Studie zu Studiengebühren Gegner und Befürworter, ihr liegt beide daneben

Was bringen Studiengebühren? Nicht viel. So weit das ernüchternde Urteil einer neuen internationalen Studie. Denn: Sowohl die erhofften positiven als auch die befürchteten negativen Effekte sind gering.

Studentenproteste in Chile (Archivbild): Wie viel darf Bildung kosten?
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Studentenproteste in Chile (Archivbild): Wie viel darf Bildung kosten?

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Entweder sind sie "Igitt" oder "Oh, ja". Kaum ein Thema hat Studenten, Bildungspolitiker und Hochschulvertreter in den vergangenen Jahren derart entzweit wie die Debatte um Studiengebühren: Verbessert es die Lehre, wenn Studenten für ihre Hochschulausbildung bezahlen? Oder werden dadurch Kinder aus ärmeren Familien von vornherein abgeschreckt? Unterschiedliche Untersuchungen besagten mal das eine, mal das andere.

Nun haben sich Forscher des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) im Auftrag der EU-Kommission diese Frage erneut vorgenommen - mit einem ernüchternden Ergebnis (Lesen Sie hier die PDFs der Studie). Zusammengefasst lautet ihr Fazit: Studiengebühren nutzen wenig, schaden aber auch kaum. Ihr Effekt ist demnach also weitaus geringer als erhofft - oder befürchtet. "Die Wirkung von Studiengebühren ist enttäuschend", sagt Studienleiter Dominic Orr.

Untersucht wurden die Wirkungen von Studiengebühren für den Zeitraum von 1995 bis 2010 in neun Ländern: Deutschland, England, Finnland, Kanada, Österreich, Polen, Portugal, Ungarn und Südkorea. Insbesondere wollten die Forscher wissen: Haben die Hochschulen insgesamt mehr Geld, wenn sie Studiengebühren erheben? Kommen die zusätzlichen Einnahmen den Studenten zugute? Schrecken Studiengebühren ab? Verläuft das Studium anders, wenn Studenten dafür bezahlen müssen?

In Deutschland führten sieben Bundesländer - Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Saarland - zumeist im Jahr 2007 Studiengebühren ein. Mittlerweile wurden sie überall wieder abgeschafft. Und, was haben sie hier und andernorts gebracht?

Haben die Hochschulen insgesamt mehr Geld?
Ja, zeigt die Studie. Die staatlichen Zuwendungen werden in der Regel nicht weniger, sodass die Hochschulen insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben. In Deutschland hätten die Gebührenreformen aus rein finanzieller Perspektive jedoch "vergleichsweise geringe Effekte" gehabt, schreiben die Forscher.

Was haben die Studenten davon?
Nun ja. "Studiengebühren führen nicht automatisch zu mehr Geld in der Lehre und einer verbesserten Betreuung von Studierenden", sagt Studienleiter Orr. Die Hochschulen setzten das zusätzliche Geld nämlich gern für andere Dinge ein: für die Forschung, um neue Studienplätze zu schaffen oder um die steigenden Gehälter der Hochschulangestellten zu zahlen. In Deutschland allerdings habe sich das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studenten verbessert, so Orr. "Weil das Geld zweckgebunden war und für die Lehre ausgegeben werden musste."

Schrecken Studiengebühren ab?
Nein. Die Einschreibungsquote stieg in dem gesamten Untersuchungszeitraum, unabhängig davon, ob ein Land Studiengebühren eingeführt hat oder nicht. Die Erklärung der Forscher: Steigende Gebühren gehen zumeist Hand in Hand mit steigenden finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten durch Studienkredite oder Stipendien. Und sofern Studiengebühren für die Schaffung zusätzlicher Plätze ausgegeben werden, können sie sogar die Teilhabe an Hochschulbildung steigern. Das einzige Beispiel, in dem eine Anhebung der Studiengebühren die Nachfrage klar negativ beeinflusst hat, sei die Reform in Großbritannien von 2012, in deren Folge die Studiengebühren im Durchschnitt um circa 8000 Euro gestiegen waren.

Zwar fehlten den Wissenschaftlern ausreichend Daten für die Beantwortung der Frage, inwiefern Studiengebühren einen Einfluss auf die sozioökonomischen Merkmale der Studenten haben. Die verfügbaren Daten geben jedoch Hinweise:

  • Studiengebühren haben keine Effekte in Bezug auf die Geschlechterzusammensetzung: In nahezu allen Ländern wuchs die Zahl der weiblichen Studenten schneller als die der männlichen.
  • Studiengebühren haben wenig oder keine Auswirkungen auf den Anteil der Studenten aus niedrigeren sozio-ökonomischen Schichten.
  • Studiengebühren haben wenig oder keine Auswirkungen auf die ethnische Zusammensetzung der Studentenschaft.

