Keine Visa für Studienbewerber Sie wollen bei uns studieren? Ernsthaft?

Samir, 21, aus Marokko hat Zusagen von fünf deutschen Hochschulen - doch die Botschaft lässt ihn nicht ins Land. Dabei will die Bundesrepublik ausländische Studenten locken.
Hörsaal einer deutschen Uni: Marokkanische Studenten willkommen?

Hörsaal einer deutschen Uni: Marokkanische Studenten willkommen?

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Ein Jahr lang hat sich Samir, 21, auf Deutschland vorbereitet, einen Sprachkurs belegt, sich an den Hochschulen beworben, viel Geld investiert. Fünf Zusagen hat der Marokkaner bekommen; er entschied sich für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt. "Albert Einstein hat Darmstadt schon empfohlen", sagt Samir, der eigentlich anders heißt. "Das muss eine gute Uni sein."

Es gibt nur ein Problem: Samir bekommt kein Visum.

Wer nicht aus der EU oder etwa der Schweiz, sondern aus einem sogenannten Drittstaat wie Marokko zum Studieren kommen will, wird doppelt überprüft. Einmal von der Hochschule, einmal von der Botschaft. Das Absurde: Beide schauen mitunter auf dieselben Kriterien - und kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

An einem Tag im November um 9 Uhr hatte Samir einen Termin in der deutschen Botschaft in Rabat zum Interview. Warum möchten Sie in Deutschland studieren? Warum Darmstadt? Warum Wirtschaftsinformatik? Das seien die Fragen gewesen, erinnert sich Samir. Er habe geantwortet, dass er keine Zeit verplempern wolle, ernsthaft studieren, etwas Vernünftiges lernen. Deutschland habe einen guten Ruf.

Für seinen Traum hat Samir viel Geld zusammengetragen: 8040 Euro musste er vorab auf einem deutschen Konto hinterlegen. Die Behörden verlangen diese Summe von jedem Nicht-Europäer, um sicher zu gehen, dass er den Lebensunterhalt selbst finanzieren kann.

Dazu kamen Kosten für die Beglaubigungen von Zeugnissen, für einen Deutschkurs beim Goethe-Institut, für Gebühren, die mit den Bewerbungen bei den Hochschulen anfallen. Rund 12.000 Euro habe alles zusammen gekostet, sagt Samir. Eine Summe, mit der man in seinem Heimatland ein reicher Mann sei.

Elf Tage nach dem Termin in der Botschaft bekommt Samir Post: kein Visum. Die Gründe listet der Brief nur sehr knapp auf: "Erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Studienabsichten und am Studienerfolg."

Absage der deutschen Botschaft in Rabat: "Erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit"

Absage der deutschen Botschaft in Rabat: "Erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit"

Fünf deutsche Hochschulen gingen davon aus, dass Samir alle Voraussetzungen für das Studium erfüllt. Dass er es schaffen kann. Nur die Botschaft, die weder Prüfungsordnungen schreibt noch Klausuren korrigiert, bezweifelt genau das.

Die Regierung will mehr Studenten aus dem Ausland

Deutschland gibt sich gerne weltoffen, gerade für angehende Akademiker. Bis 2020 will die Bundesregierung die Zahl der ausländischen Studenten auf 350.000 steigern, so steht es im Koalitionsvertrag. Und tatsächlich: Die Zahl der Studentenvisa, die Deutschland vergibt, ist stark gestiegen. Fast 39.000 waren es 2014, fünf Jahre zuvor waren es nicht einmal halb so viele.

Ist Deutschland also liberaler bei der Visa-Vergabe geworden? Schwer zu sagen. Das Auswärtige Amt erfasst nicht, wie viele Interessenten sich in den konsularischen Vertretungen rund um die Welt für ein Studentenvisum bewerben und wie viele wie Samir letztlich abgelehnt werden.

