SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. August 2004, 15:20 Uhr

Studiengebühren

"1000 Euro im Jahr sind politisch vertretbar"

Viele Bundesländer wollen Studenten schleunigst zur Kasse bitten, sobald das bundesweite Gebührenverbot kippt. Jörg Dräger, parteiloser Wissenschaftssenator in Hamburg, hat bereits ein fertiges Konzept in der Schublade. Im Interview erklärt er, was Studenten künftig blühen könnte.

Herr Dräger, auch Hamburg klagt in Karlsruhe gegen das Verbot von Studiengebühren. Wie sieht Ihr Gebührenmodell aus?

"Einigung ist möglich": Senator Dräger
DPA

"Einigung ist möglich": Senator Dräger

Jörg Dräger:

Wir stellen uns vor, dass es, wenn in Deutschland Studiengebühren erhoben werden, auch ein Finanzierungssystem geben muss, das heißt die Möglichkeit für Studierende, ein Darlehen zu bekommen. Dieses Darlehen zur Finanzierung der Gebühren soll ein zinsgünstiges Darlehen sein und erst nach dem Berufseintritt zurückgezahlt werden, und zwar einkommensabhängig. Wer also zu wenig verdient, muss nichts oder wenig zurückzahlen. Wer viel verdient, muss entsprechend mehr zurückzahlen.

Wie viel sollen die Studenten für ihr Studium zurückzahlen?

Dräger: Unsere Vorstellung - und ich halte das auch für politisch in der Bundesrepublik insgesamt vertretbar - wäre eine Gebühr von 1000 Euro im Jahr.

Soll differenziert werden zwischen unterschiedlichen Studienangeboten?

Dräger: Nein, ich halte es nicht für politisch sinnvoll, per politischer Order zu differenzieren und zu sagen, man muss für die Betriebswirtschaft mehr oder weniger zahlen als für die Physik als Studium. Ich glaube aber, dass die Hochschulen unterschiedliche Entscheidungen treffen werden, ob sie das Recht der Gebührenerhebung ausnutzen wollen. Es wird Hochschulen geben, die Gebühren erheben möchten, und es wird welche geben, die keine erheben möchten.

Es gibt ja verschiedene Modelle der Studienfinanzierung. Wie realistisch ist es, dass sich alle Länder auf dieses eine Modell einigen?

Gebührenmodell: Kredite fürs Studium
DER SPIEGEL

Gebührenmodell: Kredite fürs Studium

Dräger: Die Länder, die Gebühren gerne zulassen möchten, also insbesondere die CDU-geführten Länder, sind sich über die Eckpunkte einig: über die 1000 Euro pro Jahr, über die Rückzahlung proportional zum Einkommen und über die Tatsache, dass niemand abgehalten werden kann durch Gebühren vom Studium. Das heißt, es muss eine adäquate Darlehensfinanzierung geben. Ich gehe davon aus, dass eine Einigung bei denen, die Gebühren einführen wollen, auch möglich ist. Inwieweit nun die Darlehensysteme länderübergreifend oder länderindividuell sind, das ist noch ein Diskussionsprozess, der im Moment läuft.

Sie können sich aber auch vorstellen, dass Bundesländer auf Gebühren für ihre Hochschulen verzichten?

Dräger: Das kann ich mir sehr wohl vorstellen. Wir wollen den Hochschulen ja die Freiheit geben zu entscheiden, ob sie Gebühren erheben oder auch nicht, so zumindest unser Ansatz hier in Hamburg. Und wenn ein Land das seinen Hochschulen nicht ermöglichen möchte, dann werden diese Hochschulen in einen gewissen Wettbewerbsnachteil geraten. Ich glaube nicht, dass ein Land das seinen Hochschulen antun möchte. Aber es ist nun ein Teil unseres Wettbewerbsföderalismus, dass dieses möglich wäre.

Wäre es nicht eher ein Wettbewerbsvorteil, wenn eine Hochschule keine Gebühren verlangt und Studenten dort hingehen, eben weil das Studium nichts kostet?

