Studentin erfindet Geheimsprache "Denken Sie an mich, wenn Sie Radio hören"

Christiane Licht, 19, hat eine Geheimsprache aus Noten erfunden und damit einen Forscherpreis gewonnen. Im Interview erzählt die Medizinstudentin, warum sie dafür 40.000 Töne zählte und nebenbei den musikalischen Fingerabdruck berühmter Komponisten entdeckte.

Barbara Neumann

SPIEGEL ONLINE: Frau Licht, Sie haben eine Geheimsprache erfunden, die nur Sie verstehen. Klingt nicht gerade sinnvoll.

Licht: Das stimmt. Aber der Sinn einer Geheimsprache ist ja auch, dass sie geheim bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Verraten Sie uns trotzdem, wie sie funktioniert?

Licht: Mir ist aufgefallen, dass verborgene Nachrichten in der Regel sehr offensichtlich sind: Oft sind es irgendwelche komischen Buchstaben oder riesige Primzahlen. Ich bin auf die Idee gekommen, eine Geheimsprache mit Musik zu machen, weil die besonders geheimnisvoll ist und es niemand sofort merkt, wenn man sie im Radio hört.

SPIEGEL ONLINE: Geht es nicht noch etwas genauer?

Licht: Ich verschlüssle mit einer Note einen Buchstaben. Es gibt Noten für Leerzeichen und es spielt auch eine Rolle, ob sie schnell oder langsam gespielt werden. Ich lerne seit sieben Jahren Klarinette und habe in diesem Semester auch mit Cello angefangen. Ich könnte daraus ein Lied komponieren, das wirklich sehr schön klingt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie festgelegt, welcher Ton welchen Buchstaben symbolisiert?

Licht: Am Anfang wollte ich den häufigsten deutschen Buchstaben mit der häufigsten Note gleichsetzen. Der meist verwendete Buchstabe in der deutschen Sprache ist das E, darüber gibt es viele Forschungen. Aber über die häufigste Note konnte ich weder in Büchern noch im Internet etwas finden. Deshalb habe ich angefangen Noten zu zählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Noten gezählt, von welchen Stücken denn?

Licht: Ich habe mich auf Bach, Vivaldi und Mozart beschränkt. Weil die relativ berühmt sind und nicht dafür bekannt, besonders schräg zu komponieren. Bei jedem Komponisten habe ich fünf Werke gezählt. Ich habe mir das Stück genommen und eine Strichliste daneben gelegt. Insgesamt habe ich 40.000 Noten ausgewertet.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen neben Ihrem Medizin-Studium viel Zeit haben.

Licht: Die Zeit muss man sich eben nehmen. Es ist auch aus Neugier entstanden. Ich habe mich gefragt: Warum hat die noch niemand gezählt?

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie herausgefunden?

Licht: Ich habe gedacht, dass jeder Komponist alle Töne ungefähr gleich benutzt. Das ist aber nicht so: Bach hatte ganz andere Lieblingsnoten als Mozart oder Vivaldi. Und somit hat jeder seinen persönlichen Fingerabdruck. Bach benutzt zum Beispiel gerne die Note D. Sie werden in Bach-Stücken immer sehr viele davon finden. Vivaldi hatte zwei Lieblingsnoten: E und F. Er benutzt D sehr selten.

SPIEGEL ONLINE: Das kann doch auch ein Zufall sein.

Licht: Habe ich auch gedacht und deshalb noch Beethoven gezählt. Ähnlich zu seiner Haarfrisur hat der ziemlich wild komponiert. Wenn ich jetzt ein Stück nehme und die Noten zähle, dann kann ich sagen: Das ist von Mozart. Dieser Fingerabdruck war am Ende viel spannender als die Geheimsprache selbst.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Ihre Botschaften selbst heraushören?

Licht: Leider nicht. Es gibt nur wenige Menschen, die über ein absolutes Gehör verfügen und Töne wirklich erkennen. Aber das braucht man auch nicht. Inzwischen gibt es Stimmgeräte, die das ganz gut können. Man muss nur mitschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert jetzt mit Ihrer Geheimsprache? Gibt es Pläne?

Licht: Man müsste alles natürlich noch genauer erforschen. Aber wenn man ein Stück findet und glaubt, es handelt sich um ein verschollenes Werk von Mozart, dann gibt es jetzt eine neue Methode das herauszubekommen. Neben der Papieranalyse und einem Handschriftenvergleich können Sie jetzt Noten zählen, um zu sehen, wer es komponiert hat. Man könnte aber auch die bekannten Stücke nehmen und gucken, ob es vielleicht schon geheime Botschaften von den alten Komponisten gab.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt aber sehr verschwörerisch. An der Geheimsprache haben doch bisher nur Sie Spaß.

