Studentische Spießer Endlich erwachsen

Sie heiraten, kriegen Kinder, ziehen sich zurück in eine neue Bürgerlichkeit: Unerhört, diese Studentengeneration! Doch was ist dran am Klischee der braven Neo-Spießer? Sind sie nicht die wahren Helden, die den Mut zur Verantwortung haben? Louisa Thomas hat sich im Milieu umgesehen.


"Erstaunlich, dass es dir auch gutgehen kann ohne mich", sagt Ivo, 25, ins Telefon. Er sitzt im Wohnzimmer in Oldenburg, seine Freundin Saskia, 24, in Bayern bei ihrer Schwester. Sohn Julius, 1, ist bei Oma und Opa in Sachsen. Gerade hat sich Ivo eine Peperoni-Pizza kommen lassen. Danach muss er noch für die Uni lernen. "Wie geht es dir? Hast du schon mit Julius geskypt?"

Die Studenten Ivo und Saskia sind seit sieben Jahren ein Paar, wohnen zusammen, seit 2010 sind sie Eltern. Sohn Julius war geplant, genauso wie die kommenden drei Jahre: Elternschaft, Hochzeit, Master-Abschluss. "Natürlich muss man auf ein paar Sachen verzichten", sagt Ivo, der politische Soziologie studiert. "Aber nur, bis wir einen Babysitter haben."

Wer sich, wie Ivo und Saskia, als Student für eine klassische Paarbeziehung entscheidet, für Familie und Konvention, der sieht sich einer merkwürdigen Front aus Kritikern gegenüber: Da sind zum einen die Gefühlsozialisten aus der Elterngeneration, die noch den siebziger Jahren nachtrauern und sie verklären zur großen gesellschaftlichen Experimentierphase, die noch immer von freier Liebe faseln, von Revolte und vom Privaten, das politisch ist. Sie fürchten, Ivo und Saskia würden durch ihre Lebensweise das Erbe der 68er zerstören.

Da sind zum anderen die hippen studentischen Hedonisten, die zu jeder Vorlesung zu spät kommen, weil sie wieder einen neuen Club, eine neue Droge, eine neuen Exzess ausprobiert haben. Die verächtlich herabschauen auf Kommilitonen wie Ivo und Saskia, weil die ihre Unabhängigkeit aufgegeben hätten und ihre Ungebundenheit.

Wer traut sich mehr, der Feiernde oder der Fürsorgende?

Beide Kritiker-Gattungen sehen in Ivo und Saskia und den anderen sieben Prozent der Studenten, die bereits Kinder haben, vor allem eines: brave Spießer. Zwar leben laut einer Umfrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 58 Prozent der Studenten in einer festen Beziehung, doch davon ist nur jeder Zehnte verheiratet.

Laut Brockhaus ist der Spießer ein "engstirniger Mensch, der sich an überlebten Anschauungen und moralischen Grundsätzen orientiert, Neuerungen und Fortschritte ablehnt und seinen sozialen Status verteidigt". Die Frage ist nur: Wer verteidigt hier welchen Status? Etwa Studenten, die ins Studieren das Kinderkriegen einbinden, gar heiraten? Wer traut sich mehr, der Feiernde oder der Fürsorgende?

Solche Fragen kümmern Polly, 25, wenig. Sie studiert in Frankfurt an der Oder, sie will einen Master machen. Auch sie hat im September ihrem Freund Malte in ihrem niedersächsischem Heimatort das Ja-Wort gegeben. Nicht weil sie ein Kind erwarten oder katholisch sind, sondern einfach so, weil sie sich lieben. "Es ist kein Ring, mich zu knechten", sagt sie, "man kann ja auch zu zweit frei sein." Ist das schon ein Rückzug in eine neue Bürgerlichkeit?

Die Autorin Meredith Haaf, 28, analysiert in ihrem neuen Buch "Heult doch" die Symptome ihrer Generation: Die Zwanziger bis Dreißiger sind demnach hip, aber langweilig. Da gibt es keine Rebellion, keine Politik, kein Wir-Gefühl, nur Angst vor dem Scheitern ob der vielen Möglichkeiten. "Luxusprobleme", so Haaf. Die Welt um den modernen Studenten beschreibt sie als aggressiv und unbeständig. Jeder muss perfekt funktionieren, das macht die Studenten zu Eremiten.

Sicher ist nur eines: die Unsicherheit

"Früher war es einfach attraktiver, mit dem eigenen Lebensweg zu experimentieren, weil die Rahmenbedingungen sicherer waren", sagt Haaf, die bereits selbst Mutter eines Jungen von acht Monaten ist. Das sei heute anders. Verlass sei heute für viele nur auf die Unsicherheit. "Spießig ist für mich, wenn sich Leute vor allem verweigern, weil sie Angst davor haben, spießig zu sein", sagt Haaf. "Und andere dafür verurteilen."

