Studienabbrecher-Interview "Hoëcker, Sie sind raus!"

Im Fernsehen ist er der Kleine mit der großen Klappe: Bernhard Hoëcker ("Genial daneben") gibt gern den Klassenprimus der deutschen Komiker-Riege. Im Interview erzählt er, warum er das VWL-Studium abbrach - und vom Besitz aller Vordiplome träumt, aber seins nie abholte.

SPIEGEL ONLINE: Warum fiel Ihre Studienwahl auf das eher trockene Fach Volkswirtschaft?

Bernhard Hoëcker: Ich wollte unbedingt in Bonn studieren. Meine Schwester hatte schon mit VWL angefangen und erzählt, dass man dieses Studium etwas schleifen lassen kann und nur vor den Prüfungen lernen muss. Das Fach hat mich sehr an den Physikunterricht in der Schule erinnert, mit viel logischem, mathematischem Denken. Das machte mir einfach Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie zumindest zum Studienbeginn fleißig?

Hoëcker: Überhaupt nicht! Ich war und bin kein Lerner. Einmal fiel ich in einer Informatikklausur aber nur durch, weil ich meinem Nachbarn ständig die Lösungen diktiert habe. Mir fehlte dann die Zeit für meine Antworten, er hat bestanden. Heute klingt das lustig. Damals war ich sauer, denn den Kurs musste ich wiederholen.

SPIEGEL ONLINE: In der Fernsehshow "Genial daneben" glänzen Sie in der Rolle des ewigen Besserwissers. Ihr Studium haben Sie nicht beendet. Wieso?

Hoëcker: Es gab zwei Wege, die ich einschlagen wollte: zum Künstler, das habe ich geschafft. Und zum Europäischen Zentralbankchef, denn Volkswirtschaftslehre und Statistik fand ich schon immer interessant. Erst war die Kunst ein Hobby nebenbei. Dann lief die Bühnensache immer besser, bis das Studium nur noch Hobby war. Irgendwann bin ich nicht mehr hingegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie durchgehalten?

Hoëcker: Von 1993 bis 1996. Eigentlich wollte ich der erste Student mit einer dreistelligen Semesterzahl auf dem Ausweis sein, nur um zu sehen, ob der Computer sie in das Feld drucken kann. Aber das hätte ja 50 Jahre Studium bedeutet. Mein Vordiplom habe ich noch gemacht und Vorlesungen des Hauptstudiums gehört, bei Professor Reinhard Selten. Ich wollte schon immer mal bei einem Nobelpreisträger in der Vorlesung sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre Vordiplomnote?

Hoëcker: Die weiß ich gar nicht - bestimmt drei oder vier. Ich wollte sie mir schon immer abholen, damit ich das mal sagen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Vordiplom nie abgeholt?

Hoëcker: Ich hatte keine Zeit. Es liegt vermutlich noch an der Uni, ich müsste das beantragen. Also wenn jemand von der Uni Bonn das hier liest und es mir zuschicken möchte, sehr gern. Ich bin bereit und würde es mir sofort an die Wand hängen.

SPIEGEL ONLINE: Wann kam der Punkt, als es hieß: "Hoëcker, Sie sind raus!"?

Hoëcker: Im Hauptstudium habe ich kaum noch gelernt. Da gab es eine Vorlesung zur Verkehrsgeschichte bei einem Hamburger Professor, wir mussten jede Jolle mit Namen kennen. Städte hier, Schiffe da - das hat mich total interessiert, ich habe Bücher dazu gelesen, aber nicht gelernt. Als ich die Klausur ganz knapp bestand und merkte, ich habe keinen Bock zum Lernen, ließ ich es einfach sein. Parallel lief damals schon "Switch", ich war sieben Tage die Woche unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Rausgeworfen wurden Sie also nicht?

Hoëcker: Keiner hat gesagt: Bernhard, lass es. Dazu interessieren sich Professoren viel zu wenig für Studenten. Obwohl es da einen Professor gab, verantwortlich für Studienangelegenheiten, Betriebswirtschaftler und starker Befürworter von Studiengebühren, der Briefe rumgeschickt hat nach dem Motto: Bitte meldet euch ab, ihr geht eh nicht mehr studieren. Ein paar haben das gemacht, ich nicht. Irgendwann rückte die Uni so weit in den Hintergrund, dass ich den Einschreibungstermin verpasste.

