Studiengebühren Bezahlen fürs Bewerben

Die Länder entdecken immer neue Möglichkeiten, bei den "Kunden" der Hochschulen die Hand aufzuhalten. Niedersachsen und Baden-Württemberg wollen jetzt auch von den Studienbewerbern Gebühren kassieren. Die Potsdamer Filmhochschule probiert das schon seit zwei Jahren aus.

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Gebührengegner: Nur eine neue Bezahlvariante
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Gebührengegner: Nur eine neue Bezahlvariante

Wer bisher ein Studium aufnehmen wollte, musste hauptsächlich sein Abizeugnis einreichen, in manchen Studienfächern kamen noch Praktikumsbescheinigungen hinzu. Peter Frankenberg und Lutz Stratmann, die CDU-Wissenschaftsminister in Baden-Württemberg und Niedersachsen, wollen jetzt durchsetzen, dass zum Bewerbungsbrief auch ein Verrechnungsscheck gehört.

Bis zu 50 Euro sollen etwa Universitäten und Fachhochschulen in Baden-Württemberg dafür kassieren dürfen, dass sie mit Studieninteressenten Auswahlgespräche führen. Das hält Frankenbergs Ministerium für "zumutbar". Niedersachsen will seinen Hochschulen ebenfalls erlauben, für Auswahltests und -gespräche die Hand aufzuhalten.

Munterer Bewerbungstourismus

"Diese Neuregelung war ein Wunsch der Hochschulen", erklärt Wissenschaftsminister Lutz Stratmann - auch wenn es im Lande bisher keine einzige Hochschule gibt, die solche Tests tatsächlich durchführt. Das könnte sich freilich im nächsten Jahr ändern, wenn die zwischen Bund und Ländern jüngst verabredeten neuen Zugangsregelungen für die Hochschulen in Kraft treten: Künftig sollen die Hochschulen selbst einen Großteil der Studienplätze in zulassungsbeschränkten Fächern wie Architektur, Medizin oder Psychologie verteilen, nicht mehr die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS).

Minister Stratmann: "Wunsch der Hochschulen"
DDP

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Vor allem Studentenvertreter, aber auch etliche Hochschulrektoren kritisieren die Pläne als neuen Dreh an der Gebührenschraube und verweisen darauf, dass viele Studenten sich mehrfach bewerben und entsprechend oft bezahlen müssten. Denn Neuregelung der Studentenauswahl dürfte zu einem munteren Bewerbungstourismus führen.

Vereinzelt gibt es bereits Hochschulen, die Erfahrungen mit Bewerbungsgebühren gesammelt haben. Dazu gehört die Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam-Babelsberg. Seit 2002 sind hier 25 Euro pro Bewerbung fällig - ohne die Überweisung geht der Brief des Interessenten ungeöffnet zurück. "Wir hatten eigentlich befürchtet, dass es riesige Proteste geben würde", sagt Waltraut Otto, Dezernentin für akademische und studentische Angelegenheiten, "aber wir sind selbst erstaunt: Das wird stärker akzeptiert, als ich es mir vorgestellt hätte."

Fast 1400 Studienbewerber melden sich pro Jahr in Potsdam, die Gebühren spülen rund 34.000 Euro in die Kassen der klammen Hochschule. "Das finanziert rein rechnerisch eine Stelle in der Studienberatung", sagt Waltraut Otto. Und 25 Euro seien "absolut angemessen" für den Aufwand mit den Bewerbungen. Bis zu sieben Lehrenden sichten das Material - häufig Videos, Bilder oder andere künstlerische Objekte - und schicken es dann an die Bewerber zurück. Allerdings, räumt die Dezernentin ein, entstehe bei vielen Bewerbern durch das Bezahlen auch die Erwartung, eine Gegenleistung einfordern zu können.

Der Kunde fordert Leistung

Die vermisst zum Beispiel Thomas Ehl. Er hatte sich mit einer sorgfältig zusammengestellten Mappe bei der HFF für das Fach Fernsehregie beworben, die geforderte Praktikumsbescheinung allerdings nicht beigelegt, weil er acht Jahre Berufserfahrung als Filmautor, Multimediaproducer und Regisseur mitbrachte. Im Anschreiben hatte der Kölner darum gebeten, seine Job-Erfahrungen als Ersatz für das mehrwöchige Praktikum anzuerkennen. "Doch offenbar haben die meinen Brief gar nicht gelesen", ärgert sich Thomas Ehl, "man kann an meinen Bewerbungsunterlagen jetzt noch sehen, dass sie nie durchgeblättert wurden." Die zusammengehefteten Blätter seien nicht geknickt, also nie angeschaut worden: "Und dafür habe ich dann 25 Euro bezahlt?"

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Dass auch andere bald nachziehen werden, wenn Niedersachsen und Baden-Württemberg erste Einnahmebilanzen vorlegen, ist trotz solcher Streitfälle zu erwarten. Bei immerhin fast 400.000 Studienanfängern, die pro Jahr an deutsche Hochschulen stürmen, ist die Aussicht auf weitere Geldquellen allzu verlockend.

So macht Jürgen Lüthje, Präsident der Universität Hamburg, sich schon für Bewerbungsgebühren stark: "Die erste Bewerbung sollte gebührenfrei sein. Für jede weitere sollte der Verwaltungsaufwand bezahlt werden. Eine kostendeckende Gebühr wäre geringer als die durchschnittliche monatliche Handyrechnung eines Studenten." Wissenschaftssenator Jörg Dräger denkt an etwa 25 Euro. Allerdings müsse sichergestellt sein, "dass man sich nicht an 70 Universitäten bewerben muss, um einen Platz zu bekommen".



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