Belastung von Studenten Bachelor stresst mehr als Diplom

Sie spüren einen höheren Leistungsdruck und dürfen weniger selbst entscheiden: Studenten fühlen sich seit der Einführung der Bachelor-Studiengänge stärker belastet als Kommilitonen, die noch auf Diplom studieren. Der Stress hat jedoch wenig mit der tatsächlichen Arbeitsbelastung zu tun.
Mag nicht mehr: Bachelor-Studenten fühlen sich gestresster als Diplom-Studenten

Mag nicht mehr: Bachelor-Studenten fühlen sich gestresster als Diplom-Studenten

Foto: Corbis

Es ist eine einleuchtende These: Wer hohen Erwartungen ausgesetzt ist und zugleich wenige Entscheidungsspielräume hat, wird schnell unzufrieden. Die Wissenschaft kennt das seit 1979 als Demand-Control-Modell, mit dessen Hilfe sich ziemlich gut erklären lässt, warum manche Arbeitnehmer unglücklicher im Job sind als andere. Hohe Anforderungen und wenig Freiheit bedeuten demnach ein Risiko für die seelische und körperliche Gesundheit.

Jetzt haben Wissenschaftler das anerkannte Modell auf die Welt von Studenten übertragen: Psychologen der Uni Heidelberg wollten so herausfinden, wie sich Stress und Zufriedenheit der Studenten entwickelt haben, seit die meisten Studiengänge von Magister und Diplom auf Bachelor und Master umgestellt wurden. Zugespitzt formuliert wollten sie wissen: Macht der Bachelor krank? Denn darauf deuteten vorherige Untersuchungen und auch die Berichte zahlreicher Studienberater hin.

Ihr Ergebnis: eindeutig ja! "Dass die Belastungen gestiegen sind, ist nicht nur gefühlt, sondern real und begründet", sagte Monika Sieverding, die als Psychologieprofessorin die Studie leitete. Veröffentlicht wurde die Arbeit jetzt in der Fachzeitschrift "Psychologische Rundschau" .

Zwar ist demnach der tatsächliche Studienaufwand, oft gemessen in Wochenstunden, kaum gestiegen: Je nach Mess- und Befragungsmethode investieren Studenten 20 bis 36 Stunden pro Woche - das hat sich kaum verändert während der vergangenen Jahre. Sieverding und ihre Kollegen halten aber die zeitliche Belastung für ein unbrauchbares Kriterium. Warum sollte für die Hochschulwelt nicht auch gelten, was in der Arbeitswelt gilt?

"Lasst euch mehr Zeit"

Die Wissenschaftler haben 405 Psychologiestudenten an vier Unis befragt, darunter 307 Bachelor- und 98 Diplomstudenten. Sie kamen aus verschiedenen Semestern, nur gab es keine Studienanfänger mehr in Diplomstudiengängen - die sind fast überall umgestellt. Sieverding sagt, die Ergebnisse seien nur für Psychologiestudenten repräsentativ, sie erwarte in anderen Fächern aber ähnliche Ergebnisse.

Zu den zentralen Ergebnissen gehören:

  • Wie viele Stunden pro Woche jemand ins Studium investiert, hat nur einen geringen Einfluss auf das Stressempfinden - und gar keinen auf die Zufriedenheit.
  • Bachelor-Studenten berichten von deutlich höherem Leistungsdruck als Diplom-Studenten. Sieverding vermutet, dass dies auch mit dem Notenstress zu tun hat: In vielen Bachelor-Studiengängen wird jede Klausur, jede Arbeit, jedes Referat nicht nur benotet, sondern vieles fließt auch ein in die Abschlussnote. Die wiederum ist wichtig, um einen Master-Studienplatz zu bekommen.
  • Die Entscheidungsfreiheit hat wenig Einfluss auf das Stressempfinden. Hier entdeckten die Forscher keinen Unterschied zwischen Studenten aus verschulten Bachelor- und vergleichsweise offenen Diplom-Studiengängen. Auf die Zufriedenheit wirkt sich die mangelnde Freiheit hingegen sehr deutlich aus.

Die Wissenschaftler empfehlen daher unter anderem mehr unbenotete Lehrveranstaltungen und längere Regelstudienzeiten. Sieverding rät den Studienanfängern in Heidelberg mittlerweile ganz direkt: "Lasst euch mehr Zeit."

otr