Studentenvermessung 2010 Warum Studieren ein Knochenjob ist

Wie verkraften Studenten das Bachelor-Studium? Wie stark belasten sie die Studiengebühren? Eine neue Studie zeigt: Wer es aus kleinen Verhältnissen an die Uni schafft, den treffen die Gebühren hart. 44-Stunden-Wochen sind für Studenten normal - vor allem, weil sie Geld verdienen müssen.
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Hach, Studenten haben so viel Zeit. Die schönste Zeit meines Lebens war das, raunzt der akademisch gebildete Vater seiner Tochter zu - doch die hört kaum hin, vor Eile. Gleich muss sie arbeiten und dann wieder lernen. Also aufs Rad, vorher aber noch schnell heim ins kleine WG-Zimmer. Das kostet eine Menge in dieser schönen Stadt, aber was tut man nicht alles. Immerhin zahlen die Gebühren die Eltern und legen auch so noch einige hundert Euro drauf, sonst wäre der Alltag zwischen Job, Uni und dem bisschen Freizeit kaum erschwinglich.

So sieht es aus, das Studentenleben 2010, abgeleitet aus einer neuen Studie des Deutschen Studentenwerks und des Bundesbildungsministeriums. Alle drei Jahre erscheint das Werk unter dem Titel "Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks", am Freitag bereits in der 19. Auflage (die komplette Studie hier  als pdf).

Das Papier gibt Antworten auf Fragen, die Hochschulforscher seit langem umtreiben: Wie verkraften die Studenten ihre Ausbildung im inzwischen flächendeckend eingeführten Bachelor- und Master-System? Und: Wie sehr belasten die Studenten die seit Sommer 2007 in derzeit fünf Ländern erhobenen Studiengebühren? Und treffen in der Regel 500 Euro Campusmaut manche härter als andere?

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Studenten-Studie: Wie sie leben, wo sie wohnen, was sie verdienen

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Kurz gesagt: Die Studenten leiden am Bachelor, jeder fünfte empfindet die Last als zu hoch - aber die Bachelor-Wut, die die akademische Jugend im Winter auf die Straßen peitschte, scheint leicht übertrieben, zumindest bezogen auf die Stundenzahl. Die Sozialerhebung bestätigt, dass sich die Uni-Arbeitzeit im Durchschnitt kaum erhöht hat. Mit 20 Präsenzstunden und 17 Stunden Selbststudium an der Uni muss ein Bachelor nur etwas mehr studieren als der Diplomstudent und deutlich weniger als Studenten auf dem Weg zum Staatsexamen, etwa im Medizin- und Jurastudium.

Von wegen Dolce vita: Studenten sind Vollzeit-Arbeiter

Die Gesamtarbeitszeit aus Hochschulstudium und Job ist allerdings beträchtlich: Im Schnitt kommt ein Student auf eine 44-Stunden-Woche. Ein knappes Drittel arbeitet sogar gut 50 Stunden für Job und Uni - gäbe es eine Studentengewerkschaft, wäre die vermutlich auf den Barrikaden. Das Bild vom faulen Studenten, das in grauer Vorzeit aus antistudentischen Ressentiments entstand, ist mehr als passé. Zwei von drei Studenten arbeiteten neben dem Studium, um Geld zu verdienen. Jeder vierte Student geht Woche für Woche 17 Stunden und mehr einer Erwerbsarbeit nach, im Mittel sind es 13,5 Stunden pro Woche und damit eine Stunde mehr als noch 2006. Unter der gestiegenen Last leiden Studium und Freizeit gleichermaßen, ermittelten die Forscher.

Studiengebühren bezahlt in Deutschland knapp jeder zweite Student, wobei manchen Studenten Ausnahmen wie Geschwisterregelungen helfen, der Campusmaut auszuweichen. Fast ein Fünftel der Studenten in Gebührenländern bleibt so verschont - ein Umstand, der Zweifel an der Gerechtigkeit der Gebührensysteme nährt.

Eine auf den ersten Blick banale Erkenntnis lautet: Wer sich Studiengebühren leisten kann, für den sind sie auch kein Problem. Der Mehrheit zahlen die Eltern die Gebühren, zumindest teilweise. Doch was ist mit den anderen?

Habenichtse in der Gebührenfalle

Dass die Campusmaut auf Abiturienten mit Geldsorgen abschreckend wirkt, ist bekannt. Gebührenverfechter versprachen zur Einführung der Maut in damals sieben Bundesländern, mit Stipendien und günstigen Krediten zu helfen, doch passiert ist wenig. Verschulden wollen sich besonders die Studenten aus ärmeren Verhältnissen nicht gern. Das Gros versucht, mit mehr Jobben die Mehrkosten aufzufangen; an die Studienkredite traut sich nur jeder zehnte Gebührenzahler ran. Hinzu kommt, dass die von den Studiengebühren befreiten Studenten öfter aus der sozialen "Herkunftsgruppe hoch" stammen. Das bedeutet: Die Kinder von Besserverdienenden profitieren überdurchschnittlich von Studiengebührenrabatten.

