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Master-Sorgen: Wenn der Bachelor zur Sackgasse wird

Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

Studentenzorn in Köln Mit Note 2 zu schlecht für den Master

Umzugskisten packen heißt es derzeit für viele Kölner BWLer. Weil ihre Uni nur Bewerber bis Note 1,9 für den Master zuließ, können zwei Drittel der eigenen Bachelor-Abgänger ihr Studium nicht in der Domstadt fortsetzen. Die Aussortierten fühlen sich von ihrer Ex-Uni im Stich gelassen.

Auf den Nordseeurlaub in Sylt hatte sich der Kölner BWL-Bachelor Thilo Heyer, 22, lange gefreut. Die Abschlussarbeit war fertig, die letzten Klausuren überstanden, die Online-Bewerbung für den Masterstudiengang abgeschickt. Den Sommer zwischen Bachelor und Master wollte der Absolvent am Meer genießen und ausspannen.

Doch das Schreiben, das Thilo Heyer Anfang August in seinem E-Mail-Postfach fand, wirbelt nicht nur den Urlaub, sondern seine gesamte Zukunftsplanung durcheinander.

"Sehr geehrte Bewerberin, sehr geehrter Bewerber,

wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihnen leider kein Studienplatz
in einem Masterstudiengang an der WiSo-Fakultät (...) zugeteilt wurde. Keine Ihrer Präferenzen konnte berücksichtigt werden. Ein Nachrückverfahren ist nicht vorgesehen.

Für Ihre weitere berufliche und akademische Zukunft wünschen Ihnen alles
Gute.

Mit freundlichen Grüßen
Geschäftsstelle des Zulassungsausschusses"

Thilo Heyer verstand die Welt nicht mehr. Eine Absage hatte er nicht auf der Rechnung gehabt. Fassungslos saß er vor seinem Laptop in der Sylter Ferienwohnung. Mit einem Bachelor-Schnitt von 2,0 gehört er zu den besten 20 Prozent seines Jahrgangs. "Ich war mir relativ sicher, dass ich genommen werde", sagt er. Doch die automatisch generierte Absage-Mail beendete Thilos Zukunftsplanung. Und nicht nur Thilos Wünsche sind geplatzt: Die Uni Köln nimmt zum Wintersemester 2010/2011 gerade einmal ein Drittel ihrer eigenen Bewerber in die fünf verschiedenen Masterprogramme im Fach BWL auf.

"Das Problem zieht sich durchs ganze Land"

Elf Jahre nach dem Start der tritt nun ein, was Mahner schon befürchtet hatten als die Mammut-Reform 1999 beschlossen wurde: Der Bachelor kann für Studenten zur Sackgasse werden, sie müssen in Massenfächern wie BWL an eine Feld-Wald-und-Wiesen-Hochschule umziehen, wenn sie keine gute bis sehr gute Bachelor-Note haben.

2003 beschloss die Kultusministerkonferenz, dass der Bachelor der Regelabschluss ist. Wer drei Jahre alle Credits für den Bachelor gesammelt hat, ist nicht wie früher in der Mitte sondern am Ende seines ersten Studiums. Und das Angebot an Masterplätzen ist geringer als die Zahl der Bachelor-Absolventen an einer Hochschule. Das ist politisch so gewollt.

Bereits im vergangenen Jahr sorgte das Übergangs-Dilemma an der Uni Potsdam für Aufregung. In den Bio-Wissenschaften legte die Universität eine Notengrenze von 2,6 für den Master fest. Viele Bachelor-Studenten waren wütend, dass sie jetzt umziehen sollten.

"Das Problem zieht sich durchs ganze Land", sagt Anja Graf-Gadow vom Freien Zusammenschluss StudentInnenschaften (fzs). Der fzs hatte auf der von Bund und Ländern groß inszenierten Bologna-Konferenz im Mai konkrete Zahlen von Universitäten und Landesministerien gefordert - doch die rücken keine raus, sagt Graf-Gadow.

"Hier werden Zukunftspläne verbaut, wenn nicht gar zerstört", sagt Oliver Jesper von der Fachschaft der Kölner Wirtschaftsstudenten. Den Grund für die verpatzte Vergabe der Masterstudienplätze sieht Jesper in "fehlgeschlagenem Protektionismus". Die Universität hatte im Vorfeld der Bewerbungen bestimmte Zugangsvoraussetzungen festgelegt. Um sich bewerben zu können, mussten Bachelor-Absolventen beispielsweise bestimmte Mindestpunktzahlen in BWL und VWL erreichen. "Die Uni dachte, dass dadurch sowieso nicht alle Studierenden von Fachhochschulen und Universitäten die Möglichkeit haben, sich zu bewerben", erklärt Jesper. Offenbar ein Trugschluss.

Aussortiert: Vom gefeierten Studenten zum Uni-Heimatlosen

215 Masterstudienplätze im Fach BWL hat die Uni Köln zum kommenden Wintersemester vergeben, heißt es bei der Fachschaft. Die Uni selbst will keine Zahlen nennen. Interessenten gab es aber dreimal so viele, also rund 650. Für die Kölner Bachelor-Absolventen galt am Ende der gleiche Schlüssel, wie für alle andere auch: Zwei von drei Bewerbern fanden eine Absage in ihrem Postfach.

