Studiengebühren als Luxusproblem Gib mir mein Geld zurück

Dafür legen sich die Studenten krumm? Sie jobben, um Gebühren zu zahlen - und die Hochschule weiß damit nichts anzufangen. So sieht's ein renitenter Saarbrücker Professor: Er hat partout keine Idee, wofür er die Extra-Euros gescheit ausgeben soll. Und fordert die Payback-Uni.

Von Frank van Bebber


Plastikskelett: Schon bezahlt - und was kaufen wir jetzt?
Universität des Saarlandes

Plastikskelett: Schon bezahlt - und was kaufen wir jetzt?

Im März hatten der Saarbrücker Uni-Präsident Volker Linneweber und die Asta-Vorsitzende Estelle Klein einen Aufkleber auf ein neues Plastikskelett gepappt: "Finanziert aus Studiengebühren." Doch klapprige Knochengerüste für Medizinvorlesungen braucht Sprachwissenschaftler Johann Karl Anton Haller, 60, eher nicht. Weil ihm auch sonst nichts einfällt, für was er die Campus-Maut noch sinnvoll ausgeben könnte, will er seinen Studenten einen Teil der Campusmaut zurückerstatten.

Haller hat es ausgerechnet: Bei 50.000 Euro Überschuss bekäme jeder Student seines Fachbereiches 100 Euro zurück. Den Antrag hat er mit einem Studentenvertreter beim zuständigen Gremium eingereicht. Sie hoffen im Oktober auf eine Mehrheit für ihre ungewöhnliche Geld-zurück-Aktion.

Haller pocht auf das Versprechen, mit der Gebühr werde nichts bezahlt, was bislang der Staat finanziert habe. "Außerdem haben wir schon alle Räume mit Beamern ausgerüstet, für alles Tutorien eingeführt", erklärt er , "wir können gar nicht mehr Geld guten Gewissens ausgeben." Von den 120.000 Gebühren-Euros für seinen Fachbereich blieben so 50.000 Euro übrig.

Beim zwanzigsten Beamer stellt sich die Sinnfrage

Einst klamme Universitäten, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld? Der Saarbrücker Professor ist mit diesem Problem nicht allein. So türmte sich an der Universität Heidelberg über den Winter fast die Hälfte der Gebühreneinnahmen eines Jahres von 19 Millionen Euro auf Konten der Fachbereiche. Erst als die Uni-Leitung mit dem Rückruf des Geldes drohte, kam Bewegung in den Kapitalstock.

Im studentenstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen müssen die Hochschulen mittlerweile Rechenschaft über die Gebühreneinnahmen und die Ausgaben ablegen. Was den Streit über die sinnvolle Verwendung keineswegs beendet hat. So mahnte NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mahnte nach Berichten über angehäufte Einnahmen an der Universität Köln, die Hochschulen sollten die Gebühren notfalls senken.

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hatte bereits vor einem Jahr gewarnt, das Ausgabeverhalten der Hochschulen führe in die Irre: "Wenn der zwanzigste Beamer angeschafft ist und überall neue Computer stehen, stellt sich die Sinnfrage."

Das Studenten-Geld darf bislang nicht in die Lehre fließen

Inzwischen mehren sich Berichte über eher kuriose Investitionen. Die Universität Konstanz bezahlte teure Designerpapierkörbe und Segelboote aus Gebühreneinnahmen. In Saarbrücken dürfen die Studenten dank der Campus-Maut kostenlos ins hochschuleigene Fitnessstudio.

Doch dem Rat der meisten Fachleute, mehr Lehrpersonal anzuheuern, können die Hochschulen nur schwer nachkommen. Professoren dienen auch der Forschung. Lehrgeld darf in ihr Einkommen darum nur beschränkt fließen.

Noch strenger als in anderen Ländern sind die Regeln an der Universität Saarbrücken. Nicht einmal befristete Dozenten darf Präsident Linneweber aus Gebühren bezahlen. Der absurde Sperrvermerk wurde aus lauteren Motiven eingeführt: Man wollte gerade verhindern, dass die Campusmaut für ureigene Landesaufgaben verwendet wird. In Baden-Württemberg dagegen ernähren Gebühreneinnahmen inzwischen zahlreiche Lecturer, meist junge Wissenschaftler, die für einige Jahre die Lehre verstärken.

Volker Linneweber ist darum auch nicht sauer auf Haller, der in Saarbrücken als sympathischer Gebührengegner gilt. "Ich finde gut, wenn in dem Thema Dynamik bleibt", sagt der Uni-Präsident. Die Studiengebühr, im Saarland 300 Euro für die ersten zwei Semester, später 500 Euro, dürfe nicht enden wie die Öko-Steuer. Die sei einst aus guten Motiven eingeführt worden, versickere aber heute spurlos im Staatsetat.

"Das System muss ja auch erst lernen"

Die Universität will ihre Gebührenordnung überarbeiten. Uni-Rat und Senat sollen bis Oktober zustimmen, dass auch Personal mit der Campus-Maut bezahlt werden darf, ebenso wie Bauvorhaben für die Lehre. "Das System muss ja auch erst lernen", dämpft Linneweber die Aufregung.

Er verweist auf Erfolge: Hunderte neue Tutoren-Stellen ermöglichten Studenten Nebeneinkünfte. Das Sprachzentrum biete mehr Kurse an. Linneweber sieht die Gebühr als Chance und Pflicht, die Universität zu profilieren, vor allem gegenüber kostenlosen Hochschulen im nahen Rheinland-Pfalz.