Laut Studentenwerk erschwert die Lage der Studenten aus einkommensschwachen, hochschulfernen Schichten, dass sie weniger mobil sind. Dass eine Gebührenflucht in Länder ohne Campusmaut bislang ausgeblieben ist, beruhige ihn daher nicht, sagt der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Rolf Dobischat, denn: "Die besonders von den Gebühren belasteten können gar nicht fliehen."

Dobischat bringt das mit einem Satz auf den Punkt, der es in sich hat: "Schafft es ein Kind trotz Selektion im Schulsystem als einziges aus einer bildungsfernen und einkommensschwächeren Familie an die Hochschule, dann steht es schon wieder vor einer neuen Hürde" - der Campusmaut. Man könnte auch sagen: Studiengebühren machen den Habenichtsen den Bildungsaufstieg noch ein bisschen schwerer, als er ohnehin schon ist.

"Soziale Selektion erschreckend stabil"

Das im Vergleich zu 2006 deutlich gestiegene Bafög ist da ein leichtes Korrektiv, doch das typisch deutsche Problem bleibt laut Dobischat bestehen: Auch 2010 sei man "von einer sozial offenen Hochschule weit entfernt". Es entscheide weiter der Bildungsabschluss der Eltern maßgeblich darüber, ob jemand studiert oder nicht. "Die Akademiker reproduzieren sich selbst", so der Studentenwerkspräsident.

Den Effekt nennen die Forscher gern "Bildungstrichter", die Ergebnisse sind weniger niedlich als der Begriff: Kippt man oben 100 Akademikerkinder hinein, kamen im vergangenen Jahr immerhin 71 Studienanfänger unten heraus. Bei 100 Arbeiterkindern sind es dagegen nur 24. Damit sind die Chancen der Kinder aus einem Akademikerhaushalt knapp dreimal besser, es an eine Hochschule zu schaffen.

Für die Arbeiterkinder hat sich an ihrer Quote seit vielen Jahren nichts geändert, etwas ratlos stellt das Studentenwerk allerdings fest, dass im Erhebungsjahr 2007 deutlich weniger Akademikerkinder an die Hochschulen gingen als 2003 und 2005 (jeweils 83 von 100). Offenbar ist das Studium auch für Kinder aus akademischem Elternhaus weniger attraktiv geworden. Das Fazit Dobischats bleibt dennoch: "Die grundlegende soziale Selektion ist weiterhin erschreckend stabil."

Eltern zahlen weniger, Studenten jobben mehr

Die Einkünfte der Studenten sind leicht gestiegen, im Schnitt verfügt der ledige Student, der nicht bei seinen Eltern wohnt, über 812 Euro im Monat. Jeder fünfte muss dabei mit weniger als 600 Euro auskommen, ein weiteres knappes Fünftel hat sogar mehr als 1000 Euro an Einkünften. Die wichtigste Geldquelle sind nach wie vor die Eltern, von denen fast 90 Prozent den Nachwuchs mit durchschnittlich 445 Euro monatlich unterstützten. Ein hoher Betrag, doch nominell ist der Anteil der Einkünfte über die Eltern um knappe vier Prozent gefallen, in allen sozialen Gruppen bekommen die Studenten weniger Geld von zu Hause.

Dobischat sieht die Eltern mittlerweile "am Rande ihrer finanziellen Möglichkeiten", besonders Studenten aus kleinen Verhältnissen, "aus den Herkunftsgruppen niedrig und mittel stoßen an ihre Belastungsgrenzen". Zum ersten Mal seit 1991 sind die Elternzuwendungen zurückgegangen, Grund sei neben der Wirtschaftskrise auch die Zusatzbelastung durch Studiengebühren.

Mietspiegel der Studentenbuden

Zwei Drittel der Studenten verdienen mit ihren Jobs im Schnitt 323 Euro monatlich. Das bedeutet einen Zuwachs sowohl bei der Zahl der arbeitenden Studenten als auch den Einkünften, der nominelle Anstieg beträgt stolze 13 Prozent. Durch die Bafög-Erhöhung im Herbst 2008, die erste nach sieben mageren Jahren, erhielten Studenten im vergangenen Jahr 430 Euro im Schnitt. Das Studentenwerk lobt die Erhöhung, merkt aber kritisch an, dass die Zahl der Empfänger nicht gestiegen sei.

Ein Drittel ihrer Einkünfte geben Studenten für die Miete aus. Die mit Abstand teuersten Studentenstädte sind dabei Hamburg und München, sie liegen mit einem mittleren Mietpreis einschließlich Nebenkosten bei 345 beziehungsweise 348 Euro im Monat. Im deutschen Durchschnitt liegt die Monatsmiete bei 281 Euro. Der Anteil der Studenten, die allein wohnen, ist 2006 erneut gesunken. Weil die finanziellen Belastungen steigen, weichen die Studenten auf die günstigeren Wohnformen WG und Wohnheim aus. Fast ein Viertel wohnt bei den Eltern, vor zehn Jahren war es nur jeder Fünfte.

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