Studienfinanzierung Das Ende der Umsonst-Uni

In Deutschland schimpfen Studenten über das Bezahl-Studium. In den USA dagegen verschulden sie sich recht unbekümmert. Sind Schreckensszenarien vom gläsernen Studenten realistisch? Oder können die Gebührengegner von ihren amerikanischen Kommilitonen Gelassenheit lernen?

Von Philip Geck


DJ Scheidt ist groß und braungebrannt, und wenn er redet, grinst er über das ganze Gesicht. Nicht nur sein ungewöhnlicher Vorname lässt darauf schließen, dass er Amerikaner ist. In Flip-Flops und Badeshorts thront er lässig in seinem Hochsitz am Pool und wacht über die Kinder, die im Freibad ihren Sommer genießen. DJ ist Rettungsschwimmer in Alpharetta, Georgia. Einer der vielen amerikanischen Jugendlichen, die sich ihr Geld fürs Studium erst erarbeiten müssen. Zehn Dollar kriegt der 16-Jährige pro Stunde, ein guter Lohn für einen entspannten Job. Doch bis er die 15.000 Dollar zusammen hat, die er für das erste Studienjahr am College braucht, wird er noch viele Tage lang den Pool bewachen müssen.

Müssen bald bezahlen: Studenten in der Bibliothek der Universität Köln
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Müssen bald bezahlen: Studenten in der Bibliothek der Universität Köln

Szenenwechsel nach Deutschland. Christian Kuhl ist ein ganz normaler deutscher Student, der von Tiefkühlpizza und Cola lebt und Diplompädagogik im fünften Semester an der Justus-Liebig-Universität im hessischen Gießen studiert. Das Geld, dass Christian zum Leben braucht, verdient er sich mit Nebenjobs. Abgesehen von einem geringen Semesterbeitrag hat er noch nie einen Euro für sein Studium bezahlt – Verhältnisse wie in den USA sind für ihn unvorstellbar.

Was in den USA längst selbstverständlich ist, hat hierzulande für einen Aufschrei der Empörung und wochenlange Demonstrationen gesorgt: das Ende des kostenfreien Studiums. So langsam dämmert es vielen, welch angenehmes Privileg da plötzlich abgeschafft werden soll. Und während die einen von Investition ins Humankapital reden, klagen die anderen über soziale Härte und Ungerechtigkeit.

Bundesländer führen Gebühren ein

Vorgesehen sind Studiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester. Bei einer Studiendauer von acht bis zwölf Semestern kommt da eine ansehnliche Summe Geld zusammen. Studieren wird also teurer. Viele Studenten müssen neue Lösungen finden, um ihre Ausbildung zu finanzieren - zum Beispiel über Kredite. Mit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom April 2005 hat sich die Situation in Deutschland verändert. Danach ist es Hochschulen erlaubt, künftig Studiengebühren zu verlangen. Ob diese tatsächlich eingeführt werden, hängt jedoch von den Entscheidungen der Landesregierungen ab. Einige Länder haben die Einführung jedoch fest beschlossen.

In Amerika ist das Studium schon lange kostenpflichtig. Mit Studiengebühren von 3000 bis 30.000 Dollar pro Jahr muss ein Student in den USA rechnen, private Hochschulen sind dabei teurer als staatliche Institutionen. Dazu kommen nicht unerhebliche Lebenskosten, die das Studium zu einem teuren Luxus werden lassen. Viele Studenten nehmen deshalb Studienkredite auf. Allein mit staatlicher Unterstützung ist ein Studium in den Staaten nicht zu finanzieren.

Ganz anders die Situation in Deutschland. Seit vielen Jahren haben deutsche Universitäten Dichter und Denker hervorgebracht, die wenig bis gar nichts an Studiengebühren zahlen mussten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute ist der Staat pleite, die überfüllten Hochschulen leben am Rande des Existenzminimums.

Nicht ohne meinen Nebenjob

Wenn Christian nicht in Vorlesungen sitzt oder Referate vorbereitet, dann fährt er Gabelstapler in der Lagerhalle von Aldi, oder er trägt Zeitung aus. Ohne Nebenjobs und elterliche Unterstützung könnte Christian nicht studieren. Zwar ist das Studium in Deutschland noch kostenlos, doch für die Lebenshaltungskosten geht viel Geld drauf. "Wenn ich 500 Euro zusätzlich bezahlen müsste, würde mir das Geld für Miete, Essen und Unterhalt fehlen", sagt Christian. "Noch einen Job zu finden, das wäre schwer."