Der Verein Uni-Assist, der für die meisten Hochschulen ausländische Bewerbungen überprüft, bearbeitete im vergangenen Jahr die Unterlagen von 35.302 Studieninteressenten aus Drittstaaten. Das liegt recht dicht an der Zahl der vergebenen Visa und legt somit eher nahe, dass Ablehnungen selten sind. Die Unis bekommen das nur mit, wenn sich einzelne Abgelehnte bei ihr melden: Die TU Darmstadt, zu der Samir wollte, etwa berichtet, dass kürzlich ein Student nicht kommen konnte, weil die Botschaft offenbar höhere Sprachkenntnis verlangte als die Hochschule.

Samir berichtet, auch anderen Teilnehmern seines Deutschkurses sei es ergangen wie ihm. In einer Facebook-Gruppe mit mehr als 300 Mitgliedern  stellen manche ihren Ablehnungsbescheid ein. Die Schreiben sind sehr ähnlich, immer knapp - und jedes Mal heißt es, die Botschaft zweifle am Studienerfolg. Das Auswärtige Amt erklärt dazu, dass die Botschaft in Rabat alle Anträge nach den gesetzlichen Vorgaben prüft. Das Problem aus Sicht des Amtes: Bei den Unis zählten "allein hochschulpolitische und keine migrationspolitischen Aspekte".

Eigentlich sollte die Aufgabenverteilung klar sein: Die Hochschule prüft, ob ein Bewerber die Voraussetzungen für ein Studium erfüllt. Die Botschaft kontrolliert, ob andere Punkte gegen eine Einreise nach Deutschland sprechen. Das hat im vergangenen September sogar der Europäische Gerichtshof (EuGH) festgestellt.

Ein Tunesier, der trotz Uni-Zusage wiederholt am Visum gescheitert war, hatte geklagt. Die Luxemburger Richter verwiesen auf eine europäische Richtlinie, wonach ein Studentenvisum bei einer Studienzulassung nur in klar definierten Ausnahmefällen verwehrt werden darf - etwa wenn ein Bewerber eine "Bedrohung für die öffentliche Ordnung" darstellt. Eigenmächtig dürften Botschaften keine weiteren Kriterien entwickeln, mahnte der EuGH.

Unterschriften sollen die Botschaft umstimmen

Doch für die deutsche Praxis bedeutet die Entscheidung wenig. Ende Januar entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass dem Tunesier weiterhin die Einreise verwehrt werden dürfe. Die Begründung: Die Botschaften dürften zwar keine neuen Kriterien entwickeln, müssten aber darauf achten, dass das Studentenvisum nicht missbraucht werde. Und darum dürften sie letztlich doch prüfen, ob ein Bewerber sein Studium schaffen kann. So vergrößern die Auslandsvertretungen ihren Spielraum bei der Visavergabe. Sie müssen keine Sicherheitsbedenken begründen, es genügt, die Ernsthaftigkeit des Studieninteresses anzuzweifeln.

Ähnlich schwierig wie Samir können es Bewerber aus Krisengebieten haben. Schnell sehen sie sich mit dem Verdacht konfrontiert, eher Kriegsflüchtling als ernsthaft Studieninteressierter zu sein. Mitunter sind sie beides. Abgelehnt wurde so auch eine Freundin von Lanna Idriss. Die Frankfurterin mit syrischen Wurzeln wollte die junge Frau zum Studium nach Deutschland holen und bot sich auch als ihre Bürgin an. Studieren sei in Syrien zu unsicher, sagt Idriss.

Bei der Uni klappt alles, aus Marburg erhielt die Freundin eine Zusage für Anglistik. Nur die Botschaft sperrte sich mit der Begründung, die Noten seien zu schlecht. Nun will Idriss die Behörden davon überzeugen, dass ihre Freundin das Studium schaffen wird.

Bessere Zeugnisse wird sie kaum auftreiben können, deswegen hat sie 332 Unterschriften gesammelt, darunter viele Studenten und Marburger Professoren. Viele bekundeten, die junge Frau bei Problemen im Studium ehrenamtlich unterstützen zu wollen. Idriss sagt: "Wie sonst soll man solchen Zweifeln antworten?"

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