Studentin in Kolumbien Salsa und mulmige Gefühle

Nora Koim, 26, ist keine Insbürogeherin. Lieber streift sie für ihre Masterarbeit durch Kolumbiens rare Wälder und bestimmt Baumarten mit Maßband und Klemmbrett. Die Berliner Forstwirtin fühlt sich wohl in Kolumbien - und meidet die gefährliche Zonen.

Von Peter Marz


Der Arbeitsplatz von Nora Koim ist steiler als eine Skipiste und ähnlich rutschig. Braune Blätter bedecken das feuchte Erdreich, Stechmücken schwirren, Schlingpflanzen winden sich. Auf einem Baumstamm marschieren Blattschneiderameisen mit ihrer grünen Fracht, Vögel zwitschern, unten in der Schlucht rauscht ein Bach.

In dieser Urwaldszenerie untersucht die Berlinerin, 26, für ihre Masterarbeit Waldfragmente in der Nähe von Pereira, Hauptstadt der kolumbianischen Provinz Risaralda. Der Wald liegt zusammengekauert in v-förmigen Senken, seiner letzten Zuflucht vor den Motorsägen des Fortschritts. Nie könnte an so abschüssigen, glatten Hängen Vieh weiden – vermutlich verzichten die Landeigner nur deshalb auf Rodung. Ringsum erstrecken sich sattgrüne, hügelige Weiden, wo schwarze Kühe grasen und schneeweiße Reiher stelzen.

Warum Nora Koim ihre Masterarbeit ausgerechnet in Kolumbien macht? Es lag an ihrem Freund Olivier, einem Lehrer aus Frankreich. Das Paar wollte nach Südamerika – Olivier bekam eine Stelle an der französischen Schule von Pereira. Auch Nora fand, was sie brauchte. Keinen unberührten Dschungel zwar, aber doch einen urwüchsigen Wald.

Masterarbeit über das Verschwinden des Waldes

"Also stellte ich den Kontakt zur Universidad Tecnológica de Pereira her und kam zu meinem Thema", sagt die Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie vergleicht den aktuellen Zustand der Wälder mit Satellitenbildern, die vor 19 Jahren entstanden. Ihr Schreibtisch steht im Büro des Biodiversitäts- und Gen-Forschungszentrums CIEBREG.

Angst hatten die beiden nicht vor Kolumbien, das international meist nur durch Drogenhandel und die Farc-Guerilla in die Schlagzeilen kommt. "Wir waren offen und hatten keine Vorurteile. Und im schlimmsten Fall wären wir wieder gegangen." Áuslandserfahrung brachte die Berliner Studentin reichlich mit: Sozialdienst in Uganda nach dem Abitur; Auslandssemester in Costa Rica und Kuba beim Bachelor Internationale Forstwirtschaft an der Fachhochschule Eberswalde; sechs Monate Kamerun als GTZ-Praktikantin.

Den Master in "Integrated Natural Resource Management" macht sie jetzt an der Berliner Humboldt-Uni. Das Thema ihrer Abschlussarbeit lautet: "Priorisierung von Waldfragmenten als Entscheidungshilfe zur Entwicklung von Schutzstrategien im Südwesten Risaraldas".

Nora bückt sich und reißt einen Zweig ab. "Ist das Kautschuk?", fragt sie Héctor. Ihr Gehilfe nickt. Der Kaffeebauer arbeitet seit Jahren mit der Universität zusammen, wenn es Forscher in die Natur zieht. Ausdauernd schlägt er mit der Machete Pfade durchs Dickicht, schleppt Material, hilft bei der Bestimmung von Pflanzen – und verliert nie die Orientierung.

Ein einsames Kokapflänzchen im Kaffeeland

Héctor zeigt auf ein Koka-Pflänzchen. Koka, in dieser Gegend?, wundert sich die deutsche Studentin. "Ja, die Samen werden von Vögeln verbreitet." Sie müssen weit geflogen sein. Risaralda und seine Nachbarprovinzen Quindío und Caldas bilden den Eje Cafetero, die Kaffeachse. Die illegalen Kokaplantagen liegen anderswo, weiter südlich, an der Grenze zu Ecuador.

