Studienabbrecher Herbert Feuerstein In die Karriere gewatscht

Für Harald Schmidt war er der Prügelknabe. Im Musikstudium zitterten andere vor ihm: Herbert Feuerstein verriss als Kritiker einst Studenten wie Dozenten, fing sich Ohrfeigen, musste das Mozarteum verlassen. Der richtige Wink, sagt er heute - ein Interview zum 70. Geburtstag.


SPIEGEL ONLINE: Herr Feuerstein, hatten Sie ohne Studienabschluss je Probleme, eine Arbeit zu finden?

Feuerstein: Nein. Mein Leben ist völlig atypisch verlaufen. Ich musste mir nur ein einziges Mal einen Job suchen, im New York der sechziger Jahre. Da zählte ein Studium in Europa nichts. Es war hart. Ich hatte mir schon Nischen in Armenvierteln ausgesucht, wo ich in Ruhe verkommen wollte. Einfach dasitzen und warten, bis der Gefrier- oder Hungertod eintritt. Ich hatte die Wahl, für einen Musikalienhandel mit dem Fahrrad Noten zuzustellen oder für ein Reisebüro Handzettel zu verteilen.

SPIEGEL ONLINE: Sie landeten aber bei einer deutschsprachigen Zeitung.

Feuerstein: Durch einen Zufall, wie meistens im Leben, hörte ich von der Stelle und hatte Angst, sie nicht zu bekommen - da wurde ich unfair. Dem einzigen Mitbewerber machte ich das Journalistendasein so madig, dass er noch vor dem Vorstellungsgespräch ging. Außerdem protzte ich gern mit meiner Bildung, was keiner nachvollziehen konnte, wegen des Musikstudiums ohne Abschluss. Aber als ich den Job hatte, machte ich ihn zehn Jahre, schaffte es bis zum Chefredakteur und brauchte danach keinen akademischen Titel mehr.

SPIEGEL ONLINE: Als Studienabbrecher…

Feuerstein: …habe ich mich nie gesehen. Damals war ein Ausstieg legitim und möglich. Heute ist es auch noch legitim, aber es ist nicht mehr wirklich möglich, ohne Studium Karriere zu machen. Die Kriterien der Vorauswahl sind so enorm, dass man Chancen verpassen würde.

SPIEGEL ONLINE: Nennen wir es einfach unvollendetes Studium - wie lange dauerte Ihr Intermezzo als Musikstudent?

Feuerstein: So präzise kann ich das gar nicht sagen. Das Mozarteum in Salzburg war damals Hochschule und Musikschule. Ich war schon als 15-Jähriger eingeschrieben, parallel zur Oberschule. Man rutschte da so rein. Nach dem Abitur 1956 war ich weiterhin Mozarteumschüler und hätte bis zur Meisterprüfung weitermachen können.

SPIEGEL ONLINE: Dazu kam es nie. Wieso?

Feuerstein: Heute würde ich sagen, durch Weisheit, derer ich mir damals noch nicht bewusst war: der innere Drang, der Welt einen weiteren schlechten Musiker zu ersparen. Damals habe ich das anders gesehen, mit viel Frust. Im Studium schrieb ich schon für Zeitungen, auch Konzertkritiken. Die wurden mir zum Verhängnis, weil man nicht gleichzeitig Kritiker und Macher sein kann. Oft wird gesagt, Kritiker sind frustrierte Macher - ich kann das bestätigen. Ich habe schwer gesündigt gegen die Kritikerzunft, weil es mir damals wie heute immer nur um die Pointen ging. Ich hätte vielen Abbitte zu leisten, deshalb bin ich dankbar, dass die inzwischen tot sind.

SPIEGEL ONLINE: Auch den Hochschulpräsidenten haben Sie mit Ihrer spitzen Feder gepiekt…

Feuerstein: Das war der eigentliche Grund fürs Studienende. Bernhard Paumgartner war in der Musik ein wichtiger Mann, ein Mozartforscher. Wie alle Musiker hatte er Ambitionen zu komponieren. Seine Oper mit Rossini-Elementen verriss ich natürlich. Kurz vorher schrieb ich über einen Kammermusikabend von Kollegen. Auf meine Weise, also bösartig. Die haben mich aufgesucht und dafür geohrfeigt. Es waren zwei Jungs und ein Mädel, das stand aber nur daneben und guckte ernst.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie schockiert oder amüsiert?

Feuerstein: In dem Augenblick tut das nicht weh, man nimmt das hin. Es wertet einen ja auf. Man kommt in die nächste Liga der für ihre Arbeit Geprügelten, der Märtyrer. Wenn ich so überlege, ist es eigentlich schade, dass sie nicht auf mich geschossen haben. Dann wäre ich gleich drei Stufen höher gestiegen.

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