SPIEGEL ONLINE: Auch Nordrhein-Westfalen führt bald Studiengebühren ein. Was halten Sie davon?

Hoëcker: Da habe ich eine nicht studentenkonforme Meinung. Immer, wenn es um das Thema geht, höre ich von Gegnern nur: "Ey, da muss ich Geld bezahlen, is' scheiße". Na und? Noch nie habe ich ein schlüssiges Argument gegen Gebühren gehört. Sozial Schwache werden nur vorgeschoben. Warum nicht jedem, sagen wir, 700 Euro geben und dann pro Student sozial abgefederte Gebühren erheben? Ich hätte sicher mit Gebühren ernsthafter, sinnvoller, mehr in meinem und im Interesse der Uni studiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als wandelndes Lexikon für unnützes Wissen. Woher kommt Ihr Wissensdrang?

Hoëcker: Ich bin einfach sehr neugierig. In Zeitungen lese ich auch die kleinen Artikel, beim Friseur mal eine Modezeitschrift - also immer breit gefächert. Und ich war auf einem humanistischen Gymnasium. Schule war superschön, da würde ich sofort wieder hingehen. Was mich aber die ganze Schulzeit fertig gemacht hat, waren die Sprachen, Deutsch, Englisch und Latein. Alles andere wie Mathematik, Biologie, Chemie hat mich interessiert. Nur war ich einfach zu faul.

SPIEGEL ONLINE: Die neunte Klasse mussten Sie wegen Englisch und Latein wiederholen - ein traumatisches Erlebnis?

Hoëcker: Überhaupt nicht. Das kann ich jedem empfehlen. Wenn man sitzen bleibt, geschieht das nicht ohne Grund. Meist hängt man ja hinterher, dann hat es viele Vorteile: Man kommt aus der Alltagsroutine raus, ist der Älteste in der Klasse, kennt den Stoff schon und hat deshalb mehr Lernfreude. Bei mir war das jedenfalls so.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie am deutschen Schulsystem verändern?

Hoëcker: Die Ausbildung der Erzieherinnen im Kindergarten verbessern, die Grundschule auf sechs Jahre erweitern, die Ganztagsschule unterstützen. Ich wünsche mir ein Fach Allgemeinbildung, wo man das Lernen lernt und erfährt, wie man Bafög-Anträge oder Steuererklärungen ausfüllt - Dinge, die einem beim Leben helfen. Und ich würde wohl Hausaufgaben abschaffen. Ich hatte nie das Gefühl, ich müsste Hausaufgaben erledigen, weil sie Sinn machen, sondern nur aus Selbstzweck.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie ans Studentenleben denken, was fällt Ihnen spontan ein?

Hoëcker: Wenn ich das Gefühl hatte, eine Studentenpartei wollte an der Uni Weltpolitik machen, ging mir das tierisch auf die Nerven. Sehr gut fand ich am Studentenleben den Flaschenöffner unter dem Kaffeebecher vom Automaten in der Mensa.

SPIEGEL ONLINE: War das Studium für Sie die vielbeschriebene schönste Zeit?

Hoëcker: Die schönste Zeit würde ich nicht sagen, jetzt ist sie einfach schöner. Es war trotzdem eine wichtige Zeit. Aber wenn man nicht für die Uni lernt, interessiert es keinen. In der Schule gibt es da mehr Druck. Vielleicht habe ich aufgehört, weil ich diesen Druck brauche. Eine Fachhochschule wäre für mich wohl besser gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie Ihren Hochschulabschluss irgendwann nachholen, vielleicht auf einem anderen Gebiet?

Hoëcker: Nein, das könnte ich nicht. Ich hatte mal den Traum, alle Vordiplome zu besitzen. Auf diesem Allgemeinwissen könnte man gut aufbauen. Aber ich halte nur weniges bis zum Ende durch. Auch Hobbys verfolge ich sehr intensiv und trotzdem nie sehr lange. Ich tue Dinge, solange sie mir Spaß machen. Und irgendwann schneidet die Kurve des Lernaufwands die des Spaßes.

SPIEGEL ONLINE: Ins Bildungssystem passt das nicht so recht.

Hoëcker: Deshalb passe ich auch nicht in das Bildungssystem.

Das Interview führte Christian Werner

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