Studienabbrecher Ausländer verzweifeln an deutschen Unis

An deutschen Hochschulen studieren 63.000 Ausländer, die hier ihr Abitur gemacht haben. Eine neue Studie zeigt: Fast jeder zweite "Bildungsinländer" schafft keinen Abschluss. Die Experten rätseln: Warum scheitern so viele, die doch hier aufgewachsen sind?

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Die Bildungsstatistik kennt einen Typus Mensch, den man, auch wenn man ihn erklärt hat, noch nicht richtig fassen kann: den "Bildungsinländer". Das ist ein Bürger mit ausländischem Pass, aber deutschem Schulabschluss. Er bleibt formell Ausländer, hat aber einen Großteil seiner Bildungskarriere in Deutschland verbracht.

Selten befassen sich Forscher mit dieser Gruppe, dabei ist sie sehr interessant - vor allem wenn es ums Erreichen der Hochschulreife geht: Nur 13 Prozent der jungen ausländischen Schüler hierzulande gelingt ein Abitur - bei Schülern deutscher Herkunft sind es derzeit 34 Prozent.

Der eklatante Unterschied ist gut erforscht. Oft liegt es an den Eltern, teilweise Einwanderer der ersten Generation, die ihren Kindern kaum helfen können. Ein Großteil der Schuld trifft jedoch die Schulen. Sie sind in Deutschland nicht in der Lage auszugleichen, was Kinder nicht von zu Hause aus mit bekommen, gleich ob deutsch oder nicht.

Was passiert, wenn Bildungsinländer an eine Hochschule gehen, hat nun die Studie "Bildungsinländer 2011" des Hochschul-Informations-Systems (HIS), die SPIEGEL ONLINE vorliegt, erstmals gründlich untersucht - mit immerhin einem erfreulichen Ergebnis: Der Bildungshunger der in Deutschland Aufgewachsenen und zur Schule Gegangenen ist größer als bei ihren deutschen Mitbewerbern. 84 Prozent der wenigen Ausländer, die hier ein Abi schaffen, gehen an eine Uni oder FH. Hingegen nutzen nur 73 Prozent der deutschen Abiturienten ihr Uni-Ticket.

Vier von zehn Bildungsinländern brechen ab

Hier enden die guten Nachrichten, denn frappierend an den Ergebnissen der neuen Studie ist: Von den derzeit 63.000 Bildungsinländern schaffen es ganze 41 Prozent nicht bis zur Absolventenfeier - sie brechen ab. Die Abbrecherquote der deutschen Studenten liegt mit 25 Prozent deutlich niedriger.

Nun ist allein die Abbrecherquote der Deutschen für sich schon skandalös. Ein Unternehmen mit derart schlechten Leistungswerten könnte vermutlich morgen zusperren. Hinzu kommt erschwerend: Deutschland braucht akademischen Nachwuchs dringend, künftig wird die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften mit Hochschulabschluss eher noch zunehmen.

Aber woran liegt es, dass die sogenannten Bildungsinländer häufiger scheitern? Studienleiter Ulrich Heublein vom HIS vermutet die Ursachen im Elternhaus: "Im Vergleich zu ihren deutschen Kommilitonen stammen die Studenten mit Migrationshintergrund viel öfter aus nicht-akademischen Verhältnissen." Wenn Vater oder Mutter selbst schon auf der Uni waren, wirke sich das positiv auf den Studienerfolg der Kinder aus, das gelte ebenso für Deutsche. Das Problem, dass es deutschen Schulen offenbar nicht gelingt, gleiche Startchancen herzustellen, kleidet der Wissenschaftler in eine vorsichtige Frage: "Warum schaffen wir es nicht, hier über unser Schulsystem neue Impulse zu setzen?" Antworten darauf, was dagegen an den Hochschulen selbst schiefläuft, warum sie mehr als ein Drittel ihrer Bildungsinländer nicht zum Abschluss führen können, liefert die Studie nicht.

Neben den teils dramatischen Ergebnissen zu Bildungsinländern enthält die Studie auch Zahlen über ausländische Studenten, die nicht in Deutschland zur Schule gingen. Beauftragt hatte das HIS der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), um zu prüfen, wie viel die eigenen Anstrengungen für mehr Internationalität in Deutschland nutzen.

Sinkende Abbrecherquote bei Ausländern, steigende bei Deutschen

Ergebnis: 2010 studierten 181.000 Bildungsausländer an deutschen Universitäten. Wie bei ihren deutschen Kommilitonen sind Wirtschaftswissenschaften und Jura unter ihnen die beliebtesten Fächer. Auch bei ihnen ist die Abbrecherquote sehr hoch, sie liegt bei 50 Prozent. Allerdings ist der Abbruch bei Bildungsausländern auch eine relative Größe: Ihr Anteil bei den West-Europäern ist mit 72 Prozent besonders hoch. Beispielsweise verlassen 65 Prozent der Franzosen die deutsche Uni ohne Abschluss. Bei Polen und Marokkanern hält nur jeder Zweite bis zum Schluss durch.

