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Studienfach Techno: Schnell, laut, heiß

Studienfach Techno-DJ Heiße dänische Nächte in Berlin

Gestatten, ich studiere Bässe: In der Techno-Akademie im dänischen Aarhus lernen die Studenten, wie man einer Partymeute einheizt und wie der Druck entsteht, der die Körper der Tänzer vibrieren lässt. Die Absolventen entern derzeit die Berliner Techno-Szene.
Von Sonja Pohlmann

Die weiße Hose klebt am Körper, das Shirt hat sie ausgezogen, nur im weißen BH steht sie hinter dem DJ-Pult auf der Bühne des Clubs, Stroboskoplicht flackert. Um den Kopf hat sie ein weißes Tuch geschlungen, mit einem Schlitz für die Augen, die Frau will anonym bleiben, nur ihre Musik soll begeistern.

Und das tut sie: Dicht gedrängt tanzen etwa 400 junge Männer und Frauen zu den schnellen Bässen in der Kantine des Berghain, einem kleinen Nebengebäude auf dem Areal des weltweit berühmten Techno-Clubs am Berliner Ostbahnhof.

Dass der Act der Truppe Notic Nastic auch eine akademische Veranstaltung ist, ahnt die feiernde Menge nicht. Für sie ist es nur eine der vielen Elektro-Partys, wie sie samstagabends dutzendfach in der Hauptstadt veranstaltet werden. Für die Frau auf der Bühne ist diese Nacht Teil ihres Studiums. Ihre Uni: das Danish Institute for Electronic Music (DIEM)  in Aarhus.

Deren Studenten sind gerade dabei, die deutsche Hauptstadt zu erobern. In der Partyreihe "Aarhus Berlin Crush (AB.C)", immer am letzten Samstag eines Monats, testen sie am deutschen Publikum, was sie in den Seminaren gelernt und in den Studios der Uni zusammengemixt haben.

DJ-Akademie mit harter Tür

Während anderswo angebotene Studiengänge wie Sound Engineering oder Musiktechnologie sich eher um technische Aspekte drehen, wird am DIEM elektronische Musik als Kunst begriffen. Und eine Chance hat nur, wer den hohen Ansprüchen des Instituts genügt: Von den 80 Bewerbern, die jedes Jahr ihre CDs einschicken, dürfen nur etwa zehn zur persönlichen Vorstellungsrunde nach Aarhus kommen, davon wiederum werden nur vier bis sechs neue Studenten aufgenommen. Gegründet in den achtziger Jahren, wurde das Institut im Jahr 2003 der Staatlichen Hochschule für Musik angegliedert. Die bisher 25 Studenten bilden eine musikalische Avantgarde, wie sie in der europäischen Hochschullandschaft wohl einzigartig ist.

Elektronische Musik zu studieren wird am DIEM genauso ernst genommen wie die Ausbildung zum klassischen Musiker an der Hochschule. Dort können die jungen Künstler auch Schwerpunkte wie Jazz, Rock und Latin belegen und sich zum Orchestermusiker, Solisten oder Musiklehrer ausbilden lassen.

Die Akademie liegt nur wenige Minuten von der Fußgängerzone von Aarhus entfernt, sie ist - mit der städtischen Musikschule und dem neuen Kunstmuseum Aros - Teil des kulturellen Zentrums der Stadt. Etwa 300 Studenten sind an der Hochschule eingeschrieben, aus einem Übungsraum tönt gerade eine Klarinette, aus einem anderen hämmert Schlagzeug. Nur unten aus dem Keller, dort, wo die zwei Tonstudios für die Techno-Studenten des DIEM liegen, ist kaum ein Laut zu hören. Die perfekt isolierten Räume sind Spezialkonstruktionen voller Hightech, einer ist wie die Wabe eines Bienenstocks konstruiert, um einen besseren Klang zu ermöglichen.

Lernen, wie der Druck entsteht, der aus den Boxen kommt

Laut wird es darin oft, so laut wie in einem Club. Manu Grünberg, 21, deutscher Student im dritten Semester, hat einmal sogar einen Feueralarm ausgelöst, so heftig schwangen die Bässe. Inzwischen sind die Sensoren nachjustiert, und Manu kann mit seinem Dozenten Bjørn Christiansen in Ruhe an einem Stück feilen.

