Studiengebühren Der HipHop-Protest

Die Aktionen gegen Studiengebühren werden munterer, besonders in Freiburg. Dort campieren Studenten seit über einer Woche mit Schlafsack, Teekocher und Stullen im Rektorat - und entdecken den Protest-Rap: "Wage zu denken" heißt die Freiburger Frühlingshymne.

Baden-württembergische Studenten sind derzeit besonders aktiv im Widerstand gegen Studiengebühren. Kein Wunder: Die Landesregierung hat vor dem Bundesverfassungsgericht gemeinsam mit fünf anderen Ländern gegen das Gebührenverbot geklagt und gewonnen; Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) zählt zu den energischsten Gebührenfans bundesweit. Frankenberg will aber Courage beweisen und heute Nachmittag zu einer Diskussion in der Freiburger Stadthalle erscheinen.

Bereits vergangene Woche zogen Tausende von Studenten durch die Landeshauptstadt Stuttgart - mit Transparenten wie "Wir können alles. Außer Hochschulpolitik". Sie versammelten sich lautstark bei einer Radiostation, die den ungebetenen Gästen prompt einige Minuten Sendezeit einräumte. Und am Montag letzter Woche war das Rektorat der Universität Freiburg besetzt worden. Dort machten es sich die Gebührengegner mit Schlafsäcken gemütlich.

Kicken, Kino, Konzerte

Nach ihren Angaben sind seitdem 50 bis 180 Studenten durchgehend im Gebäude. "Es wird kollektiv gekocht, Kinovorstellungen werden angeboten und verschiedene Diskussions- und Arbeitskreise gebildet ", teilten die Besetzer mit, "Fußballspiele und Livemusik sorgen für Auflockerung, gemeinsam beschlossene Verhaltensregeln für ein produktives Arbeitsklima."

Weniger beschaulich ging es gestern in Hamburg zu. Dort legten rund 1000 Studenten den Verkehr im ganzen Univiertel lahm, als sie gegen die Einführung von Studiengebühren protestierten und Straßen blockierten. Wie in der Hansestadt üblich, rückte die Polizei gleich mit mehreren Hundertschaften an, räumte Heuballen von der Straße und nahm 36 Studenten wegen Nötigung fest, weil sie am Dienstagmorgen den Zugang zum Hauptgebäude der Universität blockierten.

In Kiel protestierten unterdessen rund 1200 Studenten mit einer Fax-Aktion gegen Studiengebühren: Sie bombardierten den neuen Wissenschaftsminister Dietrich Austermann und seinen Staatssekretär (beide CDU) am Dienstag pausenlos mit Faxen und SMS-Nachrichten an das Ministerbüro. De Jager hatte dafür kein Verständnis und sprach von einer "Aktion ohne Anlass".

Der Anlass: Auch in Schleswig-Holstein rechnen Studenten damit, dass sie über kurz oder lang Gebühren zahlen müssen. Die neue Koalition aus CDU und SPD, die sich gerade zusammenrauft, hat in ihrem Vertrag beschlossen, dass Schleswig-Holstein "bei der Einführung von Studiengebühren keine Vorreiterrolle übernehmen, aber auch keine Insellösung zulassen" werde. Sie will die Entwicklung in den norddeutschen Ländern abwarten - in Niedersachsen und Hamburg allerdings setzen die unionsgeführten Regierungen auf Studiengebühren.

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Studiengebühren: Die Proteste der Studenten

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Derweil harren die Besetzer im Freiburger Rektorat weiter aus - mit Schlafsack, Teekocher und selbst geschmierten Stullen. Aus Angst vor Krawallen will die Uni das Gebäude vorerst nicht räumen lassen. "Die Situation ist für alle Beteiligten belastend. Wir hoffen auf ein baldiges Ende", sagte Prorektor Karl-Reinhard Volz, der seit über einer Woche mit den Studenten diskutiert, "ich habe keine Ahnung, wann das hier zu Ende ist."

