Studienfinanzierung "Bildung ist keine Privatsache"

Immer mehr Studenten nehmen Privatkredite auf - weil sie kein Bafög bekommen. Im Interview erklärt Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks, warum er die Privatisierung der Bildung für den grundfalschen Weg hält.


SPIEGEL ONLINE: Mehrere Studentenorganisationen fordern, das Bafög noch in den aktuellen Haushaltsverhandlungen zu erhöhen. Zum Wintersemester 2008 soll das aber sowieso geschehen. Warum können die Studenten nicht warten?

DSW-Präsident Dobischat: "Wir investieren zu wenig in Bildung"
Deutsches Studentenwerk

DSW-Präsident Dobischat: "Wir investieren zu wenig in Bildung"

Rolf Dobischat: Ihre finanzielle Lage ist einfach prekär. Jeder fünfte liegt weit unter dem Bafög-Höchstsatz, jeder dritte unter einem Einkommen von 640 Euro. Das haben die Familiengerichte als Richtschnur für das monatliche Einkommen festgelegt. Die Preise sind in den letzten Jahren gestiegen, beim Bafög und auch bei den Freibeträgen ist dagegen seit 2002 nichts passiert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen beobachten Sie?

Dobischat: Die Finanzierungsbasis der Studenten steht auf drei Säulen: Eltern, Bafög und Nebenjobs. Der Bafög-Anteil ist zurückgegangen, die Studienfinanzierung geht zunehmend zu Lasten der Eltern. Daher nehmen immernoch zu wenig Kinder aus unteren Einkommensschichten ein Studium auf.

SPIEGEL ONLINE: Die große Koalition ist sich uneins, ob das Bafög um fünf, acht oder zehn Prozent steigen soll.

Dobischat: Was mich daran wütend macht: Jeder Politiker spricht in seinen Sonntagsreden über die Wichtigkeit der Bildungsinvestitionen und darüber, dass 40 Prozent eines Altersjahrgangs studieren sollen. Wenn es aber darum geht, mehr junge Leute in die Bildung zu bekommen, hält sich die Bundesregierung zurück. Und auch die Wirtschaft rührt sich nicht. Dabei haben die Spitzenverbände seinerzeit - als es um die Einführung von Studiengebühren ging - vollmundig versprochen, Stipendien einzurichten. Doch nach wie vor bekommen nur zwei Prozent der Studenten ein Stipendium.

Bafög: Ein Goldesel, der nur wenig Gold gibt
Louise Heymans

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SPIEGEL ONLINE: Kann nicht auch jeder einzelne in seine eigene Bildung investieren, zum Beispiel durch einen Studienkredit?

Dobischat: Bildung ist keine reine Privatsache. Es ist nach wie vor ein Gut, für das der Staat eine öffentliche Verantwortung trägt. Zumindest für diejenigen, die sich ein Studium nicht leisten können, muss es eine solide Grundfinanzierung geben. Die Privatisierung von Bildung halte ich für den falschen Weg. Heute soll jeder die Kosten selbst tragen. Bei den Privatschulen und privaten Hochschulen haben wir deutliche Tendenzen der Privatisierung. Auch das Modell der Studienfinanzierung über Kredite geht in diese Richtung. Studienkredite sind nur in bestimmten Lebenslagen zur Ergänzung sinnvoll. Meine Position ist ganz klar: Wir brauchen eine Grundfinanzierung, wir brauchen das Bafög. Wenn wir alles privatisieren, alles auf Kreditbasis finanzieren, möchte ich wissen, wo die 40-Prozent-Studierquote dann noch herkommen soll.

SPIEGEL ONLINE: Können Studenten die vielen verschiedenen Finanzierungsmodelle noch durchschauen?

Dobischat: Nein. Die Berater der Studentenwerke berichten, dass kaum ein Student da wirklich Durchblick hat. Das liegt sicher auch daran, dass in den 16 Ländern alles unterschiedlich geregelt ist, ein Riesenproblem. Ein voll über Studienkredite finanziertes Studium - da kommt ein riesiger Schuldenberg heraus. Das sind locker 70.000 bis 90.000 Euro. Für die Banken ist ein Studienkredit ein Produkt, das verkauft werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die künftige Rolle des Bafög?

Dobischat: Als es 1971 eingeführt wurde, waren die Parteien sich über die klare Perspektive einig, mehr Arbeiterkinder und Kinder aus unteren Einkommensschichten an die Hochschule zu holen. Ich denke, die Botschaft gilt heute umso mehr. Die Studenten haben durch Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge kaum noch Zeit, nebenbei zu jobben. Und viele Eltern können das Studium nicht mehr mitfinanzieren. Eine Familie aus der unteren Einkommensschicht mit drei Kindern, von denen zwei Kinder studieren - das ist heute fast nicht mehr möglich. Deshalb brauchen wir dringend eine Erhöhung der Bafög-Sätze und der Freibeträge für die Elterneinkommen.

SPIEGEL ONLINE: In Schweden müssen die Eltern nicht mehr für ihre Kinder aufkommen, die über 18 Jahre alt sind. Was halten Sie von diesem System?

Dobischat: In skandinavischen Ländern hat man eine andere Grundphilosophie. Ich persönlich würde eine elternunabhängige Förderung sehr begrüßen, wenn sie nicht mit einer hohen Verschuldung behaftet ist. Dadurch würde man echte Chancengleichheit gewährleisten.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten gewaltige Summen fließen...

Dobischat: ...natürlich, ja. Aber bisher investieren wir viel zu wenig. Das ist der Vorwurf der OECD, das ist auch meine Meinung. Wenn sich nichts ändert, werden in zehn Jahren nur noch diejenigen studieren, die dazu finanziell in der Lage sind. Das Hochschulsystem wird noch selektiver werden. Auf der anderen Seite werden wir einen riesigen Bedarf an Hochqualifizierten haben, den wir nicht decken können, weil es zu wenig Absolventen gibt. Deutschland wird dadurch international in der Wettbewerbsfähigkeit nachlassen. Nur wenn wir mehr für Bildung ausgeben, können wir unseren Fachkräftemangel beheben - das ist der einzige Ausweg, die einzige Chance.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht, dann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur abgelegt und studiert. Wäre das heute noch möglich?

Dobischat: Formal schon. Aber die Situation damals war völlig anders. Ich hatte die Perspektive, meine Situation durch ein Studium zu verbessern, weil es auf dem Arbeitsmarkt Sicherheit gab. Heute wissen wir zwar aus den Statistiken, dass ein Studium weiterhin am besten vor Arbeitslosigkeit schützt. Nur ist die Arbeitsmarkt-Lage so angespannt, dass Studieninteressenten zweifeln, ob sich die Sache noch lohnt - mit Studiengebühren und der Anhäufung von Schulden.

Das Interview führte Katrin Schmiedekampf



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