Sie sprechen darüber, wie die einzelnen Spuren und Frequenzen zusammenpassen, wie mehr Druck erzeugt werden kann. Es geht nicht nur um Musik, sondern oft auch um Physik: Elektronische Musik wird eben mit technischen Geräten wie Computern und Synthesizern erzeugt.

Technisch fit zu sein ist deshalb eine wichtige Voraussetzung fürs Studium am DIEM. Kein Problem für Grünberg, der in Mathe und Physik eine Eins im Abitur hatte. Er ist zurzeit der einzige deutsche Student am DIEM. Dänemark ist ihm vertraut, er wuchs nahe der Grenze bei Flensburg auf und gehört der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein an.

Seine Leidenschaft für elektronische Musik entdeckte er in Berlin, wo sein Vater lebt. "Ich bin schon mit 14 ins Ostgut, den Vorläufer des Berghain, gegangen, damals hat mich die Energie der Musik gepackt", erzählt Grünberg. Schon als Schüler experimentierte er am Computer viel mit Musik herum, bewarb sich am DIEM mit einer CD, auf der er Cello-Musik und Elektro mischte. "Eine sehr originelle Idee, die uns überzeugt hat", sagt Wayne Siegel, Leiter des DIEM. "Manu ist sehr gut darin, sich selbst durch Sound auszudrücken."

Kein Partystudium: "Wir suchen Künstler, die sich weiterentwickeln wollen"

Bewerber, die elektronische Musik nur von ihren Clubbesuchen kennen, die denken, dass sie am DIEM den Tag zur Nacht machen können und am Ende dafür auch noch einen Hochschulabschluss bekommen, haben ohnehin keine Chance. "Wir suchen nach Leuten, die schon Künstler sind und sich in ihrer Originalität noch weiterentwickeln wollen", erklärt Siegel. Zwar werde jeder Musiker von diversen, bereits vorhandenen Stilen beeinflusst, doch sollten die Bewerber fürs DIEM einen eigenen Sound mitbringen. "Sie müssen die üblichen Regeln brechen und die Grenzen des Elektro herausfordern."

Im Studium geht es dann darum, diese Fähigkeiten zu perfektionieren. Wichtiges Fach dafür: Ausprobieren. Nur etwa zehn feste Unterrichtsstunden haben Manu und seine Kommilitonen pro Woche. Dazu gehört beispielsweise ein Seminar zur Studio- und Sound-Technik, wo es darum geht, wie Stücke optimal aufgenommen, zusammengeschnitten und abgemischt werden. Eine Stunde pro Woche gibt es Geschichtslektionen - die ersten Instrumente für elektromechanische Musik, das Dynamophon etwa, wurden vor rund 100 Jahren erfunden.

Im vierten und fünften Semester stehen Kurse zum "Music Business" auf dem Plan; schließlich sollte, wer später einmal Produktionen managen will, wenigstens eine Idee von Buchhaltung und Marketing haben. Ebenso gelehrt wird "E-Musik-Pädagogik und Kommunikation" - eine Vorsichtsmaßnahme: "Auch wenn viele Studenten am liebsten als Solokünstler arbeiten würden, sollten sie doch zumindest ein Grundwissen darüber haben, wie sie andere Menschen in Musik unterrichten können", sagt Siegel.

Soundfrickler haben keine Jobgarantie

Die Absolventen des DIEM teilen das Schicksal anderer Studenten kreativer Fächer: "Man schlägt nicht eben mal die Zeitung auf und findet eine passende Stellenausschreibung", sagt Siegel. Eine pure Künstlerkarriere ist eher selten, deshalb müsse sich jeder seinen eigenen Weg suchen, beispielsweise als Musikproduzent, Audio-Ingenieur oder Designer von Musik für Filme, Werbung oder Videospiele.

Der Däne Peter Dahlgren hatte es - bisher zumindest - nicht nötig, auf solche Nebengleise auszuweichen. Im Sommer hat er seinen Master gemacht, er ist einer der drei ersten Absolventen des Studiengangs und tritt unter dem Namen Puzzleweasel mit seiner experimentellen elektronischen Musik auf.

Auch beim AB.C, dem Aarhus Berlin Crush im Berliner Berghain spielte er schon. Gut 600 Kilometer trennen die dänische Stadt von der deutschen Metropole, und doch sind die Studenten aus Aarhus eng mit der dortigen Elektro-Szene verknüpft. Es ist eine fast zwangsläufige Bindung - immerhin ist Berlin Wallfahrtsort der Techno-Jünger. Auch Manu Grünberg pendelt zwischen Aarhus, mit 240.000 Einwohnern die zweitgrößte dänische Stadt, und der deutschen Kapitale mit ihren 3,4 Millionen Einwohnern.

Verliebt in dänische Tage und Berliner Nächte

"Ich brauche beide Städte für meine Kreativität", sagt Grünberg. Aarhus sei für ihn der Tag, Berlin die Nacht. "Verliebt bin ich in beide", sagt er. Diese Hingabe inspirierte ihn, die Mitglieder von Notic Nastic und deren Manager Ion Kaiser zur AB.C-Partyreihe - einen Crush haben heißt: verknallt sein.

Die Stadt Aarhus unterstützt die Projekte der jungen Techno-Künstler, sind sie doch eine großartige Möglichkeit, sich als Hort der Avantgarde einen Namen zu machen. Vor zwei Jahren hat die Kommune das Programm "Electronic Music Aarhus" ins Leben gerufen; es soll die Musik aus der dänischen Stadt weltweit bekannt machen. Von den 50.000 Euro, die bis zum vorläufigen Auslaufen des Projekts Ende 2009 ausgegeben werden sollen, wurden allein 12.000 Euro für den Aarhus Berlin Crush zur Verfügung gestellt. Auch die dänische Botschaft in Berlin hat das Projekt gefördert, so dass Reisen, Unterkunft und Verpflegung der dänischen Künstler in Berlin ebenso finanziert werden konnten wie die geeignete Örtlichkeit, der berühmte Berghain. Im November hatte die Kooperation einen neuen Höhepunkt: Bei den Worldtronics, einem viertägigen Festival für elektronische Musik im Berliner Haus der Kulturen der Welt, bestritt der AB.C am 25. November den Eröffnungsabend.

Ein Leben zwischen DJ-Pult und Hörsaalbank

Im ständigen Wechsel zwischen Partyleben in Berlin und Uni-Alltag in Aarhus liegt eine der größten Herausforderungen für die Studenten der Techno-Uni. "Die beiden völlig verschiedenen Lebensstile sind dauerhaft nur sehr schwer zusammenzufügen", erzählt Heidi Mortenson. Berlin sei "Rock 'n' Roll", nebenbei müsse sie sich als Chefin ihres eigenen Labels um Plattenverkauf, Auftritte und Marketing kümmern. In Aarhus wiederum warten Seminare, Workshops und Dozenten, die auf die pünktliche Abgabe von Essays pochen.

"Kaum hat man sich wieder an das eine Leben gewöhnt, wechselt man wieder ins nächste, das hat mich fast verrückt gemacht", sagt die 34-Jährige. Immer öfter blieb sie einfach in Berlin - die Uni drohte, sie aus dem Studiengang zu verweisen. Der Ehrgeiz siegte, Heidi Mortenson ist mittlerweile nach dem Bachelor- im Masterstudium. Der Kompromiss: Zwei Wochen am Stück geht sie zur Universität, dann macht sie wieder einen Monat Pause.

Auch Manu Grünberg ist nur eine Woche pro Monat in Aarhus, übernachtet zum Preis eines selbstgebackenen Schokokuchens bei Freunden, die restliche Zeit verbringt er in Berlin, vor allem, um im Studio zu arbeiten. Eben weil die Studenten am DIEM nur zehn Stunden Seminare in der Woche absolvieren müssen, gilt es, viel selbständig zu arbeiten - sie sollen ja ihre Kunst entwickeln. "Wenn ich einen guten Flow habe, dann produziere ich drei bis vier Tracks pro Woche", sagt Grünberg.

Bei einer der nächsten Crushpartys will er auf der Bühne stehen und die Menge ins Schwitzen bringen. Wenn das gelingt, honorieren das auch die Dozenten. Sie kommen gern nach Berlin, um zu überprüfen, wie sich der Nachwuchs denn so schlägt in den heißen Techno-Nächten.

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