forum...
Diskutieren Sie mit anderen Lesern!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.