Studienanfänger-Tagebuch Erstis Allgemeine Verunsicherung

So sieht also das Uni-Chaos aus: Marc kämpft um Seminarplätze, Larissa bietet einer obdachlosen Freundin ein Bett, und Fabienne lernt ihre Ü-60-Kommilitonen kennen. Für den UniSPIEGEL berichten die drei von ihrem Studienstart.
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Mein erster Uni-Tag: Vintage-Fahrrad, Rentner-Nachbarn, Gender-Kritik

Foto: Maren Volk

Auf einmal sind sie wieder klein. Sie kennen den richtigen Weg noch nicht, müssen ihren Stundenplan ausfüllen und sich einen Stuhl aussuchen - aber kein Lehrer mahnt fortan mehr zur Pünktlichkeit. Seit Montag stehen rund 500.000 Erstsemester des Jahres 2011 mitten im Studium - so viele wie noch nie. Darunter sind auch Marc Becker, 20, Larissa Rohr, 19, und Fabienne Kinzelmann, 19, in Marburg, Tübingen und Dresden.

Marc und Fabienne hätten ihre erste Vorlesung beinahe unfreiwillig ausgelassen, Larissa wäre fast am eigenen Stundenplan verzweifelt: Seminare, Tutorien, Vorlesungen, Intensivphasen - und nur fünf Wochentage. Wie soll das gehen?

Für den UniSPIEGEL berichten sie von ihrem Studienstart. Dritter Teil: Kneipentouren, Nummerntausch und Ankunft im Uni-Chaos. Hier sind ihre Protokolle:

Fabienne kann nicht schlafen: Verpennt zum Griechisch-Seminar

Fabienne auf dem Weg zur Uni: Die Landschaft wurde immer ländlicher

Fabienne auf dem Weg zur Uni: Die Landschaft wurde immer ländlicher

Foto: Maren Volk

Verschlafen! Ich springe aus dem Bett, dann fällt mir auf, dass es stockdunkel ist. Schon als Kind schreckte ich vor ersten Schultagen mitten in der Nacht hoch und begriff erst nach einer Weile, dass ich noch ein paar Stunden länger schlafen konnte. Mein Unterbewusstsein hat meinen ersten Uni-Tag wohl mit ersten Schultagen gleichgesetzt - auch wenn meine Klassenkameraden nun Kommilitonen heißen.

Als es endlich hell wird, fühle ich mich wie gerädert. Dreimal kontrolliere ich, ob ich Block und Stifte in meinem Rucksack habe. Dann mache ich mich mit einem Zeitpuffer von einer halben Stunde auf zur Haltestelle, wo ich zielsicher die falsche Bahn nehme. Als die Landschaft immer ländlicher wird, fällt mir das auch endlich auf. Ich steige um Richtung Dresdner Innenstadt und komme gerade noch rechtzeitig. Der Seminarraum ist fast voll, nur in den vorderen zwei Reihen ist noch was frei.

Mir wird schnell klar, dass meine beiden Pflichtsemester Altgriechisch nicht leicht werden. Fünfmal anfangen bringe nichts, sagt die Altgriechisch-Professorin. Wer nicht das nötige Sitzfleisch mitbringe, na, der sei hier eben falsch. Zum Glück hat die Kommilitonin neben mir schon die Kurs-Unterlagen ausgedruckt, denn es geht sofort los: Mit der Teilnehmerliste in der Hand ruft die Professorin gut 40 Studenten nacheinander zum Vorlesen auf. Gar nicht so einfach, schließlich liegt vor uns ein komplett neues Alphabet voller Symbole, die ich nur teilweise aus Mathe und Physik kenne.

15 Studenten und noch mal so viele Senioren

Danach folgen die ersten Grammatik- und Akzent-Regeln - in der Schule hätten wir sicher in den ersten fünf Stunden nur Plakate gemalt. Nach 90 Minuten ist das Seminar vorbei, und ich muss mich beeilen: In einem anderen Gebäude, zwei Bushaltestellen weiter, beginnt in knapp 20 Minuten meine Christologie-Vorlesung.

Bei der Einführungsveranstaltung der Philosophischen Fakultät hat uns der Dozent ein Balkendiagramm gezeigt, wie viele Studenten welches Fach an der Fakultät studieren. Am längsten war der Balken in Geschichte. Durch Farben war aufgegliedert, wie viele auf Bachelor, Master oder Lehramt studierten. Der Balken bei Katholische Theologie war so klein, dass ich die farblichen Unterschiede kaum erkennen konnte. Bei der Einführungsveranstaltung meines Instituts waren wir etwa zehn Erstsemester.

Bei meiner ersten richtigen Vorlesung sind wir circa 15 Studenten und noch mal so viele Senioren als Gasthörer. Ich finde es spannend, was uns der Prof über seinen Fachbereich, die Systematische Theologie, erzählt. "Theologie ist ein kritisches Geschäft. Also, meine Damen und Herren: Glauben Sie mir nicht. Hinterfragen Sie!", sagt er und nimmt mir so meine letzten Zweifel, im Studium nur auf absolute Papstverfechter zu stoßen.

Zum Glück habe ich montags nur zwei Lehrveranstaltungen. Nach der Vorlesung hetze ich in die "Spiesser"-Redaktion, wo ich jetzt als Teilzeit-Redakteurin arbeite, und nach Feierabend fahre ich mit dem Fahrschulauto auf die Autobahn. Danach liege ich müde im Bett. Mit "Alpha, Beta, Gamma, Delta, …", murmle ich mich in den Schlaf.

Larissa in der Mensa: Mittagessen mit Luther, Wahrheiten über Goethe

Larissa und ihr Vintage-Bike: Das rosa Studentenrädchen gehörte vorher der Oma

Larissa und ihr Vintage-Bike: Das rosa Studentenrädchen gehörte vorher der Oma

Foto: Lena Heitzenröder

Seit zwei Wochen lebe ich in Tübingen und hatte bisher keine Zeit, irgendjemanden zu vermissen. Ich war gerade in mein WG-Zimmer eingezogen, da quartierte ich schon meine Kindergarten-Freundin Ellen ein. Sie studiert auf Lehramt, hat allerdings noch keinen Schlafplatz gefunden.

Kaum steht Ellens Koffer in meinem Zimmer und ihre Zahnbürste im Bad, muss ich weg. Stadt-Ralley, Kneipentour, Ersti-Kaffee, Campus-Führung - und das Ganze mal zwei, denn die Fachschaften meiner beiden Fakultäten strengen sich richtig an, um uns Uni-Anfängern den Einstieg leicht zu machen.

Bei der Stadtführung klären die älteren Semester auch das ein oder andere Tübinger Mysterium. An vielen Tübinger Hauswänden hängen Blechschilder mit der Aufschrift "Hier kotzte Goethe", jetzt habe ich auch zwei Erklärungen, warum: Johann Wolfgang von Goethe soll hier zwölf Tage lang zu Besuch gewesen sein und sich aus dem Fenster übergeben haben. Der Alkohol, sagen die einen. Andere behaupten, Goethe konnte meine liebgewonnene Studentenstadt Tübingen nicht leiden.

Der Stundenplan sieht so leer aus...

Nebenbei lerne ich bei den "Ersti-Veranstaltungen" auch die andere "Erstis" kennen, etwa den U-19-Basketball-Bundesligisten Stefan, der mich aus 2,03 Metern Höhe angrinst. Beim Medienwissenschafts-Mittagessen begegne ich Martin Luther, ich frage, was ihn immer alle fragen - und er heißt wirklich so. Gleich darauf begegne ich auch noch meiner Doppelgängerin: Eine Larissa mit genau der gleichen Fächerkombination. Irgendwann quillt mein Handy-Telefonbuch vor neuen Nummern über, und ich fange an, den Gesichtern falsche Namen zuzuordnen.

Zeit zum Entspannen bleibt keine, schließlich muss ich als leidenschaftliche Schwimmerin und Joggerin Tübingens Schwimmbäder erkunden, die besten Laufwege am Neckar testen, an Bibliotheksführungen teilnehmen und meinen Stundenplan zusammenpuzzeln.