Für Deutschland fanden die Forscher heraus: Studiengebühren verringerten auch hierzulande nicht die Studienquote - auch nicht bei Studenten aus ärmeren Elternhäusern.

Verläuft das Studium anders, wenn Studenten dafür bezahlen müssen?
Nein. Der Studie zufolge gibt es keine Anzeichen, dass Studiengebühren die Abschlussquoten negativ beeinflusst haben.

Das Fazit der Forscher: Ob oder wer und wie jemand studiert, hängt nicht davon ab, ob in seinem Land Studiengebühren erhoben werden. Viel wichtiger ist die Bilanz aus den Kosten für ein Studium in Relation zur finanziellen Unterstützung, die ein Student erhält. Wer also Möglichkeiten hat, sein Studium irgendwie zu finanzieren, den schrecken auch keine Gebühren. Was die Forscher jedoch nicht eingerechnet haben: Schulden durch Studienkredite können für den Einzelnen durchaus eine Belastung darstellen - und zwar lange über die Zeit des Studiums hinaus.


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insgesamt 41 Beiträge
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gaislein 26.06.2014
1. schulden
danke für den letzten satz! mitten im studium wurde ich von den gebühren erwischt und musste einen studienkredit aufnehmen. obwohl ich nie von den positiven seiten (neue gebäude, bessere betreeung etc.) profitiert habe, werde ich den kredit abzahlen, bis mein sohn in die schule kommt. das sind wirklich negative auswirkungen, selbst wenn man von den ständigen sorgen während des studiums absieht.
cato-der-ältere 26.06.2014
2.
"Effekte", - vielleicht sind die gering, aus einer schnöseligen, privilegierten, theoretischen Sicht. Für jemanden der kein Geld hat ist es aber kein "Effekt", sondern harte Wirklichkeit die Gebühren zusätzlich auch noch zusammen zu kratzen. Neben den hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland...
luban12 27.06.2014
3. schulden?
"Was die Forscher jedoch nicht eingerechnet haben: Schulden durch Studienkredite können für den Einzelnen durchaus eine Belastung darstellen - und zwar lange über die Zeit des Studiums hinaus." ??? vielleicht hätten sich diese forscher mal mit den psychischen auswirkungen von massiven geldsorgen auf das studium befassen können, das hätte mich mal interessiert.
südtirol11 27.06.2014
4. Die Summe der Argumente spricht also für eine solche Gebühr!
Der einzige positive Effekt ist also die bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Der ist nicht zu verachten. Dafür bezahlen entweder die Eltern der Studenten, die Studenten indem sie neben dem Studium arbeiten oder die ehemaligen Studenten nachdem sie in einem anspruchsvollen und besser bezahlten Job angekommen sind. Ausnahmen stellen Stipendien dar. Wenn es stimmt, dass für die Studenten keine negativen Folgen zu erwarten sind, dann spricht die Summe der Argumente für eine Studiengebühr. Als Folge einer Wiedereinführung muss man großen Protest bei den Studenten erwarten. Es wird Studienstreiks geben, ja und mancher Kommilitone wird durch diese Streiks später in das Erwerbsleben eintreten. Ich erinnere mich an meine eigene Studienzeit, damals wurde ziemlich viel gestreikt. Ich durfte bei einem schon berufstätigen Freund in dessen Haus wohnen. Er reagierte bei Streiks immer sarkastisch: "Ich bemerke schon, wie langsam die Wirtschaft zugrunde geht. Ihr müsst eure Streiks schnell beenden, sonst werden wir alle in Armut zugrunde gehen." Ja – eigentlich lag er in richtig!
bloedel123 27.06.2014
5. So etwas können nur SPIEGEL-Redakteure schreiben
Wenn eine Familie mit 3 Kindern zweimal im Jahr 800 Euro für einen Studienplatz zahlen muss, ist das ein "geringer negativer Effekt". Ach so. Dafür verdienen ja die Banken an zusätzlichen Krediten, das gleicht das wieder aus. Das sind dieselben Leute, die wegen 100 Euro mehr Stromkostem im Jahr über die Energiewende heulen.
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