Studentenstreiche Die Hack-Ordnung der Nerds

Wie kommt eine Toilette, Kuh oder Telefonzelle aufs Uni-Dach? Das Geheimnis kennen allein die Studenten des Bostoner MIT. Sie verüben an ihrer Elite-Hochschule regelmäßig Streiche der absurdesten Art - und schaffen es durch besondere Cleverness fast immer, unentdeckt zu bleiben.

Von Pia Volk


Was hat eine Toilette auf einem Dach zu suchen? Wer Anfang Oktober 2008 die Vassar Street in Cambridge, Massachusetts, entlangschlenderte, konnte eine bewundern, inklusive Klopapierhalter und einer Ersatzrolle. Das Haus mit dem voll funktionsfähigen Freiluftklo steht auf dem Gelände des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Studenten vor dem MIT: Nichts als Flausen im Kopf
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Studenten vor dem MIT: Nichts als Flausen im Kopf

Die Aktion ist nur einer der vielen Streiche, die Studenten des MIT sich jedes Jahr erlauben. Die Klo-Installation war eine Reminiszenz an eine Folge der TV-Serie "Scrubs", in der Menschen eine Toilette auf einem Dach nutzen und danach die Lösung ihrer Probleme finden.

Das MIT liegt in Cambridge, direkt am Charles River, auf der anderen Seite des Flusses sieht man die Skyline von Boston. Auf dem weitläufigen Campus studieren keine Durchschnittsmenschen: 16 Nobelpreisträger hat die Universität hervorgebracht, nur Harvard und das California Institute of Technology (Caltech) können auf noch mehr Preisträger verweisen.

Um sich vom anstrengenden Studium zu erholen, haben es sich die MIT-Studenten zur Tradition gemacht, Streiche zu spielen. 15 bis 20 sind es jedes Jahr. Sie nennen es "hacking", aber mit Computerknacken und Viren hat es nichts zu tun (das heißt am MIT "cracking").

Studenten haben Telefonhörer in Radioempfänger umgebaut, so dass Musik ertönte, sobald man den Hörer von der Gabel nahm. Andere haben eine Notausrüstung für Zombie-Attacken in der Lobby der Neurowissenschaften plaziert, so unauffällig, dass es aussah, als gehörte sie zum Inventar. Eines haben alle Streiche gemeinsam: Sie machen sich über die eigene Tätigkeit, über das Ingenieurswesen und das akademische Leben lustig. Aber nie weiß man, wem man diese Scherze zu verdanken hat.

"Ein wenig Dampf ablassen"

"Manchmal behauptet jemand, er habe bei einem Hack mitgemacht, aber es gibt keine Möglichkeit, das Ganze zu überprüfen", sagt Daniel Kamalic, ein ehemaliger Student des MIT, der die Hacks-Internet-Sammlung IHTFP (Interesting Hacks To Fascinate People) betreut. "Das Rätselraten über die Verursacher eines Streichs trägt zur Legendenbildung bei."

Brian Leibowitz hat die Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Auch er war selbst einst Student am MIT und hat ein Buch über das Hacking geschrieben. Leibowitz stöberte Fotos, Zeitungsartikel und auch Hacker selber auf. "Die meisten Leute machen Hacks, um ein wenig Dampf abzulassen", sagt er. "Hacks sind eine kreative Art, sich von dem Uni-Stress zu erholen und etwas Abstand zu gewinnen."

Die Geschichte des Hacking beginnt Ende des 19. Jahrhunderts mit eher harmlosen Späßen: Man tröpfelt kleine Mengen an Stickstoffiodid, das leicht explosiv ist, auf den Boden des Chemiesaals. Arrangiert die Möbel in Gemeinschaftsräumen neu. Klaut die Fahnen der anderen Jahrgänge.

Aber an einem Frühlingstag 1928 wird der Schabernack grotesker. Das Lokalblatt "Boston Herald" berichtet: "Polizei findet Kuh auf Dach eines fünfstöckigen MIT-Studentenwohnheims." Eine Gruppe namens "Dorm Goblin" (Wohnheim Kobold) bekennt sich zu dem Streich. Wer sich dahinter verbirgt, bleibt geheim.

