Studiengebühren "Bürokratisches Monstrum"

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat ihre Pläne für "Studienkonten" präzisiert und erntet heftige Proteste. Unterdessen wollen auch andere Bundesländer bei Studenten kassieren - Langzeitgebühren, so scheint es, setzen sich allmählich durch.


"Kleiderkette": Studentenprotest gegen Gebühren
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"Kleiderkette": Studentenprotest gegen Gebühren

Als erstes Bundesland setzt Nordrhein-Westfalen auf so genannte Studienkonten und plant eine möglichst zügige Umsetzung. Ab 2004, vielleicht auch schon im Wintersemester 2003/2004 soll jeder Student ein Guthaben von etwa 200 Semesterwochenstunden erhalten, kündigte die neue Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft am Wochenende an. Sie verteidigte das Konzept als "großen Fortschritt" und "Einstieg in das lebenslange Lernen".

Erst hatte das Land auf Strafzölle für vermeintliche Bummelanten gesetzt, musste davon aber wegen verfassungsrechtlicher Bedenken Abstand nehmen. Die neue Lösung lautet Studienkonten. Das ursprünglich von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gemeinsam entwickelte Konten-Modell, ohnedies schon kompliziert, erfährt im studentenstärksten Bundesland noch einige Veränderungen, die zusätzliche Verwirrung stiften.

Zunächst war geplant, dass Studenten zwar ein begrenztes Guthaben erhalten, es aber je nach ihren persönlichen Umständen auf etwa die doppelte Regelstudienzeit strecken können - also beispielsweise ohne Gebühren 16 oder gar 18 Semester studieren, wenn sie nebenher intensiv arbeiten oder Kinder betreuen. Nun soll diese zeitliche Flexibilität indes erst ab 2007 gelten. "Von da an wird die Studienzeit keine entscheidende Rolle mehr spielen, sondern der Studienerfolg", sagte Kraft.

Studenten bei Landtagsdebatte: Mogeln gilt nicht
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Studenten bei Landtagsdebatte: Mogeln gilt nicht

Leider seien die Voraussetzungen an den Hochschulen nicht so, dass dieses "intelligente" Modell bereits ab 2004 gelten könne, so die SPD-Politikerin. Die Übergangsregelung sehe vor, dass die Studenten ihre Guthaben in der 1,5-fachen Regelstudienzeit aufbrauchen können. Bei einer Regelstudienzeit von neun Semestern seien dann 14 Semester gebührenfrei. In Härtefällen gebe es Ausnahmen, betonte Kraft. Und wer sein Guthaben nicht ausgeschöpft habe, könne gebührenfrei weitere Semester studieren.

Langzeitstudenten sollen 650 Euro pro Semester zahlen und die Einnahmen ab 2005 den Hochschulen in halber, ab 2006 in ganzer Höhe zu Gute kommen. Vorläufig sind die Universitäten und Fachhochschulen schon technisch kaum in der Lage, die tatsächlich besuchten Veranstaltungen für jeden Studenten exakt zu erfassen. Und so will das Land zunächst eine bestimmte Anzahl von Stunden pro Semester pauschal vom Konto löschen.

Wie später die Erfassung und Kontrolle funktionieren soll, dürfte Land und Hochschulen vor größere Probleme stellen. Die CDU im Landtag hat die Studienkonten bereits als "bürokratisches Monstrum" kritisiert. "Innerhalb von nur drei Jahren müssen sich die Hochschulen auf zwei völlig verschiedene Modelle einstellen. Das bedeutet mehr Bürokratie, mehr Verwaltungsaufwand, mehr Kosten", sagte Manfred Kuhmichel, hochschulpolitischer Sprecher der CDU.

Überall dreht sich das Gebührenkarussell

Studentenvertreter sehen die Studienkonten ohnehin nur als Mogelpackung, als Studiengebühren mit einem anderen Etikett. Rund 2000 Studenten demonstrierten am Samstag in der Düsseldorfer Innenstadt mit Transparenten wie "Stopps des Ausverkaufs der freien Bildung".

Auch in anderen Bundesländern ist die Debatte über Studiengebühren abermals entflammt. So plant die CDU/FDP-Koalition in Hessen nach einem Bericht der "Wetzlarer Zeitung" ebenfalls Gebühren für Langzeitstudenten; die Freidemokraten wollen offenbar "Bildungsgutscheine" an Studenten ausgeben. Auch in Thüringen sollen vermeintliche Bummelanten künftig zahlen - obwohl es dort kaum Langzeitstudenten gibt. Wissenschaftsminister Dagmar Schipanski (CDU) sprach sich allerdings gegen allgemeine Studiengebühren aus.

Im bankrotten Berlin schließt Finanzsenator Thilo Sarrazin die Einführung von Studiengebühren nicht aus. Und in Baden-Württemberg, das Langzeitstudenten bereits zur Kasse bittet, kursieren erneut Zeitungsberichte, wonach die Landesregierung nun die Einführung genereller Studiengebühren prüft - zum Beispiel als "nachlaufende Gebühr", also erst nach dem Studium. Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) dementierte das zwar. Aber seiner Auffassung nach werden allgemeine Gebühren mittelfristig bundesweit ein Thema, weil die Finanzsituation der Hochschulen sich zunehmend verschlechtere.



insgesamt 1557 Beiträge
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Seite 1
Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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