Studiengebühren Britische Unis gehen in die Vollen

Die schlimmsten Befürchtungen der britischen Studiengebührengegner scheinen wahr zu werden: Die Mehrheit der Unis will ab kommendem Jahr den Höchstbetrag kassieren. Die Regierung rechnete mit Zurückhaltung - und hat nun ein Finanzproblem.

Rather expensive indeed: Viele Unis wollen 9000 Pfund jährlich pro Student
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Rather expensive indeed: Viele Unis wollen 9000 Pfund jährlich pro Student


Der Zorn der Studenten war groß, als die konservativ-liberale Regierung beschloss, die Studiengebühren drastisch zu erhöhen. Bis zu 9000 Pfund, knapp 10.300 Euro dürfen die Universitäten ab 2012 verlangen, bisher liegt die Höchstgrenze bei 3.290 Pfund. Gemach, gemach, konnte die Regierung stets entgegnen: 9000 Pfund müssten schließlich nur in Ausnahmefällen bezahlt werden. Das dachte sie zumindest.

Doch nun wurde bekannt, dass die Mehrzahl der Hochschulen aus dem Vollen schöpfen will. Die Universitäten müssen in diesen Tagen angeben, mit welcher Gebührensumme sie für 2012 planen. Rund 70 Universitäten und damit etwas mehr als die Hälfte haben ihren Betrag nach einem Bericht der BBC bereits festgelegt: Drei Viertel von ihnen wollen die Gebühr für einzelne oder alle Studiengänge auf 9000 Pfund erhöhen, darunter auch die renommierten Hochschulen in Oxford und Cambridge.

Damit wird die Ausnahme zum Regelfall. Die Regierung hatte geschätzt, dass die große Mehrzahl die Gebühren nur auf 6000 Pfund erhöht. Durchschnittlich sollten die Universitäten 7500 Pfund pro Jahr verlangen, so die Kalkulation. Nun sieht es eher danach aus, dass der Durchschnittsbetrag bei 8500 Pfund liegt.

Die höheren Studiengebühren sind Teil des Sparpakets der britischen Regierung, die damit ein Rekorddefizit beseitigen will. Gegen den auch in der Koalition umstrittenen Plan waren zehntausende Studenten auf die Straße gegangen, zum Teil kam es zu gewalttätigen Zwischenfällen, einige Studenten attackierten sogar

die Limousine von Prinz Charles. "Das war ohne Frage eine Milchmädchenrechnung"

Es ist ein radikal neues Modell der Hochschulfinanzierung: Die Regierung kürzt die öffentlichen Zuschüsse für die Lehre um 80 Prozent, und die Studenten sollen das entstehende Loch in den Uni-Budgets füllen. Hochschulen sollen künftig zu 60 Prozent privat und zu 40 Prozent staatlich finanziert werden.

Das staatliche Darlehenssystem sieht vor, dass die Gebühren nicht während des Studiums fällig werden, sondern erst hinterher, wenn Absolventen ein Jahreseinkommen von mindestens 21.000 Pfund haben. Sie zahlen dann jährlich neun Prozent ihres Einkommens und das 30 Jahre lang. Die Schulden, die bis dahin nicht beglichen sind, werden getilgt. In diesem Fall und wenn Absolventen das Mindesteinkommen gar nicht erst erreichen, bleibt der Staat auf den Kosten sitzen.

Ed Miliband, Vorsitzender der Labour-Partei und Oppositionsführer, rechnet mit jährlichen Mehrkosten von 500 Millionen Pfund, die durch die Fehleinschätzung der Regierung zur Gebührenerhebung der Universitäten jährlich entstehen könnten.

Milibrand griff Premierminister David Cameron scharf an: "Er behauptete, dass die Steuerzahler durch die Erhöhung der Studiengebühren und die Kürzung der öffentlichen Zuschüsse zwei Milliarden Pfund weniger zu zahlen hätten", sagte er der BBC. Nun, da die meisten Gebühren zwischen 8000 und 9000 Pfund betragen würden, müsse die Regierung für die Darlehen sogar mehr Geld ausgeben.

Wissenschaftsminister David Willets konterte, dass die Universitäten auch erklärt hätten, mehr Studenten von Studiengebühren zu befreien, wenn sie aus sozial schwachen Verhältnissen kommen. Zudem hätten sich manche Hochschulen auch entschieden, deutlich niedrigere Studiengebühren zu verlangen, als sie maximal könnten. "Daraus folgt, dass viele Studenten weniger bezahlen und sich weniger Geld leihen müssen."