Haller aber versteht seine Geld-zurück-Initiative auch als Signal, dass Gebühren sinnlos und unsozial seien. Der für das Zukunftsthema maschinelle Übersetzung zuständige Professor erklärt: "Deutschland wird sich noch über jeden freuen, der eine Uni-Ausbildung beginnt, auch wenn ein paar Leute sie vorzeitig abbrechen."

insgesamt 1214 Beiträge
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Seite 1
Anke, 11.06.2008
1.
keine Studiengebühren. Die Studenten zahlen ohnehin schon Verwaltungsgebühren und ihr Semesterticket. Bei letzterem unterscheiden sich die Beträge abhängig vom Verhandlungsgeschick der Uni mit den ansässigen Nahverkehrsunternehmen ganz erheblich in Höhe und Reichweite. Ein Studium ernsthaft betrieben erfordert eine 60-Stunden-Woche. Meines Erachtens sollten Studenten deshalb während ihres Studiums finanziell unterstützt werden - und zwar alle - um die Notwendigkeit des Nebenjobs zu minimieren und die Möglichkeit, das Studium innerhalb der gesetzten Regelstudienzeit abzuschließen zu maximieren. Nach Beendigung des Studiums sollten die frischgebackenen Absolventen ihrerseits die während ihres Studiums entstandenen Kosten zurückzahlen - innerhalb eines festzulegenden Zeitraumes selbstverständlich und in einem angemessenen Rahmen.
eiffe, 11.06.2008
2.
Lösung: Studiengebühren abschaffen. So wäre eine weitere Hürde, ein Studium zu beginnen, beseitigt. Gegenüber anderen Industrienationen könnte man die Studentenzahl noch ordentlich steigern. Die Universitäten sollten mit den Steuergeldern der Allgemeinheit finanziert werden, schließlich sind es auch die Studenten, die später einen nicht unerheblichen Teil an Steuern zahlen. Auch ansonsten sind viele Studierende eine Bereicherung für die Gesellschaft, Bildung schützt vor vielerlei Ungemach. Ob steuerfinanzierte Universitäten auch "Eliteuniversitäten" im weltweiten Vergleich werden können, hängt allein von der Menge der Gelder und der Organisation ab.
jojo1987 11.06.2008
3. ...
Wie in einigen Bundesländern praktiziert, ist es doch sehr sinnvoll, Dauerstudenten (also ab Regelstudienzeit + x Semester) zahlen zu lassen. Das Erststudium muss kostenlos bleiben, denn in Deutschland werden händeringend hochqualifizierte Kräfte gesucht, und die bekommt man gewiss nicht, indem man weitere Hürden aufstellt. (Abgesehen davon, dass hochqualifizierte Kräfte später meist mehr verdienen und somit mehr Steuern zahlen + die Wirtschaft ankurbeln) Was mich aber wirklich ärgert, sind die Einzellösungen je Bundesland. Es sollte eine einheitliche Regelung beschlossen werden, denn nichts ärgert mich mehr, wenn ich hier (in Hessen) Studiengebühren zahlen muss, während Berliner Studenten umsonst studieren - wenn man daran denkt, wieviel Geld Berlin vom Bund und über Solidarausgleich etc. bekommt, eine wirkliche Frechheit
karaokefreak01 11.06.2008
4. Gebühren: Ja! - So hoch: Nein
Ich sehe durchaus einen Sinn in Studiengebühren, sofern sie auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Allerdings verstehe ich die Höhe von 500 Euro nicht. Ich selbst erwäge gerade zu studieren, doch was mich davon abhält, sind die Kosten. Denn neben der Kampusmaut muss ich schließlich noch Bücher kaufen (und selbst das kopieren meines Materials kostet ein Schweinegeld) und irgendwie sollte ich vllt. noch in der Lage sein, meine Miete zu bezahlen. Und jetzt soll mir bitte keiner mit einem Studentenkredit ankommen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bin ich nicht kreditwürdig, bekomme also von niemandem eine Anleihe. Um zu studieren und nebenbei nicht am Hungertuch nagen zu müssen, benötige ich also einen Vollzeit-Job, denn mit 400 Euro monatlich wird das ja schonmal mal nix. Demnach kann ich also schonmal 10 - 12 Semester einplanen, oder wie?!? Somit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich nicht studieren KANN, obwohl mir der Staat Bildung zusagt und ich die nötige Qualifikation habe. Herzlichen Dank!
barry60 11.06.2008
5. Stipendien!
Zitat von sysopStudiengebühren bleiben in der Diskussion. Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung zur Finanzierung des Hochschulstudiums?
Die beste Lösung sind in meinen Augen viel mehr Stipendien. Und nicht nur für Abiturienten mit 1,0 - 1,3. Hier muss m. E. seitens der Wirtschaft umgedacht werden. Nicht jeder Abiturient mit 3,3 ist schlechter als mit 1,0. Es muss hier viel differenzierter gedacht werden. Es gab z. B. in unserem Studiengang eine Menge Leute, die mit 1,x abgeschlossen haben, die ich aber nie und nimmer in meinem Unternehmen haben wollen würde, da sie praktisch fast nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, so ähnlich sieht es auch mit Abiturienten aus. Aber solange fast überall nur die Note zählt, ist sowas anscheinend nicht möglich.
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