Fünf Wochentage, Seminare, Tutorien, Vorlesungen, Intensivphasen und mittendrin: ich ohne Plan. Aber meine erfahrenen Mitbewohnerinnen und "Ex-Erstis" Lena und Sandra retten mich. Nach einigem Hin- und Herrücken, Rumspielen und Schieben steht er: mein erster Uni-Stundenplan, der auf den ersten Blick so leer aussieht…

Nicht mehr ganz so leer ist mein karierter Block nach den ersten Seminaren und Vorlesungen. Darin stehen Termine für die ersten Protokolle, Kompaktphasen und Hausarbeiten. Zwischen den Seiten stapeln sich Blätter mit Seminarlisten, Literaturempfehlungen und Referatsthemen. Der Schein des leeren Stundenplans trügt. Ich glaube, so sieht der Uni-Alltag aus.

Marc unter Ahnungslosen: Wann geht die Uni los?

Marc vor der "PhilFak": Was soll in so einem einladenden Gebäude schiefgehen?

Marc vor der "PhilFak": Was soll in so einem einladenden Gebäude schiefgehen?

Foto: Tamilwai Kolowa

Eigentlich kenne ich das Uni-Gebäude, ich habe es mir schon im Juni angesehen - damals noch als Abiturient. Es ist ein neues, ungewohntes Gefühl, es als richtiger Student zu betreten. In der vergangenen Woche begann die Einführungswoche mit einer Veranstaltung im Hörsaal. Mit mir drängten sich 120 Politik-"Erstis" ins Auditorium - und doch fühlte ich mich in dem Moment etwas allein.

Aber das änderte sich, nachdem eine Professorin und Mitglieder der Fachschaft uns begrüßt hatten: Wir wurden in Kleingruppen aufgeteilt, damit wir uns kennenlernen. Danach fühle ich mich schon etwas weniger auf mich allein gestellt.

Mit zwei "Teamern", also zwei älteren Studenten, verbrachten wir die ganze Einführungswoche in diesen Gruppen. Lisa und Bernd studieren im dritten und fünften Semester Politikwissenschaft, sie sagten uns, welche Seminare interessant sind und zeigten uns Marburg. Gemeinsam besuchten wir Einführungsveranstaltungen, machten Stadt-Rallyes und trafen uns abends in der Kneipe oder auf Partys.

Alle sagen: Lasst euch Zeit!

Danach kenne ich viele neue Leute, mein Stundenplan steht auch, und ich fühle mich eigentlich gut vorbereitet. Doch dann klicke ich mich am Sonntagabend, bevor die Uni richtig losgeht, noch mal durch das elektronische Vorlesungsverzeichnis. In der Einführungswoche geisterte das Gerücht herum, dass die Seminare noch nicht beginnen würden. Im Verzeichnis steht jetzt etwas anderes. Ich chatte mit meinen ebenfalls ahnungslosen neuen Kommilitonen und beschließe, dass ich nicht schon am ersten Tag fehlen will.

Am Montagmorgen fahre ich zur Uni und tatsächlich: Das Seminar findet statt. Rund 40 Studenten hatten sich angemeldet, nur 20 sitzen jetzt im Raum. Das sei eine überraschend kleine Gruppe, mit der sich gut arbeiten ließe, sagt der Dozent. Ich glaube, er freute sich - ohne zu wissen, dass die meisten unfreiwillig schwänzen.

Erst erklärt der Dozent den Seminarplan und vergibt die Referatsthemen, danach diskutieren wir über die Rolle der Medien im politischen System der Bundesrepublik. Der angenehme Unterschied zur Schule: Damals hätte die Hälfte bei diesem Thema gleich abgeschaltet, hier sitzen nur Leute, die es wirklich interessiert.

Leider sind die Veranstaltungen nicht immer so angenehm leer. Vor allem die Angebote um die Mittagszeit herum sind hoffnungslos überlaufen, und Freitagabend will natürlich kaum jemand ein Tutorium besuchen. Für manche Tutorien werden direkt nach der Vorlesung Listen ausgelegt, in die wir uns eintragen sollen. Einige Studenten springen dann über Bänke, um als Erster die Liste zu erreichen. Ich hatte bisher immer Glück.

So langsam finde ich mich auch im Dschungel der Uni-Organisationen und in der Prüfungsordnung zurecht. Als Anfänger ist es gut zu wissen, dass ich nicht sofort alles wissen und können muss - denn das von Professoren und älteren Studierenden beschworene Geheimnis lautet: Lasst euch Zeit!

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