So wie ihm geht es vielen Studenten in Deutschland. Auch Studenten mit Anpruch auf Bafög können sich kaum leisten, ohne Nebenjob durch das Studium zu gehen. Denn die monatlichen Rechnungen wollen bezahlt werden, außerdem verlangt der Staat nach dem Studium die Hälfte des Geldes wieder zurück.

Wer gute Noten und gesellschaftliches Engagement vorzuweisen hat, kann sich bei verschiedenen Stiftungen um Stipendien bewerben. Der Staat unterstützt elf private Stiftungen in ihrem Ziel, begabte Studenten zu fördern und zu finanzieren. Doch ein solches Stipendium ist nur den Wenigsten vergönnt. Die Konrad-Adenauer-Stiftung etwa hatte im Jahr 2004 gerade eben 1223 Stipendiaten.

In den USA hingegen gibt es unzählige Möglichkeiten, an Stipendien zu kommen. Dort wird nicht nur der hochbegabte Schulabgänger gefördert. Auch mit besonderen künstlerischen oder sportlichen Fähigkeiten kann man sich für ein Stipendium bewerben. Immer wieder beliebt ist das Klischee des brillanten Basketballspielers, der sich aus den Ghettos von Atlanta an die Universität spielt und den Bachelor nach vier Jahren erfolgreichen Basketballs erhält, ohne überhaupt des Lesens und Schreibens mächtig zu sein.

Viele Geldquellen in Amerika

Der starke Wettbewerb zwischen amerikanischen Universitäten ist Grund für zahlreiche Stipendien. Viele Hochschule sehen es als Imagegewinn an, wenn die besten Akademiker, Sportler oder Künstler bei ihnen studieren. Das Grundkonzept der amerikanischen Stipendienmodelle ist kaum übertragbar auf Deutschland, da die beiden Hochschulsysteme stark voneinander abweichen. Der Ausbau des Stipendienwesens könnte jedoch ein Mittel sein, um mehr Studenten zu unterstützen. Denn dadurch würden die Hochschüler abhängiger von der eigenen Leistung und unabhängiger vom Geldbeutel der Eltern.

Ein weiterer Unterschied: Deutsche Studenten haben große Hemmungen, sich zu verschulden. Der Geschichtsstudent Daniel Gessler etwa würde eher eine Ausbildung machen und später studieren, als einen Kredit aufzunehmen. "Ich will mich nicht von Banken oder Institutionen abhängig machen. Das Wissen, das man an der Uni erwirbt, sollte man später nicht dafür aufwenden müssen, einen Kredit abzubezahlen."

Vielen Studenten denken ähnlich wie Daniel. Auf der Internetseite studis-online.de wird das düstere Bild des "gläsernen Studenten" gezeichnet, der nach rein ökonomischen Gesichtspunkten studiert und dabei von seinem Kreditgeber streng kontrolliert wird. Das Prinzip, sich selbst zu verschulden, um in das eigene "Humankapital" zu investieren, wird kritisiert. Bildung, so heißt es dort, solle schließlich "zuerst dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen, dann erst dem wirtschaftlichen".

Trotzdem geht auch in Deutschland allmählich der Trend hin zu Studienkrediten. Neben der KfW-Bankengruppe bieten auch private Kreditinstitute in einigen Filialen Studienkredite an. "Derzeit führen unsere Berater pro Woche über 100 ausführliche Gespräche mit Studenten", sagt ein Sprecher der Hamburger Sparkasse. Claudia Bittelmayer, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Gießen mit dem Thema Studienkredite auseinandergesetzt hat, ist überzeugt, "dass sich Nachfrage und Angebot von Studienkrediten selbst schaffen wird, bedingt durch die Studiengebühren".

Auch in Amerika können Studenten staatliche und private Darlehen zu günstigen Konditionen aufnehmen. Im Studienjahr 2002/2003 wurden 58 Prozent der Studiengebühren durch Darlehen finanziert. Rein rechnerisch hat sich mehr als jeder zweite Student für sein Studium verschuldet - viele Amerikaner scheuen also nicht das Risiko, durch einen Kredit zum Studienabschluss zu gelangen. Sie wissen: Das spätere Gehalt wird 20 bis 50 Prozent höher sein als das von Nichtakademikern.

Einer, der viel riskiert hat, ist DJ Scheidt. Der heute 18-Jährige studiert im ersten Semester an einem College in Tennessee. Zwei Jahre Ferienjob und ein Stipendium für herausragende akademische und sportliche Leistungen haben nicht gereicht, DJ musste einen Kredit über 10.000 Dollar aufnehmen. Warum riskiert er so viel? Weil er ein Ziel hat, sagt DJ und grinst. Er hofft auf eine Zukunft als Rechtsanwalt.



insgesamt 1557 Beiträge
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Seite 1
Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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