Auch Xenia, 26, Studentin, ist verheiratet und Mutter. Die Berlinerin schrieb gerade ihre Abschlussarbeit, da war sie plötzlich schwanger. Ihr damaliger Freund und heutiger Mann jobbte und holte parallel sein Abitur nach. "Ein Kind war nicht geplant, aber auch nicht unerwünscht", sagt sie. "Das junge Elternsein hat in meiner Familie zufällig Tradition. Meine Ma wurde mit 18 schwanger, meine Schwester schon mit 21. Ich will ja auch noch meine Enkel kennenlernen."

Ein Heimchen ist aus Xenia nicht geworden. Sie verdient das Geld für ihre kleine Familie, als Telefonistin im Hilfs- und Kulturwerk der Unternehmer. Ihr Mann Daniel beginnt bald, an der Polizei-Akademie zu studieren. Früher lebten die beiden vom Geld ihrer Eltern. Die neue Unabhängigkeit ist ihnen wichtig. "Wir wollen natürlich bald noch ein Kind", sagt Xenia. "Aber erst will ich Fuß auf dem Arbeitsmarkt fassen!"

Pragmatisch sieht es Saskia, die mit Ivo zusammen ist und Mikrobiologie im Master studiert. Bei ihr sei gerade Hochkonjunktur im Körper, nur jetzt schaffe sie es, Nächte durchzumachen und am nächsten Tag noch zur Uni gehen. Für Sohn Julius musste sie nur ein Semester aussetzen, dank Ivos Mithilfe und einer Tagesmutter kann sie jetzt weiterstudieren. Nach dem Studium soll es nach Australien gehen. "Kind und Karriere passen zusammen, wenn man es gut organisiert", sagt sie. Später will sie ihren Doktor machen.

Die Liebesheiraterin Polly wiederum nervt, dass sie sich ständig rechtfertigen muss: "Die Leute sind gar nicht so tolerant, wie sie immer denken", sagt sie. "Alles, was man macht, ist immer gleich ein Statement!" Auch als Ehefrau mache sie alles wie vorher: Auslandssemester, Praktika, es mal krachen lassen - auch ohne Mann Malte. Wenngleich der Ring an ihrer Hand sie immer an ihn erinnert.

Laut einer Allensbach-Studie wollen 81 Prozent der Unter-50-Jährigen Kinder haben. Doch nur wenige setzen ihre Familienwünsche in die Tat um. Auch heiraten immer weniger junge Menschen: Laut Statistischem Bundesamt trauten sich 2010 nur 440.000 Männer und Frauen, 1995 waren es noch knapp 200.000 mehr. Es scheint, als sei der Spießer von heute vor allem eines: bindungsscheu.

insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
blackstar2000 02.02.2012
1. Da ...
Zitat von sysopSie heiraten, kriegen Kinder, ziehen sich zurück in eine neue Bürgerlichkeit: Unerhört, diese Studentengeneration! Doch was ist dran am Klischee der braven Neo-Spießer? Sind sie nicht die wahren Helden, die den Mut zur Verantwortung haben? Louisa Thomas hat sich im Milieu umgesehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,812437,00.html
... müssen erst Studenten zu Spießern werden, bis man kapiert, dass so ein Leben mit Verantwortung zu tun hat? Wer ist da eigentlich der Engstirnige.
pampersaviation 02.02.2012
2. die beste Zeit
Meine Frau und ich haben während unseres Medizin-Studiums 3! Kinder bekommen. Und wenn ich nun als berufstätiger auf diese Zeit zurückschaue, so muss ich sagen, dass es für uns die beste Zeit war um Kinder zu kriegen. Natürlich war es nicht immer einfachen aber wir konnten Gott sei Dank auf einegutes soziales Netzwerk zurückgreifen das uns immer wieder unterstütz hat. Ansonsten wäre es nicht möglichgewesen mit nur jeweils einem Frei-Semester unseren Abschluss zu erreichen. Und trotzdem hatte ich soviel Zeit für meine Kinder wie ich sie nun als berufstätiger nie haben werde. Ich war viel näher an meinen Kindern drann, weil ich sie auch tagsüber gesehen habe und nicht nur beim Frühstück uns ins Bett bringen. Um dann nicht im Stübchen zu versauern haben wir unsere Kinder zu den meisten Partys mitgenommen (meistens gibt es einen ruhigen Raum). Man muss einfach etwas flexibel sein und improvisieren, dann geht das schon. Und als junger Mensch ist man einfach noch nervlich belastbarer und kann noch einigermaßen schmerzfrei auf dem Boden herumkrabbeln... Also wenn es das Studium und die finazniellen Möglichkeiten (allein mitden staatlichen Möglichkeiten kann man mit Kindern mittlerweile sehr gut durchs Studium kommen) zulassen, warum nicht?
tb2 02.02.2012
3.
Zitat von sysopSie heiraten, kriegen Kinder, ziehen sich zurück in eine neue Bürgerlichkeit: Unerhört, diese Studentengeneration! Doch was ist dran am Klischee der braven Neo-Spießer? Sind sie nicht die wahren Helden, die den Mut zur Verantwortung haben? Louisa Thomas hat sich im Milieu umgesehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,812437,00.html
Menschen zwischen 20 und 30 Jahren bekommen Nachwuchs, oder auch nicht. Was soll hier diskutiert werden? Warum muss sich jeder immer für sein Leben rechtfertigen? Wenn es klappt mit Studium und Kind : Gut gemacht, Glückwunsch! Wer sein Kind erst nach dem Karrierestart kriegt : Glückwunsch, auch schön! Wer keine Kinder will: Kann ich auch nachvollziehen. Glücklich damit? Dann: Herzlichen Glückwunsch! Ungewolltes Kind und es klappt trotzdem irgendwie: Fehler macht jeder, ihr löffelt es aus. Respekt! Karriere und Kind sind nicht unter einen Hut zu bringen: Dann entscheidet euch für das Kind! Es kann nichts dafür dass ihr es gezeugt habt. Euch allen (auch denen, die ich vergessen habe) wünsche ich ein glückliches Leben. Kein anderer kann für Euch Euer Leben beurteilen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Löst Eure eigenen Probleme und schüttelt nicht die Köpfe über das Leben anderer, solange es Euch nicht selbst beeinflusst!
felisconcolor 02.02.2012
4. Der
Zitat von sysopSie heiraten, kriegen Kinder, ziehen sich zurück in eine neue Bürgerlichkeit: Unerhört, diese Studentengeneration! Doch was ist dran am Klischee der braven Neo-Spießer? Sind sie nicht die wahren Helden, die den Mut zur Verantwortung haben? Louisa Thomas hat sich im Milieu umgesehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,812437,00.html
"Neo-Spiesser" heiratet nicht weil er nicht will. Sondern er hat die "Spiessigkeit" dieser Institution endlich als das erkannt was es wirklich ist. Eine überflüssige überholte Funktion die uns die Gesellschaft und allen voran die Kirche immer als das allein glückseligmachende verkauft hat. Die Bevorzugung von "Ehe"paaren vor allen anderen Lebensgemeinschaften auch immer noch in der heutigen Gesellschaft ist absolut diskriminierend. Die Ehe gehört eindeutig auf den Scheiterhaufen der Geschichte. Und das sage ich als über 50 jähriger. Wer jetzt die "mangelhafte Versorgung" bei einem Scheitern einer nichtehelichen Beziehung ins Feld führt.... Ich denke es sind alle so emanzipiert und aufgeschlossen. Jeder ist doch wohl erwachsen genug, allein für sich zu sorgen. Ach ja und Kinder... bla bla bla... Auch das regelt sich in einer modernen Gesellschaft mit intelligenten Mitbürgern von ganz allein. Männchen und Weibchen die auf eine günstige Vollversorgung spekulieren, muss man natürlich in einer Gesellschaft ohne künstliches Auffangtuch eine Absage erteilen. Wie ich finde zurecht. Für die Gleichheit aller wie auch immer gearteten Lebenseinstellungen. Als Paar, als Single und auch als alleinerziehende/r Frau oder Mann.
rational_bleiben 02.02.2012
5. -
Ich hatte während meines Studiums viele wechselnde rein sexuelle Partnerschaften. Jedesmal, wenn *sie* dann morgens/mittags gegangen ist, dachte ich mir, was für ein toller Hengst ich doch sei. Auch nach dem Studium habe ich so noch einige Jahre weitergemacht und erst allmählich gemerkt, wie armselig ich eigentlich bin. Heute beneide ich die Menschen, die in meinem Alter bereits 10 Jahre ein festes Paar sind, einfach zusammen gehören. Die sagen können: "wir haben uns an der Uni kennengelernt". Wenn das Spießertum bedeutet, oh ja, dann wäre ich so gerne Spießer. Wie das kleine Mädchen in der Werbung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.