Studiengebühren Dein Wille geschehe, Student

Ja, ist denn heut' schon Weihnachten? Die Uni Hohenheim sendet Engel mit Heiligenschein aus. Sie notieren Wünsche der Studenten, was aus den Studiengebühren werden soll. Es geht aber nur um einen Bruchteil - eine "scheinheilige" und zu plüschige Aktion, findet der Asta.

Es naht der erste Advent, und schon haben Martin Blum, Hohenheimer Prorektor für Lehre, und die Uni-Pressestelle eine alte Idee ganz neu verpackt: Auf frisch gedruckten Postkarten grüßt ein Kinderengel, darüber steht als Einladung an alle Studenten ein Zitat aus dem Vaterunser - "Dein Wille geschehe". Auf der Rückseite der Karte warten sechs Zeilen Platz auf Ideen, was die Uni denn mit den Studiengebühren anfangen soll.

Ist denn heut' schon Weihnachten? Vergöttert die Uni Hohenheim ihre Studenten? Grund dazu hätte sie allemal, denn die rund 6000 Studenten bescheren der schwäbischen Hochschule rund fünf Millionen Euro jährlich an Extra-Einnahmen. Jetzt geht es um die Frage: Wohin mit dem Geld?

Hunderte von Millionen, keine Peanuts

Seit es in Baden-Württemberg Gebühren gibt, also seit Sommer 2007, sieht das Gesetz vor, dass die Studenten mitreden, was aus den Einnahmen wird. So eine Klausel steht in einigen Landesgesetzen. Aber mitreden heißt nicht unbedingt mitbestimmen - oder gar über die Verwendung entscheiden. Oft werden Studentenvertreter lediglich informiert und angehört, das letzte Wort haben dann die Professoren.

Es geht um stattliche Beträge: In den sechs Bundesländern, die inzwischen Studiengebühren kassieren (Hessen hat sie nach langem Gerangel wieder abgeschafft), dürfte in diesem Jahr rund eine Milliarde Euro zusammenkommen. Und seitdem herrscht eine Mischung aus Streit, Verwirrung, Unkenntnis darüber, was mit dem Geld geschieht.

Der Hohenheimer Professor Markus Voeth initiierte den "Gebührenkompass", eine bundesweite Erhebung zur Meinung der zahlenden Studenten. Die Umfrage zeigte deutlich: Je mehr die Studenten über den Verbleib des Geldes wissen, um so weniger zürnen sie. Aber auch: Über zwei Drittel der Gebührenzahler sind für die sofortige Abschaffung; drei von vier Studenten glauben nicht an Verbesserungen der Lehre.

Für den Asta ist die Engelaktion ein "Mediengag"

Ein Streitthema ist auch die Frage, ob die Gebühren potentielle Studenten vom Studieren abhalten oder nicht - eine Untersuchung, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) zunächst zurückhielt, deutet darauf hin.

Fakt ist: Gut zwei Drittel der deutschen Studenten müssen zahlen, was den Hochschulen riesige Summen beschert. Neben Hohenheim lädt auch die Ruhr-Universität Bochum ihre Studenten ein, Vorschläge für die Verwendung zu machen. Sie können bis Anfang Dezember eine Ideenskizze abgeben. Nach Einreichung eines Vollantrags soll bis Ende des Wintersemesters die Entscheidung fallen, welche Vorschläge mit zweimal 200.000 Euro in den beiden nächsten Semestern finanziert werden. In der Jury haben Studenten die Mehrheit.

Der Bochumer Wettbewerb mit dem Titel "lehrreich"  wirkt etwas bürokratisch und angelehnt an DFG-Verfahren. Die Uni Hohenheim wollte es simpler halten: Statt in Gremien und mehrstufigen Antragsverfahren sollen die Studenten sich per Postkarte und im Internet zur Wort melden. Ziel der Kampagne sei es, "die Studenten aus der Reserve zu locken", sagt Uni-Sprecher Florian Klebs.

Uni schwärmt von "unglaublicher Gestaltungsmacht"

Die festtägliche Aufmachung allerdings kritisiert der Asta der Hochschule als "Mediengag" und "scheinheilige Aktion". Modelgleiche Studentinnen mit plüschigem Heiligenschein beglückten zum Wochenstart die Studenten in ihrer zu kleinen Mensa, deren Ausbau seit langem diskutiert, aber bisher stets verschoben wurde. Die Postkarten mit "Dein Wille geschehe" landeten in einer gläsernen Box.

Um 200.000 Euro geht es in Hohenheim - also lediglich vier Prozent der jährlichen Gebühreneinnahmen. Dennoch ist Zoologie-Professor Martin Blum von der Aktion ganz begeistert. Er sieht für seine Studenten "eine unglaubliche Gestaltungsmacht" und wünscht sich, dass sie "frisch, unkonventionell und auch mal ganz spontan" ihre Ideen einbringen. Bisher sei das zwar auch möglich, doch das normale Verfahren gehe "an der Lebenswelt der Studenten vorbei".

Weiß die Uni etwa nicht mehr, wohin mit Geld? Prorektor Blum fällt da so einiges ein. Es könnten "Top-Lecturer von Think Tanks für ein Lehrmodul einfliegen" oder "ganz neue Job-Trainings zur Berufsvorbereitung" bezahlt werden, schlägt er vor.

Von Montagmorgen bis Dienstagabend gab es 160 Einträge auf der Web-Seite . Viel wiederholen sich und sind recht schlichter Natur, etwa "Mehr Stühle und Tische". Diesen Wunsch scheinen viele Studenten zu teilen, wie das Online-Voting zeigt. Reichlich Beifall findet auch die Forderung nach mehr Sprachkursen und Tutorien.

Studenten wünschen sich weiterhin das Nötigste

Den Asta-Vorsitzenden Stefan Haffke wurmen solche Vorschläge: "Wir sollen mit den Gebühren Löcher stopfen. Alles, was hier gefordert wird, ist Aufgabe des Landes." Bis zum vergangenen Jahr seien Tutorien stets aus Drittmitteln bezahlt worden; erst seit es die Studiengebühren gibt, fließe das Studentengeld in diese Aufbaustunden zur Prüfungsvorbereitung. Das sei nur der Erhalt den Status quo, ärgert sich der Studentenvertreter. Ihm erscheint die Werbekampagne darum etwa so attraktiv, als müsste man sich seine Geschenke selber kaufen und unter den Baum legen.

Zu Scherzen sind die Studenten in Hohenheim jedenfalls nicht aufgelegt, wenn es um ihr Geld geht. Im Forum zur "Dein Wille Geschehe"-Aktion gibt es für den Einfall, die Uni Hohenheim solle eigenen Hopfen für die Bierproduktion anbauen, deutliche Ablehnung. Kostenloser Kaffee fällt genauso durch wie Flutlicht und neue Duschen für die Uni-Sportanlagen - oder die Idee, das Geld doch einfach an die Börse zu tragen und auf Vermehrung zu hoffen.

Wo Prorektor Blum also von Exzellenz und Flugtickets für internationales Lehrpersonal träumt, wollen seine Studenten nur das Allernötigste - Sitzplätze und Tutorien. Nachdem Studenten seit drei Semestern Gebühren zahlen, geht es ihnen vor allem um die Grundausstattung? Das könnte einer Universität zu denken geben.

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