Gestartet war das Masterprogramm bereits im vergangenen Wintersemester - da noch ausschließlich mit externen Bachelors. Schon damals sei das Programm fast voll gewesen, erinnert sich Oliver Jesper von der WiSO-Fachschaft. Auch Student Thilo Heyer war sich bewusst, dass es knapp werden könnte. "Ich ging aber davon aus, dass die Uni sich etwas einfallen lassen wird, um die eigenen Absolventen durchzuschleusen."

Merle Hettesheimer, Sprecherin der Uni Köln, betont, dass man vor allem darauf bedacht gewesen sei, ein objektives Bewertungskriterium zu schaffen. Die Studienplätze sollten für jedermann offen sein. Das Problem: Die Uni entschied sich, die Bachelor-Note als einziges Kriterium einzuführen. Sonstiges Engagement, Praktika, Auszeichnungen - alles unwichtig.

"Da sind richtig Tränen geflossen"

Bachelor-Absolvent Marius*, 23, hatte drei Semester zuvor noch den Dean's Award der Uni Köln bekommen. Der Preis wird an die besten zehn Prozent eines Jahrgangs vergeben. Als "Elite und Repräsentanten unserer Einrichtung" waren die Studenten bei der Preisverleihung gelobt worden, erinnert sich Marius. Sein Bachelor-Schnitt lag am Ende bei 2,0 - eine Kölner Masterplatz bekam er nicht.

"Ich war geschockt und fassungslos", sagt er über den Moment in dem er die E-Mail las. Es war besonders die "Arroganz der Universität", die den Studenten erschreckte. Er rief seine Kölner BWL-Freunde an. Alle hatten die selbe Mitteilung bekommen. "Da sind richtig Tränen geflossen", sagt Marius. Für ihn ist es unverständlich, dass die Uni Köln die eigenen guten Bachelor-Absolventen vor die Tür setzt.

Werner Mellis, der Prodekan für Lehre, Studium und Forschung weist die Verantwortung von sich. Im Rahmen des Hochschulgesetzes und der europäischen Gleichstellungsgesetze sei es nicht möglich, Kölner Bachelor-Absolventen gegenüber anderen zu bevorzugen. "Wir bewegen uns in einem sehr eng gesteckten Rahmen aus Gesetzen und Verordnungen."

Marius und Thilo stören am Verfahren ihrer ehemaligen Uni vor allem zwei Dinge: Dass Köln ausschließlich nach Note auswählte - während die Uni zugleich ungleich strenger bewerte als andere Hochschulen.

Köln bewertet härter - schlecht, wenn man in den Master will

Dass es in der Kölner BWL härter zur Sache geht als an anderswo, davon sind beide überzeugt. Eine ältere Erhebung des Wissenschaftsrates belegt die besondere Kölner Strenge für 2005. Mit einem Schnitt von 2,33 war Köln im deutschlandweiten BWL-Diplom-Vergleich damals Drittletzter. Und auch Uni-Sprecherin Merle Hettesheimer deute an: "Dass Absolventen anderer Hochschulen deutlich bessere Abschlüsse gemacht haben, könnte daran liegen, dass dort die Kriterien einfacher waren als in Köln."

Weiterer Kritikpunkt für Thilo und Marius: Auslandserfahrung und Engagement blieben bei der Master-Zulassung außen vor. Thilo hatte sich in Asta und Fachschaft engagiert, zwei Praktika in London und Köln absolviert. Auch Marius war nicht gerade faul. Er war ein Semester in Barcelona und arbeitete als Werkstudent bei einer Wirtschaftsprüfung.

Im April hatte sich Marius gleich an mehreren Unis beworben - und dabei gemerkt, wie unterschiedlich das Kölner Verfahren im Vergleich zu anderen deutschen Unis ist. Frankfurt, Münster und München verlangten ein Motivationsschreiben. In München fand sogar ein Einstufungstest und ein Auswahlgespräch statt. In Köln forderte die Uni nur einen einfachen Notenüberblick.

Auch die Uni fürchtet, dass ihr Neuzugänge den Schnitt verhageln

Genauer hinzuschauen war offenbar zu aufwendig für die Kölner Wirtschaftsfakultät. "Das Problem liegt in der Unterfinanzierung der Hochschulen", begründet Prodekan Werner Mellis die Auswahl rein nach Note. Thilo und Marius glauben nun, dass die Absolventen andere Hochschulen die Leistungen im Master verhageln werden. Eine Sorge, die Prodekan Werner Mellis teilt, auch wenn er vorsichtig formuliert: "Die Politik riskiert, dass der Schnitt an der Uni Köln sinkt."

Erste Studenten haben bereits Klage gegen die Universität Köln eingereicht. Thilo Heyer verbringt die letzen Tage seines Urlaubs auf Sylt mit der Suche nach Alternativen für das nächste Semester. Der 22-Jährige hatte sich darauf verlassen, eine Zusage von der Uni Köln zu bekommen und sich nicht für andere Masterstudiengänge beworben. Wie es jetzt weitergehen soll, weiß der BWL-Student nicht, denn die meisten Bewerbungsfristen sind abgelaufen. Thilo Heyer wird wohl auf das Wintersemester 2011/2012 warten müssen. Dann wird er sich an mindestens fünf Unis bewerben.

Und es gibt noch ein Fünkchen Hoffnung: Entgegen der Ankündigung in der automatischen Mail wird es doch ein Nachrückverfahren geben - die Sekretärin hatte sich bei der Absage per Massen-Mail an gut über 400 Bewerber vertan.

*Name geändert

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