"Ich habe den Wald schon immer geliebt", sagt Nora und verpackt zwischen Zeitungspapier frisch geschnittene Blätter, mit denen sie die Baumarten genau bestimmt. "Nur mit dem Berufsbild des Försters konnte ich wenig anfangen: Das war für mich ein grüner Mann mit Hund und Gewehr."

Das dreijährige Studium im brandenburgischen Eberswalde entsprach ihrer Liebe zur Natur und dem Wunsch, ferne Länder zu besuchen und Fremdsprachen zu lernen. Längst ist ihr Spanisch von kolumbianischen Eigentümlichkeiten durchsetzt. Wenn Nora sich bedankt, heißt es nicht einfach gracias, sondern gracias, muy amable, also "danke, sehr freundlich".

Man sagt das oft in Kolumbien - die meisten Leute sind überaus freundlich. Don Enrique zum Beispiel, Vorarbeiter einer Finca, hat Nora und Héctor zwei Pferde geliehen, um ihnen den einstündigen Fußmarsch zum Wald zu ersparen. Einfach so.

Ist Kolumbien doch kein so gefährliches Land? "Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht", sagt die Deutsche nach neun Monaten Aufenthalt. "Wie in den meisten Ländern kann man einen Großteil der Probleme vermeiden, wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzt. Man muss halt vorher fragen, ob ein bestimmtes Gebiet sicher ist oder nicht. Die gefährlichen Zonen sind landesweit bekannt."

Wen ein Büro kirre macht, der muss in den Wald

Die starke Militärpräsenz an den Landstraßen, räumt sie ein, sei für Europäer natürlich ungewohnt und lassen schon mal "mulmige Gefühle" aufkommen. "Oder die Sicherheitsleute, die mit schussbereiter Flinte dabei stehen, wenn ein Geldautomat gefüllt wird."

Nora Koim jedenfalls fühlt sich wohl, auch wenn Pereira keine Traumstadt ist – außer vielleicht für plastische Chirurgen. Auf den Straßen der Stadt fällt Besuchern schnell auf, dass sich Frauen hier gern die Brüste verschönern. Die Architektur ist dagegen eher lieblos, es fehlen Parks, auch kulturell geht nicht viel in der 500.000-Einwohner-Stadt.

Immerhin gibt es Salsabars zum Tanzen. Am Stadtrand schießen Einkaufszentren aus dem Boden und sogenannte Condominios, geschlossene Wohnsiedlungen mit bewachtem Zugang. Nora und ihr Freund leben fünf Kilometer außerhalb. Sie haben ein Appartement in einer Finca gemietet, deren Besitzerin Orchideen züchtet.

"Die Kolumbianer sind sehr natürlich und ungezwungen, die sehen nicht in jedem Europäer gleich Geldscheine", sagt Nora. "Das liegt wohl daran, dass der Tourismus noch nicht so ausgeprägt ist." In Ecuador oder Guatemala muss man als Fremder oft weit mehr berappen als Einheimische – in Kolumbien ist ihr das fast nie passiert. "Man wird als Ausländer sofort akzeptiert, es fällt leicht, sich zu integrieren." Mit ihren kolumbianischen Freunden, vor allem Arbeitskollegen, gehen Nora und Olivier ins Kino oder besuchen Konzerte. "Man trifft sich und unterhält sich, geht was trinken."

Durchgeschwitzt und lehmverschmiert machen Nora Koim und Héctor sich auf den Rückweg. "Ich war schon immer gern draußen. 40 Stunden die Woche im Büro am Computer sitzen, das würde mich kirre machen", sagt die Berlinerin. In den Wald geht es dreimal die Woche. Danach macht es ihr richtig Freude, wieder am Schreibtisch zu sitzen und auszuwerten, was sie aus dem Wald an Informationen mitgebracht hat. Und Kolumbien gefällt ihr so gut, dass sie nach ihrem Master bleiben möchte – zumindest für ein paar Jahre.

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