Studienabbrecherin Alexa Hennig von Lange "Ich wollte immer schreiben"

Die Uni ließ Alexa Hennig von Lange, 34, flott hinter sich und jobbte lieber als "GZSZ"-Autorin, Moderatorin, Model - sie war jung und brauchte das Geld. Stillsitzen im Seminar war nie ihre Sache, auch ihren Kindern würde die Schriftstellerin kaum zum Studium raten.
Von Jan Hauser

Am Abend davor war es nur eine Vorahnung. Am Morgen war ihr "sonnenklar, dass ein Studium nicht mein anvisiertes Lebensziel ist". Wenn sie sich jetzt daran erinnert, wird ihr genauso schlecht wie damals. Alexa Hennig von Lange hat ihr Studium abgebrochen - dabei hatte sie gar nicht richtig angefangen.

Am Morgen der Einführungsveranstaltung: "Der Gedanke daran war ganz schrecklich für mich. Ich erinnere mich noch genau, wie ich an diesem Morgen aufwachte und wusste, ich muss zur Uni fahren." Sie wollte nicht mehr studieren, fuhr dennoch hin und direkt wieder zurück, weil sie den Raum nicht fand: "Das war für mich ein Zeichen und das Thema erledigt", sagt sie heute.

In Hannover hatte Alexa Hennig von Lange sich für Philosophie und Pädagogik eingeschrieben - wegen ihrer Eltern: "Weswegen sonst? Ich habe gedacht, ich sollte das machen, um eine Sicherheit zu haben. Gerade meine Mutter glaubte immer sehr an die Macht des Studiums, um im Leben nicht unterzugehen." Ihr risikofreudigerer Vater habe nichts gesagt, als er vom Ende des Studiums erfuhr. Bei ihrer Mutter war das anders: "Für sie war das ein weiterer Beweis dafür, dass ich doch besser Kindergärtnerin werden oder ins Hotelfach wechseln sollte."

"Als Model war ich nicht schlank genug"

Den Rat hat sie nicht angenommen. "Ich wollte immer schreiben", sagt Alexa Hennig von Lange. Ihre Familie war über Generationen literarisch ambitioniert und interessiert. Sie bekam immer viele Bücher. Nur befürchtete ihre Mutter, dass Autoren für den Druck ihrer Bücher eher bezahlen müssten, als dafür Geld zu bekommen.

Der nächste Schritt: Bewerbung an den Kunsthochschulen in Hildesheim, Hannover und Berlin. Mehrfach. Alexa Hennig von Lange möchte visuelle Kommunikation, Grafik-, Schmuck- oder Produktdesign studieren: "Das war mein ganz großer Wunsch. Aber leider hat das nicht geklappt. Das wiederum war mein Glück, weil ich so gezwungen war, den Weg zu gehen, den ich mir schon als Kind erträumt hatte, nämlich zu schreiben - und davon zu leben."

Dann sucht sie sich Jobs, "ich musste ja von irgendetwas leben". Von Hannover zieht sie mit 21 Jahren nach Berlin und arbeitet für den ehemaligen "Tempo"-Chefredakteur Markus Peichl als Cutter-Assistentin für die MTV-Produktion "Das wahre Leben". "Wer einmal für Markus Peichl gearbeitet hat, kennt anschließend viele Leute. Diese Verbindungen bleiben - bei guter Arbeit", sagt sie.

Alexa Hennig von Lange schaut, was andere machen und verdienen. Sie moderiert die Kindersendung "Bim Bam Bino", arbeitet als Produktionsassistentin - und als Model: "Das habe ich wahnsinnig gern gemacht", aber nicht lange, "dazu war ich nicht schlank genug".

Der erste Roman: eine "tolle, tolle Zeit"

Sie heuert auch bei der RTL-Soap "Gute Zeichen, schlechte Zeiten" an. Dass sie dort neun Monate als Autorin arbeitete, wurde "immer wahnsinnig aufgebauscht. Als sei das ein Verbrechen. Aber irgendwie musste ich ja Geld verdienen, bevor mein erstes Buch herauskam. Und niemand sollte unterschätzen, was die Leute da leisten."

Die Mitarbeiter arbeiten bis zu 14 Stunden täglich unter hohem Zeitdruck. In fünf Tagen müssen fünf Folgen fertig werden. Das brauche "enorme handwerkliche Leistung und enorme Disziplin - man kann sich da wirklich kaputt machen", sagt Hennig von Lange. Sie steigt aus, als sie anfängt, auch privat im GZSZ-Jargon zu formulieren.

Früh hat sie eigenes Geld, finanziert sich selbst, seit sie 19 ist. Ohne Disziplin geht gar nichts, das hilft auch beim Schreiben. Ihr bestes Erlebnis als Autorin? "Ich fand es überaus angenehm, mein erstes Buch zu schreiben. Ich merkte, ich verschwinde in der Geschichte und schaffe es so, ein sehr langes Buch zu schreiben", erinnert sich Alexa Hennig von Lange: "Ich hörte nicht nach 30 Seiten wieder auf, sondern schrieb so lange so viel und löste mich beinahe im Leben meiner Protagonisten auf."

Sie hat einen Freund an ihrer Seite, der das Neueste liest, darüber lacht und begeistert ist: "Das war einfach eine tolle, tolle Zeit. Eine sehr unbekümmerte Art, zu schreiben. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Das war sehr schön. Heute ist das etwas anders."

Stillsitzen geht gar nicht

Dem Uni-Leben entkommt sie trotz des Abbruchs nicht ganz. Freunde berichten vom Studium und nehmen sie mit zu Partys und Veranstaltungen, zu einem Seminar in Berlin: "Das fand ich hochinteressant. Aber ich war auch froh, das als Besucher zu genießen, der gerade nichts Besseres zu tun hatte." Der eine Seminarbesuch reicht ihr, "ich hätte in einem Raum still sitzen müssen" - bloß keine festen beruflichen Bindungen.

Heute empfindet Hennig von Lange schon Termine zuweilen als unangenehmen Eingriff in ihren Lebensrhythmus. Natürlich hat sie Abgabetermine, muss ihr Schreibpensum schaffen und die Kinder morgens für die Schule fertig machen. Sie lebt nicht frei: "Leute erwarten etwas von mir. Ich erwarte etwas von Leuten. So entsteht ein enges Netz von Verantwortung. Dennoch kann ich mich darin relativ frei bewegen, und gestalte selbst - das mache ich gern."

Mit der Uni kann sie sich nach wie vor nicht anfreunden. Und mit Akademikern meist auch nicht. Zumindest, wenn sich die Berufswege kreuzen: "Wenn ich auf Leute treffe, die wirklich durchstudiert haben, machen die manchmal einen etwas weltfremden Eindruck auf mich." Oft fehle ihnen die praktische Erfahrung, sie fänden sich nicht in neuen Strukturen zurecht und wollten "gleich oben einsteigen - sie wachsen nicht in der Hierarchie, wie ein Kind in die Gesellschaft hineinwächst". Auch ihren beiden Kindern würde sie eher nicht zum Studium raten.

Inzwischen ist Alexa Hennig von Lange 34 und mit ihren Büchern selbst Thema in den Hochschulen. Der Kreis schließt sich. In der Uni liest sie aus ihren Werken vor. "Das mache ich schon sehr, sehr gern", erzählt sie begeistert vom Austausch mit Studierenden, der Spaß macht, nett und sehr lustig ist: "Aber auch nur, weil ich die Veranstaltung moderieren kann und alles unter Kontrolle habe."

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