Studentin bei "Wer wird Millionär" Endstation Tubifex

"Ah, Sie sind das Frischfleisch", begrüßte Günther Jauch die Berliner Studentin. Ina Schindler, 26, war seine letzte Kandidatin vor der Sommerpause. Sie versuchte sich Montagabend weiter an der Millionenchance - dumm nur, dass man beim Quiz nicht googeln darf.

Von Kai Kolwitz


Kandidatin Schindler: Ausgesprochen attraktiver Stundenlohn
RTL

Kandidatin Schindler: Ausgesprochen attraktiver Stundenlohn

Tubifex. Was macht man bloß mit Tubifex? Poliert man damit Silber? Düngt man die Rosen? Dichtet man damit Fenster ab? Oder gibt man es seinen Fischen? Google liefert die richtige Antwort in wenigen Sekunden: Es ist ein Schlammröhrenwurm, der sich hinter dem seltsamen Namen verbirgt. Fischfutter.

Aber Ina Schindler, 26, hat kein Google. Zumindest jetzt gerade nicht. Wie die Mehrheit des Studio-Publikums tippt sie auf die Silberpolitur - und das macht ihren Ausflug zur 501. Folge von "Wer wird Millionär?" zu einer ausgesprochen kurzen Angelegenheit: ausgeschieden nach Frage eins. "Günter Jauch hat mir nachher erklärt, dass selbst ein normaler Aquarienbesitzer mit der Frage überfordert gewesen wäre. Das ist echtes Spezialwissen für Fischfreunde."

Für die Sendung hat die Russland-Liebhaberin extra ihre Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn vorzeitig beendet. Aber trotzdem kann sie schon kurz nach der Sendung am Montagabend wieder lachen: Vor der Sommerpause war sie nämlich schon einmal da. 16.000 Euro stehen nach dem Kurzauftritt zu Buche. Nicht ganz die Million, die im Namen der Quizshow steht und "die schon vier Kandidaten geknackt haben - aber doch nicht schlecht für zwei gesponserte Ausflüge nach Köln und ein paar korrekt beantwortete Fragen. Und auf jeden Fall besser als der Stundenlohn ihrer Studentenjobs beim Anwalt oder als Assistentin in einer Zeitschriftenredaktion.

"Du könntest mal wieder eine Karte schicken..."

Im normalen Leben studiert Ina nämlich Wirtschaftswissenschaften und Politik/Sozialkunde auf Lehramt in Berlin. Und schon bei der Bewerbung für das Quiz wusste sie genau, was sie wollte: "Ich habe es schon gemacht, weil man da Geld verdienen kann, ohne dass man sich dafür ein Bein ausreißen muss. Alle zwei Monate habe ich gedacht: 'Och, du könntest ja mal wieder eine Postkarte hinschicken...'"

Allzweckmoderator Jauch: Frotzelt gern mit den Kandidaten
DDP

Allzweckmoderator Jauch: Frotzelt gern mit den Kandidaten

Ende April war es dann, als die Redaktion doch noch anrief. "Die haben mir zehn Fragen gestellt und gesagt, sie würden sich wieder melden." Und das taten sie: Knapp drei Wochen später saß die Berlinerin in der Sendung. Schon das kommt ja fast einem Lottogewinn gleich: Seit dem Start im Herbst 1999 ist "Wer wird Millionär" das Flaggschiff der deutschen Quizlandschaft - und die Zahl der Bewerbungen geht nach jeder Sendung in die Abertausende.

Aber die Kandidatin hat den Eindruck, dass die Chancen speziell für sie gar nicht so schlecht standen: "Es waren enorm viele Männer dabei. Ich weiß nicht, ob sich die Frauen blöder anstellen oder ob die einfach nur mehr Hemmungen haben. Und wenn, habe ich nur ältere Frauen gesehen - Günter Jauch hat mich schon mit den Worten begrüßt: 'Ah, Sie sind das Frischfleisch'." Ein Klima des gegenseitigen Auf-die-Schippe-Nehmens, das sich später noch fortsetzen sollte.

Doch fast hätte es Ina Schindler gar nicht auf den Kandidatenstuhl geschafft. Erst in der letzten Auswahlrunde gelang es der Berlinerin, die vier Begriffe am schnellsten in die richtige Reihenfolge zu bekommen - und zwar ausgerechnet in der Männerdomäne Fußball: "Ordnen Sie folgende Stadien von Süd nach Nord: Frankenstadion, Westfalenstadion, Weserstadion, Ostseestadion." Ein bisschen Geographie hätte auch gereicht, aber die entscheidenden Augenblicke brachte wohl die langjährige Leidenszeit als Fan des 1. FC Kaiserslautern.

Nach der Sendung wird gefeiert, nicht geschlafen

16 Hundertstel waren es am Ende, die Schindler vor dem Zweitschnellsten lag. "Ich wollte gar nicht aufstehen", erinnert sich die Beinahe-Millionärin. "Ich habe gedacht, ich bleibe jetzt einfach sitzen - so lange, bis Jauch gesagt hat: 'Na ja, Sie dürften jetzt nach vorne kommen.' Der Weg nahm dann kein Ende. Du denkst nur noch: 'Ich darf jetzt nicht hinfliegen.'"

Kein Wunder - an Versuchen, die Kandidaten nervös zu machen, hatte es nicht gemangelt. "Günter Jauch und sein Assistent wetten vor den Auswahlrunden immer miteinander um fünf Euro, wie viele Kandidaten die Lösung hinbekommen. Sie gehen dann rum und sagen: 'Der weiß es, die weiß es nicht, der präsentiert eine Lösung, aber die ist falsch.' Bei mir haben Sie geglaubt, dass ich es nicht hinbekomme...", erzählt die Kandidatin mit einem breiten Lächeln. Weitere Selbstverpflichtungen? "Ich habe mich sehr bemüht, Hochdeutsch zu sprechen und nicht 'icke', 'itte' oder 'jeht ja jut' zu sagen. Und ich habe mich am Stuhl festgehalten - nicht, dass ich vor lauter Nervosität die ganze Zeit an den Fingernägeln kaue, ohne es zu merken."

Und tschüß: Nur eine Frage in der zweiten Sendung
RTL

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Doch zwei Fragen später ist das vergessen, und die Studentin erlaubt sich, den Moderator im Talk freundlich darauf hinzuweisen, dass Kamtschatka nicht nur nicht an der Strecke der Transsib liegt, sondern dass sich Jauch auch um die Kleinigkeit von etwa 5000 Kilometern vertan hat. Aber Studienabbrecher Jauch muss ja auch nicht raten - quiztechnisch eindeutig die leichtere Aufgabe.

Dann geht es Schlag auf Schlag in der letzten Sendung vor der Sommerpause: "Wer ist der Papa von Brooklyn, Romeo und Cruz?", "Was versteht man unter Lollo bionda und Lollo rossa?", "Was kommt broschiert?", "Was ist auf der Rückseite von Ein-, Zwei- und Fünf-Cent-Münze?" und "Welcher Roman stammt von Victor Hugo?". Trotz diverser weiterer Jauchscher Verunsicherungsversuche dauert es nur ein paar Minuten, bis 16.000 Euro auf der Haben-Seite stehen. "Wir haben in dem Hotel, das uns RTL gestellt hat, am Ende nur zwei Stunden geschlafen", erinnert sich die Studentin an das improvisierte Konjunkturprogramm für die Kölner Gastronomie, das sich an den ersten Auftritt anschließt.

Und was den Tubifex angeht, ist nur eins schade: Ihre Experten hat die Kandidatin gar nicht angerufen, weil sie davon ausging, dass die auch keine Antwort auf so eine seltsame Frage wissen konnten. Aber wer weiß - vielleicht hätte ja einer der Telefonjoker Google in Reichweite gehabt. Und vielleicht wäre er flink genug gewesen, um eben kurz nachzuschauen und die richtige Antwort noch innerhalb des 30-Sekunden-Zeitlimits zu geben. Aber erlaubt ist das den Jokern nicht: Sie dürfen nur ihren eigenen Kopf anstrengen, müssen auf alle Hilfsmittel verzichten - und schon ein verräterisches Klappern der Tastatur, für jeden Gast im Studio und jeden Fernsehzuschauer hörbar, könnte den Betrugsversuch verpatzen.

Autor Kai Kolwitz, freier Journalist in Berlin, stand als einer der drei Telefonjoker von Ina Schindler bereit, kam aber nicht zum Einsatz

15 Fragen bis zur Million: Der Weg der vier Millionäre, die bisher in der Sendung von Günther Jauch den Hauptgewinn schafften



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