Fotostrecke

Schwerkrank studieren: Der harte Weg zum Staatsexamen

Foto: Matthias Jung

Studium trotz schwerer Krankheit Olivia, 31 Jahre, sieben Schlaganfälle

Sie fängt bei null an, immer wieder. Olivia Bergmann, 31, Jurastudentin aus Köln, hat eine seltene lebensbedrohliche Krankheit, sie erleidet ständig Schlaganfälle. Seit Jahren verfolgt sie trotzdem ein ehrgeiziges Ziel.

Bis zu diesem Dienstag im April 2006 war alles normal. Der Wecker klingelte um 7 Uhr, Olivia Bergmann, damals 24 Jahre, Jurastudentin aus Köln, schwang die Beine aus dem Bett, wollte ins Bad. Doch sie lief fast gegen die Zimmerwand. "Was ist denn das, mein rechtes Auge geht ja gar nicht auf, warum ist das so verklebt?", habe sie damals gedacht, erzählt sie heute.

Olivia Bergmann blickte in den Spiegel, erschrak. Ihr rechtes Auge war nicht verklebt, es war offen - aber sie konnte nichts sehen. "Schwarz, alles war schwarz, mein rechtes Auge war blind", erinnert sie sich. Sie bekam Panik.

Ihr damaliger Freund fuhr sie ins Krankenhaus. Ein Arzt sah ihr in die Augen. "Da scheint eine Arterie durch zu sein. Sie hatten einen Schlaganfall", habe er gesagt. Die Studentin hörte ihn wie durch Watte. "Ich habe die Welt nicht mehr verstanden", sagt sie. "Ich war 24, da hat man doch keinen Schlaganfall." Sie hat wilde lange Locken, gebräunte Haut und ist sportlich-schlank - ein lebenslustiger Typ. Die Situation erschien absurd.

Olivia Bergmann blieb eine Woche in der Klinik, die Sehkraft auf dem rechten Auge kam zurück. Sie führte den Schlaganfall auf Stress zurück. Es sei damals eine heftige Zeit gewesen, sagt sie, eine Klausur nach der anderen habe sie geschrieben. "Ich war gerade scheinfrei geworden, ein Studium im Turbotempo." Sie betrachtete den Schlaganfall als eine einmalige Sache. Und irrte. Fast jährlich wird sie seitdem von Schlaganfällen aus der Bahn geworfen, immer begleitet von Sehstörungen. Ständig muss sie das Lernen unterbrechen.

An der Uni ist sie eine Einzelgängerin

2008 überlegte sie, ihr Studium hinzuschmeißen. Nur noch eine Hausarbeit brauchte sie, dann hätte sie sich zum ersten Staatsexamen anmelden können. Doch sie glaubte nicht mehr an ihre Kraft, zudem gab es noch immer keine genaue Diagnose.

Ihr Arzt habe ihr lediglich zu einer "gesunden Lebensweise" geraten, psychologische Ratschläge hatte er nicht. Die hätte Olivia Bergmann allerdings wohl auch nicht angenommen, selbst die Annäherungen ihrer Freunde prallten an ihr ab. "Ich mache sowieso, was ich mir in den Kopf gesetzt habe", sagt sie. An der Uni ist Olivia Bergmann eine Einzelgängerin: Ihre Kommilitonen findet sie "spießig" und die Stimmung im Studiengang "anonym und ellenbogenhaft". Auch zu ihren Eltern hat sie "keinen guten Draht".

Irgendwann vertraute sie sich einem Professor an. Der damalige Kölner Dozent für Europäisches Privatrecht sagte, sie dürfe nicht aufgeben. Sobald sie bereit wäre, die letzte Hausarbeit zu schreiben, würde er ihr ein Thema zuschicken. "Diese Reaktion war ausschlaggebend dafür, dass ich mein Studium nicht abgebrochen habe", sagt Olivia Bergmann. Sie setzte sich an den Schreibtisch in ihrer kleinen Kölner Wohnung, ihr Körper spielte mit. Ende 2010 gab sie die Arbeit ab, bestand. Jetzt hätte sie sich zur staatlichen Prüfung anmelden können.

Doch dann der Rückfall. 2011 und 2012 erlitt sie vier Schlaganfälle, einer davon ist der bisher schwerste, ihre gesamte linke Körperhälfte war vorübergehend gelähmt.

Eine weitere Reha, viele Arztbesuche und Untersuchungen später weiß sie endlich, was sie immer wieder aus der Bahn wirft: Sie hat das Sneddon-Syndrom, eine seltene Krankheit, die überwiegend bei jungen Menschen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auftritt. Rund 1500 Betroffene gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland, die Mehrzahl von ihnen sind Frauen. Nur sehr wenige Ärzte kennen sich mit der lebensgefährlichen Krankheit aus, bei der sich immer wieder die Blutgefäße verengen, bis sie sich schließlich ganz verschließen und es zum Schlaganfall kommt. Heilung ist bisher nicht möglich.

"Ich liebe das Leben"

Heute ist Olivia Bergmann 31 Jahre alt und hatte bereits sieben Schlaganfälle. Seit drei Semestern ist die Studentin beurlaubt. Teile ihres Gehirns sind durch die Schläge abgestorben, ihre Sehkraft hat massiv gelitten: Auf dem linken Auge hat sie noch dreißig Prozent, auf dem rechten nur noch zehn Prozent, zum Lesen längerer Texte benutzt sie eine Lupe. Andere in ihrer Situation würden sich sorgen, ob sie die nächste Jahreszeit erleben. Vielleicht würden sie eine Reise machen oder viel Zeit mit Freunden und Familie verbringen.

Olivia Bergmann hingegen sorgt sich vor allem um ihren Abschluss. "Im April 2013 melde ich mich zum Examen an. Ich will doch nicht umsonst studiert haben", sagt sie und wirft energisch ihre Locken über die Schulter. Dass die meisten ihrer Kommilitonen, mit denen sie mal anfing, inzwischen Anwälte sein dürften, tut sie mit einem Schulterzucken ab: "Darüber denke ich nicht nach."

Ohnehin grüble sie nicht viel, sagt sie. "Klar geht es mir auch schlecht wegen der Situation", sagt sie. "Ich mache dann irgendwie weiter, versuche mich abzulenken." Dazu gehören Kino- und Barbesuche mit ihren vier besten Freunden, einen festen Partner hat sie derzeit nicht. "Ich lebe viel zu gerne, als dass ich mich von einer Krankheit aus der Bahn werfen lasse, ich liebe das Leben." Und sie weiß auch, was sie von diesem Leben will: "Auf jeden Fall" möchte sie mal Familie und Kinder haben. Und irgendwann möchte sie gern als Juristin in der Wirtschaft arbeiten, zum Beispiel in der Rechtsabteilung eines Unternehmens. Verdrängt sie ihre schwere Krankheit?

Tatsächlich vergegenwärtigte sich Olivia Bergmann lange nicht, dass sie chronisch krank ist. Erst seit der Diagnose Sneddon-Syndrom fühlt sie sich überhaupt von Ärzten richtig ernst genommen. Sie hat sich auch noch immer nicht beraten lassen, welche Unterstützung sie von der Uni vor dem Examen bekommen könnte. Obwohl sie dabei sicher Hilfe gebrauchen könnte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.