Licht: In jedem Fall gab es viel Resonanz und als Trophäe beim Science Slam in Münster ein Plastikgehirn im Einmachglas. Ich habe schon mit dem BND gesprochen, auch die CIA hat angefragt. Aber das ist so geheim, das darf ich eigentlich gar nicht erzählen. Naja, Spaß beiseite. Aber denken Sie an mich, wenn Sie demnächst Radio hören.

Das Interview führte Jonas Leppin



insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
plagiatejäger 07.03.2011
1. Klasse, aber absolutes Gehör ist nicht selten
Scheint ja wie bei 10% der Mediziner ja eine hochbeegabte Frau zu sein. Aber wenn auch in der westlichen Welt ein absolutes Gehör wirklich selten ist (1 von 10.000 oder 30.000), hat doch jeder zweite (chinesisch sprechende) Chinese ein absolutes Gehör. Hängt wohl mit der Sprache zusammen, die viel mit Tonhöhen zu tun hat. Als Nichtmusiker finde ich klass. Musik aber auch eher als Lärm, was wohl auch die Idiotie erklärt, mit der manche musikal. Familien ihren Ungegborenen etwas Gutes tun wollen, indem sie Klavierspielen...
Lakritzwolf 07.03.2011
2. Das ist ja fantastisch!
Wenn das wirklich so funktioniert, dann hat diese junge Frau nicht komplett an ihrem Fachgebiet "vorbeigeforscht"! Was es da fuer Moeglichkeiten gaebe, Menschen mit Sprachbehinderungen zu helfen, oder Autisten, die auf Musik ansprechen, oder Menschen, die irgendwie anders nicht in der Lage sind, sich auf ueblichem weg sprachlich auszudruecken... Aber leider wird das wohl nicht passsieren, denn da kann ja keiner viel Geld mit verdienen.
jObserver 07.03.2011
3. ...
Zitat von plagiatejägerScheint ja wie bei 10% der Mediziner ja eine hochbeegabte Frau zu sein. Aber wenn auch in der westlichen Welt ein absolutes Gehör wirklich selten ist (1 von 10.000 oder 30.000), hat doch jeder zweite (chinesisch sprechende) Chinese ein absolutes Gehör. Hängt wohl mit der Sprache zusammen, die viel mit Tonhöhen zu tun hat. Als Nichtmusiker finde ich klass. Musik aber auch eher als Lärm, was wohl auch die Idiotie erklärt, mit der manche musikal. Familien ihren Ungegborenen etwas Gutes tun wollen, indem sie Klavierspielen...
Tja, Minderheit. Insgesamt fördert klassische Musik Pflanzenwachstum, sorgt in U-Bahnen für mehr Sicherheit (ob es daran liegt, dass selbst Hip-Hop-Schläger ruhiger sind, oder dass die Drogendealer woanders hin fliehen, sei mal dahingestellt) und man isst dabei auch viel besser (ruhiger und mehr kauend).
obacht! 07.03.2011
4.
Zitat von jObserverTja, Minderheit. Insgesamt fördert klassische Musik Pflanzenwachstum, sorgt in U-Bahnen für mehr Sicherheit (ob es daran liegt, dass selbst Hip-Hop-Schläger ruhiger sind, oder dass die Drogendealer woanders hin fliehen, sei mal dahingestellt) und man isst dabei auch viel besser (ruhiger und mehr kauend).
Interessant! Sicher gibt es da auch ein paar seriöse Quellen um näheres zu erfahren, oder ist das geheim?
martkorn 07.03.2011
5. Was für ein Quark...
In der Musik verwendet man in erster Linie Akkorde und keine Noten. Das nur einmal vorweg! Und die Verwendung von Noten/Akkorden/Stimmungen/Beats ist Zeitgeist. Hätte sie für ihre Statisik mal besser verschiedene Komponisten einer einzigen eng umgrenzten Zeitspanne untersucht. Sonst kann man auch sagen: Ich habe erkannt, daß zwischen Mozart und AC-DC ein Unterschied in den verwendeten Beats/Seconds besteht. Keine wirkliche Leistung! Ein PS für alle informatisch unkundigen Mediziner: Eine Analyse der Noten im MIDI Format (es gibt alles Stücke ja als MIDI-Daten im Internet) dauert als Python-Script nur wenige Minuten. Für Alle Stücke eines Musikers... und für so ziemlich alle Musiker in einer Epoche. Aber der typische Mediziner macht Statstik für eine kleine Auswahl und sagt dann, das würde generell so für alle gelten! [KOPFSCHÜTTEL]
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