Studienabbrecher Kai Pflaume Nicht die Uni zählt

Soldat, Informatiker, Laufstegmodel, Aktienhändler - Flirt-Experte Kai Pflaume ("Nur die Liebe zählt") hat schon viele Berufe gesehen. Aus der DDR flüchtete er kurz vor dem Mauerfall. Bevor Pflaume auf abenteuerlichen Wegen TV-Allzweckmoderator wurde, schmiss er Studium, Lehre, Beruf.

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Sat.1-Kuppelmutter Pflaume: Fernsehkarriere im Namen der Liebe
DDP

Sat.1-Kuppelmutter Pflaume: Fernsehkarriere im Namen der Liebe

Abbrechen, bereuen, neu anfangen - und wieder abbrechen. Das ist das Leben von Kai Pflaume, und zwar nicht nur in seiner Fernsehshow "Nur die Liebe zählt". Während im sonntäglichen Versöhnungsspektakel liebeshungrige Kandidaten ihre Entscheidungen rückgängig machen wollen, sagt Kai Pflaume: "Ich bereue nichts." Und hingeworfen hat er vieles.

Die Um- und Irrwege haben jedenfalls nicht geschadet. Heute ist der 37-Jährige als massenkompatibler Frauenversteher mit Patent für die zweite Chance bekannt. Seit mehr als zehn Jahren kittet er mit sprechenden Plüschtieren und Videobändern im "Nur die Liebe zählt"-Wohnwagen gebrochene Herzen. Bevor sich der Fernseh-Liebling aller Schwiegermütter für das Showbiz entschied, hängte er Studium, Lehre und Beruf an den Nagel.

Dabei fing die Sinnsuche vielversprechend an: Musterschüler Kai schrieb durchweg gute Noten (Abitur mit 1,8) und trat als ehrgeiziges Sport-As auch nach sechs Knochenbrüchen weiter unermüdlich gegen den Ball. Eine Musterkarriere wie die des älteren Bruders mit Promotion und Forschungspreisen fand Pflaume zu langweilig. "Ich wollte Müllmann werden", erzählt er über erste kindliche Berufswünsche.

Studium interruptum - prominente Studienabbrecher

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Nachdem Pflaume widerwillig anderthalb Jahre Wehrdienst bei der DDR-Marine abgesessen hatte ("Man deponiert das Hirn an der Pforte und hofft, dass es in der Zwischenzeit nicht beschädigt wird"), raffte er sich zum Studium auf. Er wählte Informatik, weil das Fach ganz neu war und immerhin nichts mit politischer Ideologie zu tun hatte.

Die hochschwangere Freundin erfunden

Aus dem fleißigen Schüler Pflaume wurde ein mäßig enthusiastischer Student. Es war zwar spaßig, auf flackernden Monitoren der Robotron-Rechner mit MS Dos zu experimentieren, denn mit Programmiersprachen konnte 1987 kaum jemand glänzen. Doch Sportsfreund Pflaume rackerte sich noch lieber auf dem Fußballplatz ab. Und dem Tenniscourt. Und dem Handballfeld, der Judomatte und der Tartanbahn.

In feucht-fröhlichen Studentenclubs löste eine Party die nächste ab, und Pflaume langte bei Bier und Wodka ordentlich zu - "es gab ja in der DDR keine Drogen". Schon zu dieser Zeit machte sich sein Talent zur Selbstdarstellung bemerkbar: Als Mannequin lief er auf privat organisierten Modeschauen über den Laufsteg.

 Kai Pflaume im Mai 1989: Mit 22 Jahren fängt das neue Leben an

Kai Pflaume im Mai 1989: Mit 22 Jahren fängt das neue Leben an

Doch als im Herbst 1989 das Semester begann, lichteten sich die Hörsäle in Sachsen-Anhalt gewaltig. Ungarn hatte die Grenze nach Österreich geöffnet, und viele Kommilitonen kehrten erst gar nicht erst aus dem Urlaub zurück. Pflaume hielt es noch eine Woche in der Uni aus, dann schmiss auch er die Hochschullaufbahn. Mit Blumensträußchen in der Hand flunkerte er den Grenzern am Leipziger Flughafen eine Geschichte von einer hochschwangeren Freundin vor, die in Budapest auf ihn wartete.

"Ich habe nur nach vorn gesehen. Der Verlust der Familie, der Freunde, der Heimat - darüber habe ich in diesem Moment nicht nachgedacht." Kai Pflaume war 22, der Kapitalismus versprach ein glitzerndes Leben. Erstes Etappenziel: die Finanzmetropole Frankfurt am Main.

Kapitalismus an der Quelle

Der Republikflüchtling wollte jetzt Erfolge sehen. Ein zweites Studium hätte zu lange gedauert. Viel schneller schien ihm eine Banklehre zum Ziel zu führen, denn die Wertpapierbörse zog Pflaume magisch an. Doch auch diese Ausbildung floppte: "Kontoführung hat mich zu Tode gelangweilt."

Trotz abgebrochener Lehre ergatterte Pflaume eine Stelle als Aktienhändler. Nebenbei verteilte er Zigaretten in Fußgängerzonen, um Auto und Wohnung zu finanzieren. "Wenn schon Kapitalismus, dann an der Quelle", sagte er im Oktober 1991 als "Herzblatt"-Kandidat bei Rudi Carrell und schwor sich, die nächste TV-Show möge die eigene sein.

Der Schritt war gar nicht so schwer - und mag Studenten ermutigen, die sich seit Jahren mit Werbejobs über Wasser halten. Denn Reklameshows waren Kai Pflaumes Schlüssel zur TV-Karriere. Weil er nach Börsenschluss nächtliche Karaoke-Shows moderierte, hatte sich der begabte Verkäufer bald daran gewöhnt, auf der Bühne zu stehen.

Nachdem ihn RTL für zwei Spielshows engagiert hatte, die nie produziert wurden, klappte es beim dritten Casting: Seit 1993 kümmert sich Kai Pflaume um geschundene Herzen, verschenkt Renten der Glücksspirale, sucht Deutschlands wahre Helden und testet neuerdings auch Haustiere. Bei Sat.1 moderiert er praktisch alles, was nicht aus eigener Kraft flüchten kann. Ein Informatik-Diplom hätte ihn wohl kaum dort hingebracht, wo er jetzt ist.



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