Studentenschwund Das große Säbelrasseln

Auf der Suche nach den verlorenen Studenten wollen Wirtschaft und Politik mehr Abiturienten für ein Studium begeistern - ein handfester Konflikt mit den Hochschulrektoren bahnt sich an.


Weil ein Akademikermangel bevorsteht, wollen Wirtschaft und Politik studienmüde Abiturienten mit einer Info-Kampagne wieder in die Hochschulen locken. Doch die Rektoren stöhnen heute schon über zu viel Masse. Ihr Präsident Klaus Landfried droht sogar mit einer Verfassungsklage, wenn die Länder nicht in bestimmten Fächern wie Jura oder Medizin den Numerus clausus (NC) freiwillig verschärfen oder deutlich mehr Professoren einstellen.

Dabei hat eine interne 120-Seiten-Prognose über Studienanfänger und Hochschulabsolventen die Kultusminister jetzt massiv aufgeschreckt: Von den Abiturienten des Jahrganges 1999 bekundeten nur noch 57 Prozent Interesse an einem Universitätsstudium. Weitere 16 Prozent streben allenfalls zur Fachhochschule. Jeder vierte Abiturient verweigert sich. Noch größer ist die Unlust am Studium bei jungen Menschen mit Fachhochschulreife: 47 Prozent wollen von ihrer Studienzulassung keinen Gebrauch machen.

Seit 1990 sank die Studienneigung bei jungen Menschen insgesamt kontinuierlich ab, von 82 Prozent auf 68 Prozent heute. Nach dem Informatikermangel und der Green-Card-Debatte fehlen jetzt die Lehrer für den anstehenden Generationenwechsel in den Schulen. Viele sehen bald neue Lücken bei Ingenieuren, Chemikern und Biologen voraus.

Ein Blick auf die Arbeitsmarkstatistik macht deutlich, dass sich heute selbst für die schon abgeschriebenen Germanisten, Altphilologen und Kunsthistoriker das Studium lohnen kann. Die Arbeitslosenquote ist der Akademiker insgesamt mit 4,6 Prozent nicht mal halb so hoch wie die von Erwerbstätigen ohne Studium (über zehn Prozent). Die bis vor wenigen Jahren noch als Schreckgespenst an die Wand gemalte "Akademikerschwemme" mit dem taxifahrenden "Dr. Arbeitslos" blieb eine Stammtischfiktion.

Nicht nur vor diesem Hintergrund sind das neue "Säbelrasseln" der Rektoren und die Rufe nach 40 Prozent Studienplatzabbau im Massenfach Jura den Kultusministern sauer aufgestoßen. Kommen doch die massiven Geldforderungen der Hochschulen ausgerechnet in einem Jahr, wo die Länder erstmals fast 18 Milliarden Mark Einnahmeausfälle durch die Steuerreform verkraften müssen. Von "Prinzenerziehung" ist in der Ministerrunde spöttisch die Rede, wenn die Rektoren ausgerechnet in der Buchwissenschaft Jura Seminargrößen auf 25 Teilnehmer beschränken wollen - um dann nach der Kapazitätsverordnung möglichst viele Bewerber wegen vermeintlicher Überfüllung abweisen zu können.

Die unmittelbare Folge wären Überlauf- und Verdrängungseffekte, ebenso geweckte Begehrlichkeiten bei anderen Fächern. "Heute Jura und Medizin, morgen Biologie und Architektur", fürchten Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) und sein Amtskollege aus Rheinland-Pfalz, Jürgen Zöllner (SPD), übereinstimmend. Doch Landfried will die "Betreuungsrelation" - das Zahlenverhältnis zwischen Studenten und Dozenten - zum Thema seiner Amtszeit machen und droht der Politik mit härterer Gangart. In den EU-Nachbarländern säßen schließlich auch weniger Studenten pro Professor im Hörsaal.

Doch da müssen die Dozenten meist auch viel mehr Stunden unterrichten und bekommen viel weniger Geld - sieht man von einigen Spitzenkönnern ab. "Wenn die Rektoren den europäischen Vergleich wollen, können sie ihn bekommen", heißt es verärgert bei den Ministern von SPD wie Union. Doch Landfried ruft unbeirrt weiter nach einem schärferen Numerus clausus. Die deutschen Universitäten seien "der denkbar ungeeignetste Ort, junge Leute, die für ein Studium nicht geeignet sind, von der Straße fern zu halten".

Dabei haben die Hochschulen anderer Industriestaaten offenbar nicht so viele Probleme, mehr junge Menschen eines Altersjahrganges zum Studium zuzulassen. In Deutschland studieren nur 28 Prozent. Im Durchschnitt der OECD-Länder sind dies schon über 40. Frankreich liegt bei 50 Prozent. Auch Polen hat die Bundesrepublik längst überholt, und die deutsche Wirtschaft blickt schon erwartungsfroh auf die EU-Osterweiterung - auch wegen des dort gut ausgebildeten Arbeitskräftepotenzials, wie unlängst eine Tagung in Berlin zeigte.

Karl-Heinz Reith, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.