"Heute würde man so etwas nicht mehr tun, denn die Hacker haben sich selbst einen Verhaltenskodex auferlegt, dazu gehört unter anderem, nichts und niemanden zu beschädigen oder in Gefahr zu bringen", sagt Leibowitz. Der Nervenkitzel besteht darin, nicht erwischt und durch Anonymität zum Mythos zu werden.

Ein Jahr nach dem Kuh-Streich schaffen Studenten ein Auto in den Keller eines Wohnheims, weil sie finden, der Wagen sei unsachgemäß geparkt gewesen. Man braucht 16 Helfer und einen Traktor, um es dort wieder herauszubekommen.

Tänzerin wird zur Entertainment-Professorin

Nicht alle Hacks haben einen technischen Hintergrund. Manche entstehen aus der alten Rivalität zur Harvard Universität, die nur einige hundert Meter die Straße hinauf ihren Campus hat. In den vierziger Jahren geht man dazu über, Menschen umzulotsen, die dort bei Veranstaltungen auftreten sollen. Im Mai 1941 gibt sich ein MIT-Student als Abgesandter von Harvard aus und holt Sally Rand, eine Sängerin und Tänzerin, ab. Sie soll bei der Begrüßungsfeier der Erstsemester in Harvard auftreten. Stattdessen findet sie sich am MIT wieder, wo ihr der Titel "Außerordentliche Professorin für Entertainment und Ingenieurswesen" verliehen wird - bevor man sie dann doch noch nach Harvard bringt. "Die Performance-Hacks waren sehr beliebt bis in die sechziger Jahre hinein", sagt Leibowitz.

Danach werden die Streiche technisch ausgefeilter. In den Achtzigern verfrachten Hacker eine Telefonzelle mit funktionierender Innenbeleuchtung auf die große Kuppel. Als die Campuspolizei den Aufbau entdeckt, klingelt der Apparat.

"Seit der Milleniumswende bezieht man sich in seinen Hacks gerne auf Kinofilme", sagt Leibowitz. Über Nacht gibt es plötzlich ein Jurrassic-Park-Research-Gebäude. Über einem anderen Haus erscheint das Zeichen aus "Harry Potter". Die große Kuppel bekommt mit ein paar bunten Tüchern das Antlitz des Roboters R2-D2 aus "Star Wars".

Hacker versuchen meist das Unmögliche, und um das zu erreichen, braucht man jede Menge Fachkenntnis und Geschick. Man muss Details beachten und alles von Anfang an genau planen.

Es ist ein wenig, als müsste man ein kleines Ingenieursprojekt koordinieren. Mit der zusätzlichen Schwierigkeit, dass die Hacks preisgünstig in der Herstellung, schnell zu installieren und problemlos zu entfernen sein müssen.

Die Sache mit der XXL-Brustwarze klappte nicht

"Das Polizeiauto der Campuspolizei, das 1994 auf der Kuppel stand, war gar kein Auto", sagt Kamalic. "Es hatte nur die Karosserie eines Wagens, aber die einzelnen Teile waren auf einen Holzrahmen montiert." Es seien bestimmt 15 bis 20 Leute nötig, um diesen Streich zu organisieren, schätzt er - man müsse die Teile ja anmalen, auf das Dach schaffen und dort dann zusammenbauen.

Die Hacker achteten besonders auf Details: Sie legten einer lebensgroßen Polizistenpuppe eine Packung Donuts in den Schoß. Auf der Stoßstange des Wagens prangte ein Aufkleber: "Ich bremse für Donuts." Dieser Hack war ein Seitenhieb auf die Campuspolizei, die einige Streiche vereitelt hatte - zum Beispiel jenen 1978, als eine Gruppe versuchte, eine übergroße Brustwarze aus Pappmaché auf der Kuppel der Bibliothek zu plazieren.

Die Universitätsverwaltung steht den Hacks zwiespältig gegenüber. Natürlich amüsiert man sich über die Hacks und freut sich, dass die Studenten ihr erlerntes Wissen in ihrer Freizeit anwenden. Auf der anderen Seite macht man sich Sorgen über die Sicherheit auf dem Campus und diskutiert Haftungsfragen. "Wenn jemand erwischt wird, dann wird das Uni-intern geregelt", sagt Kamalic. Die Studenten müssen meist ein Bußgeld bezahlen oder ein paar Arbeitsstunden ableisten.

Vermutlich werden sie dann fluchen und sagen: IHTFP - "I Hate This Fucking Place".



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