Frust im Technikstudium "90 Minuten nichts als Steine"

Jeder zweite Mathe-Student scheitert, bei Bauingenieuren ist es jeder dritte. Meist bedeutet ein Abbruch Frust, doch ein Umstieg kann gelingen: Dirk Oertker, 26, studierte Ingenieurwissenschaften. Heute ist er wieder glücklich.
Student Oertker: "Das ist es nicht"

Student Oertker: "Das ist es nicht"

Foto: Stefan Lesch

Dirk Oertker stammt aus einer kleinen Hausbaufamilie. Sein Vater ist Bauingenieur, der Onkel besitzt ein Bauunternehmen, und Dirk selbst hatte schon mit der Wahl seiner Leistungskurse die Weichen in diese Richtung gestellt: Er wählte Mathe und Physik. Nach dem Zivildienst fing er 2008 an der TU Dortmund mit Bauingenieurwesen an. "Ich dachte halt: Das ist spannend, da verdiene ich viel Geld, da lockt eine Karriere", sagt der 26-Jährige heute. Inzwischen schreibt Dirk an seiner Masterarbeit - um dann Lehrer für Sport und Mathematik zu werden.

Den Traum, Bauingenieur zu werden, hatte er schon nach zwei Semestern aufgegeben. "Ich saß in Baustoffkunde, und der Professor redete jede Woche 90 Minuten über nichts als Steine." Spätestens da habe er gemerkt: "Das ist es nicht." Dirk brach das technische Studium ab, wie so viele: Jedes Jahr schmeißen Tausende angehende Bauingenieure ihr Studium.

Zwar kletterten die Absolventenzahlen zuletzt leicht nach oben, doch an der TU Dortmund etwa wurden laut aktueller Jahresstatistik  2012 nur 72 Studenten fertige Bauingenieure - während sich zum Wintersemester fast 200 für das Fach einschrieben. Die Zahlen machen deutlich: Viele fangen an, verhältnismäßig wenige schließen ab. Oertker aber kehrte der Uni nicht ganz den Rücken, er steuerte um: auf Lehramtsstudium, Fachkombination Sport und Mathematik. Kein einfacher Schritt für den Einser-Abiturienten: "Mir einzugestehen, dass es nicht geklappt hat, ist mir wirklich schwer gefallen."

"Viele wissen zu wenig vom Fach und sich selbst"

Kein Interesse an der Materie oder Überforderung - die Gründe für den Aus- oder Umstieg sind vielfältig. Doch nirgends geben so viele Studenten auf, wie in den sogenannten Mint-Fächern, also in Studiengängen mit viel Mathe und Technik: Die Abbrecherquote liegt seit Jahren bei weit über 30 Prozent , wie jüngst das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) bestätigt hat. Es wertete Daten jener Studenten aus, die zwischen 2008 und 2010 das Studium aufnahmen, so wie Dirk Oertker. Demnach gaben von seinen Kommilitonen an Universitäten etwa 36 Prozent vorzeitig auf, in Mathematik warf sogar jeder Zweite hin.

Für DZHW-Studienleiter Ulrich Heublein ist das in der Sprache der Hochschulforschung ein "Allokationsproblem": Immer mehr junge Leute strömen an die Hochschulen, ein Großteil davon eher unvorbereitet. "Viele wissen zu wenig vom Fach, zu wenig von sich selbst", sagt Heublein. Studienanfänger sollten sich intensiv mit ihrem Wunschfach beschäftigen, sagt er - und plädiert für ein "Studium auf Probe", um dem Studienabbruch entgegenzuwirken. Trotzdem bleibe auch bei reiflicher Überlegung die Gefahr des Scheiterns in Mint-Fächern besonders hoch.

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Ein Hauptgrund: In Mint-Studiengängen gehörten die Grundlagenfächer zum schwierigsten Teil des ganzen Studiums, während in vielen Geisteswissenschaften peu à peu das Niveau steige. Für Fächer wie Romanistik und Philosophie macht der Forscher daher auch andere Probleme aus: falsche Erwartungen etwa. "Die Studienanfänger denken halt: Ach, Germanistik, da kann ich mal so richtig lesen", sagt Heublein. Aber dann gehe es um Grammatiktheorien und Sprachmorphologie. Es folgen: Abbrüche frustrierter Jungakademiker.

Die Politik versucht seit Jahren gegenzusteuern, allerdings mit mäßigem Erfolg. So will das Bildungsministerium Abbrecher und Abiturienten stärker für klassische Ausbildungsberufe interessieren. Eine vom Wissenschaftsministerium in NRW geplante gesetzliche Höchstquote der Abbrecher lehnen die Hochschulen dort laut "Westdeutscher Allgemeiner Zeitung"  jedoch ab. Auch Heublein glaubt nicht, dass das funktionieren kann: Da einzelne Unis und FHs gar nicht kontrollieren könnten, ob Studenten nach einer vorzeitigen Exmatrikulation für immer aussteigen, ließe sich eigentlich nur eine "Schwundquote" ermitteln: Die zeige dann lediglich an, wie viele Studenten eine Hochschule verlassen - und nicht, ob sie eine Pause einlegen, die Uni wechseln oder arbeiten gehen.

Durchfallerquote von bis zu 95 Prozent

Laut Heublein werde versucht, die Mint-Abbrecherquoten an Unis zu senken, indem man den Studienaufbau mehr dem an Fachhochschulen anpasst. Der Hochschulforscher erhofft sich zudem vom Fördermittel-Wettbewerb "Qualitätspakt Lehre" Verbesserungen an deutschen Hochschulen, die allerdings in den Messungen erst in zwei Jahren Effekte zeigen könnten.

Noch ist von positiven Veränderungen wenig zu sehen: In Dortmund, wo Dirk Oertker Bauingenieurwesen studierte, soll die Quote der Durchfaller für dieses Fach laut den "Ruhr Nachrichten"  zuletzt bis zu 95 Prozent betragen haben. Ein weiterer Gradmesser für die Härte des Bauingenieurstudiums: Im Wintersemester waren mehr als 600 Studenten im Bachelor-Studiengang Bauingenieurwesen  eingeschrieben - aber nur 384 waren noch in der Regelstudienzeit. Binnen der vorgesehenen drei Jahre ist das Studium offenbar kaum zu schaffen.

Oertker hatte das schnell gemerkt. Nach seinem Umstieg ins Lehramt absolvierte er den neuen Studiengang in Regelstudienzeit. Wenn er nun im November als Referendar antritt, werden viele seiner Freunde aus dem ersten Ingenieurssemester erst gerade fertig, obwohl sie ein Jahr Vorsprung hatten.

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