Aaron Porter, Präsident der Studentenvereinigung National Union of Students, ließ sich davon nicht beschwichtigen. Gegenüber der BBC sagte er: "Als die Regierung diese unüberlegten Pläne durch das Parlament drückte, behauptete sie, dass Gebühren über 6000 Pfund die Ausnahme sein würden. Das war ohne Frage eine Milchmädchenrechnung."

bim



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 19.04.2011
1. Wahnsinn !
10.500,- € Studiengebühren pro Jahr ! Dann eine 30 jährige Rückzahlung. Diese Meldung muss ich jetzt erstmal verdauen..... Eine meine Töchter wollte für "einige" Semester nach England, darüber werden wir nochmal reden müssen. *Schluck*
nochStudent 19.04.2011
2. Teilweise besser als das dt. System
Zitat von sysopDie schlimmsten Befürchtungen der britischen Studiengebührengegner scheinen wahr zu werden: Die Mehrheit der Unis will ab kommendem Jahr den Höchstbetrag kassieren. Die Regierung rechnete mit Zurückhaltung - und hat nun ein Finanzproblem. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,758024,00.html
Also 9000 Pfund für ein Studium (ich denk mal pro Semester?) sind eine Frechheit, aber das System zur Finanzierung dieser Beträge find ich Klasse. Jeder kann sich Geld zu den gleichen Konditionen leihen und niemand muss Angst haben nach dem Studium vom Schuldenberg erdrückt zu werden. Dieses System finde ich deutlich fairer als das dt. Bafög/Exzelenz Förderprogramm.
sukowsky, 19.04.2011
3. Unsere Welt ist schon seltsam
Nun ist man auch hier in der Realität angekommen. Studieren und weiterkommen ohne Geld ist so auch nicht mehr zu haben. Wie seit Jahrhunderten wird es heißen die da oben, die da unten. Von wegen klassenlose Gesellschaft. Für Bombenhagel in Libyen ist Geld da aber nicht um die menschlichen Gehirne zu schulen. Unsere Welt ist schon seltsam.
ohne_sorge 19.04.2011
4.
Da führt das nun hin mit den Privatunis. Ich finde es gut, dass Deutschland im Vergleich ein solides Hochschulsystem hat. Gut das Image unserer Unis ist wohl nicht so gut, trotzdem ist es möglich überall Zugang zur Lehre zu bekommen. Letztendlich ist es in Deutschland mehr oder weniger egal auf welcher Uni man war. Zugang zu den Artikeln und wissentschaftlichen Publikationen steht bei uns allen Studierenden offen. Also kann jeder selber was draus machen. Wenn man also ins Ausland blickt, kommt man immer mehr zu der Erkenntnis, dass wir es hier in Deutschland schon ganz gut haben. Okay ich weiß die Schweiz bietet deutlich mehr fürs Uni-Geld, aber hoffentlich orientieren wir uns an denen und nicht am abgebrannten anglo-amerikanischen System...
trmro 19.04.2011
5. Deutschland, das Land der Heulsusen...
Zitat von Jonny_C10.500,- € Studiengebühren pro Jahr ! Dann eine 30 jährige Rückzahlung. Diese Meldung muss ich jetzt erstmal verdauen..... Eine meine Töchter wollte für "einige" Semester nach England, darüber werden wir nochmal reden müssen. *Schluck*
@Jonny: Da kann ich sie beruhigen, wenn ihre Tochter an einer deutschen Uni studiert kann sie meistens über das Erasmusprogramm ganz kostenfrei innerhalb Europas studieren. Für die anderen: Man muss man nicht jedes Semster besagte Studiengebühren zahlen, es ist traurig, dass Leute die keine Ahnung von der Sachlage haben ihren Senf dazu geben. Also hier nochmal deutlich: In England bezahlt man _pro_ Jahr Studiengebühren. Ich finde es gut, dass es Studiengebühren gibt und ich versteh nicht warum man dies in Deutschland wieder abschaffen will. Ich kenne beide Uni Systeme und muss sagen, dass selbst meine kleine Popeluni mit nur 9.000 Studenten besser ausgestattet ist als die meisten Hochschulen in Deutschland mit der doppelten Anzahl an Studenten. Diese ganze Hysterie in Deutschland hab ich deswegen nie verstanden, diese 600 Euro pro Semester sind doch noch ein vergleichsweise kleiner Preis für eine gut ausgestattete Uni.... (Die Höhe der Studiengebühren ist hingegen ein anderes Brot..) Aber gut, da ich nicht mehr in Deutschland studiere brauch ich dazu wohl nichts mehr sagen...
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