Simone Burkhart vom DAAD vermutet, dass besonders die Westeuropäer vor dem Abschluss wieder zurück in die nahe Heimat gehen, was deren Abbrecherquote stark ansteigen lässt. Schließlich seien Studienleistungen innerhalb der EU mittlerweile relativ einfach anzurechnen, und die Studie erfasse nicht, ob die Abbrecher in einem anderen Land weiterstudieren.

Den DAAD stört daran, dass viel Geld, welches der Staat in Studienplätze und Anwerbung von Ausländern steckt, verpufft, wenn letztlich die Hälfte ohne Abschluss die Uni verlässt. Hinzu kommt ein gewisser Imageverlust: Die Bildungsausländer werden deutsche Unis nicht in bester Erinnerung behalten, wenn sie ohne Abschluss in ihr Heimatland zurückkehren.

Zumindest bei den Bildungsausländern bemüht sich der DAAD seit einigen Jahren gegenzusteuern. Neben Integrationshilfen wie dem "Buddy-Programm", bei dem Ausländern ein Deutscher als Mentor zu Seite gestellt wird, gibt es Deutschkurse und Seminare, in denen Neuankömmlinge lernen, dass man in deutschen Seminaren ruhig auch seine Meinung sagen kann.

Trotz der schlimmen Bilanz zu Bildungsinländern lässt die neue Studie auch ein wenig hoffen: Die Abbrecherquoten sind bei den ausländischen Studenten, mit oder ohne deutschem Abitur, in den vier untersuchten Absolventenjahrgängen zwar langsam, aber kontinuierlich zurückgegangen. Der Trend bei den deutschen Studienabbrechern hingegen zeigt leicht nach oben.

insgesamt 225 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 02.12.2011
1. Warum
Zitat von sysopAn deutschen Hochschulen studieren 63.000 Ausländer, die hier ihr Abitur gemacht haben. Eine neue Studie zeigt: Fast jeder zweite "Bildungsinländer" schafft keinen Abschluss. Die Experten rätseln: Warum scheitern so viele, die doch hier aufgewachsen sind? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,800959,00.html
rätseln die Experten? Hat man denn die Betroffenen nicht über die Gründe befragt?
jruhe 02.12.2011
2. Abbrecherquote
Da ein immer höherer Anteil der Abiturienten studiert, es immer mehr Abiturienten gibt, entspricht eine niedrigeres Niveau der Studienleistungen doch eigentlich den Erwartungen. Vor 20 Jahren hätte ein Großteil der Abbrecher eine Uni nicht mal von Außen gesehen.
CA-Fire 02.12.2011
3. Na ja,
irgend wann trennt sich die Spreu vom Weizen. Das ist doch besser als wenn ewig ausprobiert wird, wie man ohne Arbeit leben kann. Es kann doch nicht nur "Akademiker" geben.
Passivist 02.12.2011
4. ...
Viele "Bildungsinländer" (was ein Wort) beherrschen die deutsche Sprache zwar mündlich gut bis sehr gut, weisen aber Mängel in der Schriftsprache auf, sei es Grammatik oder einfach das Gefühl für die richtigen Worte im richtigen Kontext. In der Schule lässt sich so etwas durch mündliche Mitarbeit noch problemlos ausgleichen, generell sind die Lehrer da oft nicht so streng, sogar eher wohlwollend im Vergleich zu den deutschen Schülern. An der Uni ändert sich das rapide. Noten für Mitarbeit gibt es nicht mehr immer und meistens werden die Klausuren, insbesondere in sprachwissenschaftlichen Fächern, äußerst penibel korrigiert, Mängel im schriftlichen Sprachgebrauch sind z.B. bei Juristen ab einem gewissen Semester ein klarer Grund für Punktabzüge. Ich selbst komme vom Balkan und ich habe viel länger gebraucht, mich schriftlich angemessen zu artikulieren als mündlich. Sofern es um Ausländer geht, die vollkommen fehlerfrei deutsch sprechen, weil sie in der dritten Generation hier sind, kann es eigentlich keinen Grund geben.
ronomi47 02.12.2011
5. Masse oder Klasse?
Länder mit signifikant höherer Abiturientenquote sollten an den Universitäten auch eine prozentual geringere Zahl an Masterabschlüssen haben. Gewisse Abiturienten erfüllen bei weitem nicht die Anforderungen einer Universität. Demzufolge ist es richtig, wenn entsprechende Selektionen vorgenommen werden. Fairerweise muss dies im ersten und zweiten Studienjahr geschehen. Also kein Drama!
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