Die Studenten campieren in der Eingangshalle, Uni-Angestellte im Stockwerk darüber und bewachen auch nachts die Büro- und Laborräume sowie archäologische Sammlungen.

Die Uni verzichtete bisher auf eine Strafanzeige gegen die Besetzer, die Polizei hält sich dezent im Hintergrund. "Wir wollen keine Hamburger Verhältnisse", sagte Prorektor Volz, der Ausschreitungen verhindern möchte.

Die Studenten wollen so lange bleiben, bis sich die Universität offiziell gegen Studiengebühren ausgesprochen hat. Zudem fordern sie den Rücktritt von Rektor Wolfgang Jäger, von dem sie sich "nicht vertreten fühlen". Neben Minister Frankenberg will sich auch Jäger, inzwischen von einer Dienstreise nach Rumänien zurück, am Mittwoch den Freiburger Studenten stellen.

Die Revolte im "Freiburger Frühling" hat jetzt auch den passenden Soundtrack: Zwei HipHopper aus Freiburg - "MC Isnix" und "DJ Dude" - haben eine Protesthymne vorgelegt, die "rhythmisch zum Demonstrieren" passt, so Christian Schneijderberg vom U-Asta. Der eine hat ein Sozialarbeit-Studium absolviert, der andere ist Verlagskaufmann. Ihr Song "Wage zu denken" läuft jetzt zum Beispiel vor Vollversammlungen und Partys.

Ob der Song was taugt? "Wage zu denken" gibt es hier zu hören, den Text auch zum Mitlesen, eine Seite dazu im Internet  (mit einer zweiten "Wage zu denken"-Version und mit einem Lied an den Rektor: "Lauf, Jäger, lauf"). Und Daniel Haas, HipHop-Experte bei SPIEGEL ONLINE, fühlt sich spontan an die "Rauchpause eines Germanistikseminars" erinnert. Diese Meinung muss man ja nicht teilen - darum unten ein Vote.

Jedenfalls lässt die zarte Anspielung auf Immanuel Kants Leitspruch der Aufklärung ("Sapere aude") auch ansonsten HipHop-abstinente Doktoranden der Philosophie beschwingt mitsummen. Inhaltlich geht es um das Studium nur für Reiche - "Eliteschülerzucht anstatt Studentenmassen".

Und auch um Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel: Der CSU-Mann verblüffte im Januar mit einem Appell an die studentische Sparsamkeit. Um die Studiengebühren von 500 Euro pro Semester zu finanzieren, so sein famoser Vorschlag, müssten Studenten lediglich "jeden Monat für hundert Euro auf etwas verzichten oder zwei Nachhilfestunden geben".

Studentenvertreter bescheinigten ihm prompt den Verlust jeder Bodenhaftung - so viel gibt es für Studenten denn doch nicht zu verdienen. Goppel korrigierte zwar später, er habe zwei Nachhilfestunden pro Woche gemeint ("eine Entgleisung, die mir leid tut"), aber da kursierte sein Spruch längst.

Um Goppels "pfiffige Idee zu unterstützen", stellten Freiburger Studenten daraufhin flugs eine Seite "Studis für'n Fuffi"  ins Internet: eine Jobbörse für Unternehmen, die Studenten 50 Euro pro Stunde zahlen. Mindestens. Gesuche gibt es einige, ernsthafte Angebote keine.

Die Idee, studentische Protestlieder zu sammeln, hatten übrigens auch andere Gebührengegner. Der Studierendenrat der Uni Leipzig hat gerade den Sampler "Gebühren-Hits 05" fertiggestellt; die CD soll zum Selbstkostenpreis von 2,50 Euro verkauft werden. Einer der Songs ist ebenfalls ein Anti-Gebühren-Rap: "Wissen und Macht" von Holger Burner alias David Schultz - und das kann sich hören lassen .

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