Gebührengegner: Proteste verhallen ungehört
DPA

Gebührengegner: Proteste verhallen ungehört

Dräger: Ich sehe das genau umgekehrt. Auf der einen Seite profitieren die Hochschulen natürlich von der verbesserten Finanzausstattung, insofern werden sie bessere Angebote bieten können. Und da eine Hochschulausbildung etwas wert ist und die Studenten das sehr wohl wissen, werden sie dahin gehen, wo sie den größten Gegenwert, nämlich das beste Studium bekommen. Und bei zwischen acht und zehntausend Euro Lebenshaltungskosten im Jahr sind 1000 Euro Studiengebühren ein eher kleinerer Anteil. Hat ein Student das Gefühl, hier wird an einer Hochschule schneller und besser studiert, dann ist es sicher auch wert, 1000 Euro Gebühren zu zahlen. Also insofern sehe ich, dass die Hochschulen, die Gebühren erheben, nicht nur finanziell besser ausgestattet sind, sondern sich auch kundenorientierter verhalten und entsprechend mehr Studenten anziehen werden.

Wie können Sie garantieren, dass die Hochschulen die Gebühren behalten dürfen und das Land das Geld nicht sofort wieder abzieht, um seinen maroden Haushalt zu sanieren?

Dräger: Das ist ein sicher sehr schwieriger Punkt. Die Kultusminister fordern auf der einen Seite, dass gerade den Hochschulen dieses Geld erhalten bleibt. Das wird ein Diskussionsprozess sein, der sicher auch unter Einbeziehung der Ministerpräsidenten stattfindet. In Hamburg haben wir die Zusicherung. Es steht sogar auch im Gesetz, dass die Gebühren den Hochschulen zukommen. Insofern werden hier die Länder sicher ein politisches Commitment eingehen müssen, dass wir eine Qualitätsverbesserung, in Teilen auch eine Quantitätsverbesserung an den Hochschulen brauchen, nämlich mehr Studenten. Und dass dieses dann über Gebühren finanziert wird, aber dass die Gebühren nicht abgezogen werden für die maroden Staatshaushalte. Denn das wäre genau das politisch falsche Signal.

Die umstrittenen Langzeitgebühren gibt es unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Baden Württemberg. Werden die dann unnötig?

Dräger: Wir haben auch in Hamburg die Langzeitgebühren. Das Eckpunktepapier der CDU-geführten Länder sieht vor, dass diese dann einbezogen werden in die allgemeinen Gebühren, sprich überflüssig werden. Wenn sie 1000 Euro Gebühren im Jahr haben, dann schließt das natürlich die Langzeitgebühren ein, die heute nach dem Ende der Regelstudienzeit plus vier Semester Puffer erhoben werden. Man hätte dann ein vereinfachtes, ein durchgängigeres Gebührensystem vom ersten Tag an, aber mit einer Absicherung über Darlehen.

Was passiert mit den bisherigen Fördersystemen, zum Beispiel mit dem Bafög?

Dräger: Unser Wunsch in Hamburg wäre, dass es uns gelänge, für Lebenshaltungskosten und Gebühren ein gemeinsames Darlehensmodell zu etablieren. Wir haben im so genannte Hamburger Modell vorgerechnet, dass eine Risikoabsicherung für eine wesentlich größere Anzahl von Studenten inklusive Gebühren geleistet werden könnte, wenn man den Stipendienanteil des Bafögs in Darlehen umwandeln würde. Das wäre für mich langfristig der richtige Weg. Sollte er aufgrund der Komplexität der Bund-Länder-Zuständigkeit scheitern, dann halte ich es auch vertretbar, zwei Modelle zu haben: das Bafög für die Lebenshaltungskosten und ein Darlehenssystem für die Studiengebühren. Der bessere Weg wäre ein gemeinsames Modell, wo es nur einen einzigen Kredit gibt. Denn aus studentischer Sicht ist es egal, ob ich das Geld während des Studiums brauche für die Finanzierung des eigenen Lebensunterhaltes oder für Gebühren.

Das Interview führte Patrick Honecker,
"Campus & Karriere" / Deutschlandfunk

URL:



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung