Studiengebühren Campusmaut fließt in Lohntüte der Professoren

Das riecht nach Wortbruch: Baden-Württemberg will 300 neue Professoren aus Studiengebühren bezahlen. Sollen jetzt die Studenten den Landeshaushalt entlasten? Nein, beteuert Wissenschaftsminister Peter Frankenberg und sieht die Lehre im Aufwind.

Von Frank van Bebber


So ändern sich Zeiten und Versprechen. Bevor Baden-Württembergs Hochschulen im vergangenen Jahr erstmals Studiengebühren kassierten, hatte das Ministerium gewarnt: Professuren und Forscher dürften mit der Campus-Maut nicht finanziert werden. Neue Professoren bedeuteten wegen des vertrackten Kapazitätsrechts nur mehr Studenten, für die Forschung sei das Lehrgeld sowieso tabu.

Anti-Gebühren-Aktivisten (in Stuttgart): Ihr "Och nö" nötzte nöx
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Anti-Gebühren-Aktivisten (in Stuttgart): Ihr "Och nö" nötzte nöx

Gut ein Jahr nach Kassenöffnung hat Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) nun die Regeln geändert: Die Einnahmen aus Studiengebühren landen in Baden-Württemberg künftig auch direkt in den Lohntüten von Professoren. 15 Prozent der Studiengebühren will das Land umleiten, was 300 Professuren entspricht. Die Stellen soll der Landtag im Haushalt 2009 verankern.

Vor der Landespresse verkaufte Frankenberg den Schritt am Montag als Förderprogramm für die Lehre: "Die Betreuungsrelationen können jetzt auch durch Studiengebühren verbessert werden." Der Minister freute sich, endlich dürften lebenslange Beamtenstellen aus der Campus-Maut finanziert werden – was für Top-Bewerber attraktiver sei.

Das aber ist nur die halbe Wahrheit: Schon bisher hätten Hochschulen in Baden-Württemberg angestellte Professoren mit Gebühren anheuern können. Doch sie versuchten es meist gar nicht erst. Wegen des Versprechens, die Campus-Maut fließe allein in bessere Lehre, hätten die Hochschulen den Forschungsanteil der Professur aus dem normalen Etat entlohnen müssen.

"Wir kürzen ja nicht Stellen, sondern schaffen zusätzliche"

Selbst für dieses verbliebene Drittel oder Viertel des Gehalts fehle ihnen das Geld vom Land, klagten die klammen Rektoren. "Die Universitäten wollten keine Teilfinanzierung", musste der Minister zerknirscht erkennen.

Nun dürfen die Rektoren das volle Gehalt aus der Campus-Maut begleichen, die im vergangenen Jahr 180 Millionen Euro in ihre Kassen spülte. Für Frankenberg ist das kein Bruch des Versprechens, Gebühren nicht für ureigene Aufgaben des Landes oder Forschung auszugeben: "Wir kürzen ja nicht Stellen, sondern schaffen zusätzliche." Studenten schätzten Professoren, die neben der Lehre forschten.

In der Tat hatten die strengen Auflagen für den Einsatz der Gebühren immer wieder für Probleme gesorgt, nicht nur in Baden-Württemberg. Im Saarbrücken verlangte jüngst ein Professor, die Gebühren zurückzuzahlen, weil sie nicht sinnvoll ausgegeben werden könnten. Die Universität will nun Ausgaben für Personal zulassen. An der Uni Heidelberg kamen die Fächer im Winter mit dem Ausgeben nicht nach, fast die Hälfte der Campus-Maut war auf Fächer-Konten geparkt. In Konstanz flossen Gebühren in Segelboote statt in den Lehrkörper.

Die Campusmaut hat an der Massenuni wenig geändert

Ansonsten haben Hochschulen aus den Studiengebühren meist befristete Dozenten im Mittelbau, Tutoren, Bücher und technische Ausrüstung bezahlt. Kritiker bemängeln seit langem, wichtiger als Beamer sei eine bessere Betreuung. Noch unterrichtet ein deutscher Professor im Schnitt 53 Studenten, in großen Fächern sind es oft weit über 100. Die Massenuniversität hat die Campusmaut bislang locker überlebt. Die Fans der Studiengebühren bringt das zunehmend in Erklärungsnot.

Die neuen Professoren sollen das ändern. Frankenberg verwies darauf, laut Gesetz seien Stellen aus Studiengebühren kapazitätsneutral. Das heißt, für sie müssen anders als bei Stellen aus Landesgeld nicht mehr Studenten aufgenommen werden - was die gewünschte bessere Betreuung zunichte machen würde.

Auch hier aber gibt es einen Haken: Bislang ist das nur eine neue, feste Behauptung in Gesetzesform. Frankenberg weiß: "Das müssen wir möglicherweise vor Gericht durchsetzen." Bislang gab es keinen Musterprozess darüber, ob Gebühren-Stellen wirklich nicht mitzählen.

Noch ein anderes Problem zeichnet sich ab: Schon bislang waren die Hochschulen kreativ darin, ihren regulären Etat über Gebühren zu entlasten. So schob die Uni Freiburg im Vorgriff auf die erwarteten Einnahmen 1,5 Millionen Euro aus dem Lehr- in den Forschungstopf. Umschichtungen, hieß es, "können aus der entsprechend erhöhten Zuweisung von Einnahmen aus Studiengebühren ausgeglichen werden". Nun könnten ohnehin geplante Stellen über Gebühren bezahlt werden.

"Gebühren abschaffen und nicht neue Zwecke finden"

Frankenbergs Vorstoß nährt Befürchtungen der Campusmaut-Kritiker. Eines ihrer stärksten Argumente war stets, dass am Ende die Hochschulen wenig von den Gebühreneinnahmen haben werden - weil der Staat sich allmählich aus der Hochschulfinanzierung davonschleicht und, nach einer gewissen Schamfrist, den Studenten die Finanzierung eines Teils seiner bisherigen Aufgaben überlässt. Was in Baden-Württemberg "zusätzliche" Stellen sind und was das Grundgerüst der Lehre, das wird in ein paar Jahren niemand mehr ernsthaft auseinanderhalten können. Zudem lässt Frankenberg jetzt schon die Studenten auch für die Forschung zahlen.

Zumindest eines schreibt das Land vor, um die schlimmsten Tricks zu verhindern: Bei den neuen Stellen muss es sich um Lehrprofessuren mit zwölf Stunden Lehre in der Woche handeln. Ein normaler Professor lehrt im Semester neun Stunden in der Woche.

Diese Bedingung dürfte Frankenberg allerdings konservative Verbündete kosten: Der Deutsche Hochschulverband ist als Professorenlobby stets für bessere Betreuung und neue Stellen für Hochschullehrer. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Lehr- und Forschungsprofessoren lehnt der DHV aber ab.

Auch die SPD-Opposition ist auf Gegenkurs gegangen. Das Finanzieren von Lehre und Forschung bleibe Staatsaufgabe, sagte der SPD-Abgeordnete Johannes Stober und fordert die Landesregierung auf: Könnten die Gebühren nicht wie geplant ausgegeben werden, "dann muss man sie abschaffen und nicht neue Zwecke finden".

Frankenberg aber plant schon die nächste Geldspritze. Er will endlich auch private Drittmittel in den Lohntopf umleiten. An der Uni Karlsruhe stehen dafür bereits 200 Millionen Euro eines privaten Stifters bereit. 2009 werde der Weg für den Kombilohn aus Privat- und Staatsmitteln freiwerden, sagte Frankenberg. Seine größte Sorge ist nun, genügend Professoren zu finden: Der Markt für sie sei sehr eng geworden, "weil wir nach Exzellenz-Initiative und Studiengebühren hunderte Professorenstellen neu besetzen".

insgesamt 1214 Beiträge
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Seite 1
Anke, 11.06.2008
1.
keine Studiengebühren. Die Studenten zahlen ohnehin schon Verwaltungsgebühren und ihr Semesterticket. Bei letzterem unterscheiden sich die Beträge abhängig vom Verhandlungsgeschick der Uni mit den ansässigen Nahverkehrsunternehmen ganz erheblich in Höhe und Reichweite. Ein Studium ernsthaft betrieben erfordert eine 60-Stunden-Woche. Meines Erachtens sollten Studenten deshalb während ihres Studiums finanziell unterstützt werden - und zwar alle - um die Notwendigkeit des Nebenjobs zu minimieren und die Möglichkeit, das Studium innerhalb der gesetzten Regelstudienzeit abzuschließen zu maximieren. Nach Beendigung des Studiums sollten die frischgebackenen Absolventen ihrerseits die während ihres Studiums entstandenen Kosten zurückzahlen - innerhalb eines festzulegenden Zeitraumes selbstverständlich und in einem angemessenen Rahmen.
eiffe, 11.06.2008
2.
Lösung: Studiengebühren abschaffen. So wäre eine weitere Hürde, ein Studium zu beginnen, beseitigt. Gegenüber anderen Industrienationen könnte man die Studentenzahl noch ordentlich steigern. Die Universitäten sollten mit den Steuergeldern der Allgemeinheit finanziert werden, schließlich sind es auch die Studenten, die später einen nicht unerheblichen Teil an Steuern zahlen. Auch ansonsten sind viele Studierende eine Bereicherung für die Gesellschaft, Bildung schützt vor vielerlei Ungemach. Ob steuerfinanzierte Universitäten auch "Eliteuniversitäten" im weltweiten Vergleich werden können, hängt allein von der Menge der Gelder und der Organisation ab.
jojo1987 11.06.2008
3. ...
Wie in einigen Bundesländern praktiziert, ist es doch sehr sinnvoll, Dauerstudenten (also ab Regelstudienzeit + x Semester) zahlen zu lassen. Das Erststudium muss kostenlos bleiben, denn in Deutschland werden händeringend hochqualifizierte Kräfte gesucht, und die bekommt man gewiss nicht, indem man weitere Hürden aufstellt. (Abgesehen davon, dass hochqualifizierte Kräfte später meist mehr verdienen und somit mehr Steuern zahlen + die Wirtschaft ankurbeln) Was mich aber wirklich ärgert, sind die Einzellösungen je Bundesland. Es sollte eine einheitliche Regelung beschlossen werden, denn nichts ärgert mich mehr, wenn ich hier (in Hessen) Studiengebühren zahlen muss, während Berliner Studenten umsonst studieren - wenn man daran denkt, wieviel Geld Berlin vom Bund und über Solidarausgleich etc. bekommt, eine wirkliche Frechheit
karaokefreak01 11.06.2008
4. Gebühren: Ja! - So hoch: Nein
Ich sehe durchaus einen Sinn in Studiengebühren, sofern sie auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Allerdings verstehe ich die Höhe von 500 Euro nicht. Ich selbst erwäge gerade zu studieren, doch was mich davon abhält, sind die Kosten. Denn neben der Kampusmaut muss ich schließlich noch Bücher kaufen (und selbst das kopieren meines Materials kostet ein Schweinegeld) und irgendwie sollte ich vllt. noch in der Lage sein, meine Miete zu bezahlen. Und jetzt soll mir bitte keiner mit einem Studentenkredit ankommen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bin ich nicht kreditwürdig, bekomme also von niemandem eine Anleihe. Um zu studieren und nebenbei nicht am Hungertuch nagen zu müssen, benötige ich also einen Vollzeit-Job, denn mit 400 Euro monatlich wird das ja schonmal mal nix. Demnach kann ich also schonmal 10 - 12 Semester einplanen, oder wie?!? Somit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich nicht studieren KANN, obwohl mir der Staat Bildung zusagt und ich die nötige Qualifikation habe. Herzlichen Dank!
barry60 11.06.2008
5. Stipendien!
Zitat von sysopStudiengebühren bleiben in der Diskussion. Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung zur Finanzierung des Hochschulstudiums?
Die beste Lösung sind in meinen Augen viel mehr Stipendien. Und nicht nur für Abiturienten mit 1,0 - 1,3. Hier muss m. E. seitens der Wirtschaft umgedacht werden. Nicht jeder Abiturient mit 3,3 ist schlechter als mit 1,0. Es muss hier viel differenzierter gedacht werden. Es gab z. B. in unserem Studiengang eine Menge Leute, die mit 1,x abgeschlossen haben, die ich aber nie und nimmer in meinem Unternehmen haben wollen würde, da sie praktisch fast nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, so ähnlich sieht es auch mit Abiturienten aus. Aber solange fast überall nur die Note zählt, ist sowas anscheinend nicht möglich.
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