Studiengebühren Die wundersame Geldvermehrung

Zur Abwechslung mal gute Nachrichten von der Studiengebühren-Front: Zwei Hochschulen in Nordrhein-Westfalen legen einen Teil der Campus-Maut in Stiftungen an. Sie wollen so die Lehre verbessern und Studenten fördern - selbst wenn ihnen die Politik den Geldhahn weiter zudreht.

Von Mathias Menzel


Was wurde nicht alles versprochen, als die Studiengebühren beschlossen wurden: Sozial verträglich sollten sie sein und niemanden vom Studium abhalten. Es werde Stipendiensysteme geben und billige Kredite. Doch die Realität sieht anders aus: Zwar kassieren ab sofort fünf Bundesländer die Campus-Maut flächendeckend, doch vom versprochenen Stipendiensystem ist weit und breit nichts zu sehen. Selbst die Bafög-Erhöhung wurde unlängst vertagt. Bleiben oft nur verzinste Darlehen zur Studienfinanzierung.

Fachhochschule Münster: Stipendien für Studenten mit finanziellen Engpässen

Fachhochschule Münster: Stipendien für Studenten mit finanziellen Engpässen

Zumindest die Studenten an der Fachhochschule Münster dürfen für die soziale Abfederung der Gebühren bald selbst sorgen: Wenn das nordrhein-westfälische Innenministerium wie erwartet grünes Licht gibt, wird dort schon bald eine Stiftung gegründet. Sie speist sich aus Studiengebühren und soll Stipendien ausgeben an "die Studenten, die gerade finanzielle Engpässe haben", sagt Rektor Klaus Niederdrenk. Eine Art Geld-Zurück-Modell für Bedürftige, die die Hochschule nicht von der Maut befreien konnte – die gesetzlichen Vorgaben dafür sind streng.

Eine Million Euro, also rund ein Fünftel des Gebührenaufkommens an der FH Münster, sollen jährlich in die Stiftung fließen und sich vermehren. Das Grundkapital bleibt fest liegen, ausgegeben werden können nur die Erträge. Zu vier Prozent verzinst, wären das im ersten Jahr also 40.000 Euro. Im zweiten Jahr wüchse das Grundkapital auf zwei Millionen Euro, im dritten Jahr auf drei Millionen und so weiter. Im Idealfall steigen die Erträge dann jedes Jahr mit.

Hochspekulative Anlagen sind tabu

Um die Anlage des Geldes soll sich der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft kümmern. Er hat die Hochschule beraten und betreut mehr als 400 Stiftungen mit einem Kapital von zusammen rund zwei Milliarden Euro. "Es gilt der Grundsatz der Vermögensherhaltung", sagt Stefan Stolte vom Stifterverband. "Hochspekulative Anlagen sind deshalb ausgeschlossen." So wird das Geld wohl vor allem in festverzinsliche Wertpapiere gesteckt und höchstens 20 Prozent in Aktien.

Die FH Münster und die Uni Duisburg-Essen sind die ersten deutschen Hochschulen, die Gebührenstiftungen einrichten. Möglich macht es ein Passus, der auf Drängen der FH Münster nachträglich ins nordrhein-westfälische Gebührengesetz hineinverhandelt wurde: "Die Hochschule kann einen geringfügigen Teil dieser Einnahmen einer Stiftung zur Verfügung stellen", heißt es darin.

"Es geht uns darum, etwas Nachhaltiges mit den Gebühren zu erreichen", sagt Rainer Ambrosy, Kanzler der Uni Duisburg-Essen. Deren Stiftung soll jährlich ebenfalls eine Million Euro Grundkapital aus Studiengebühren erhalten, fünf Prozent des Aufkommens. Der Profit wird hier jedoch vorrangig in "innovative Projekte in der Lehre" fließen, sagt Ambrosy, "Online-Tutorien zum Beispiel".

Gegen das Prinzip "Geld rein – Geld raus"

Aber sollte das nicht sowieso mit der Campus-Maut passieren? "In ein paar Jahren spricht sicher keiner mehr davon, dass Studiengebühren allein für die Lehre und die Verbesserung der Studienbedingungen eingesetzt werden müssen", befürchtet Ambrosy. "Das Prinzip 'Geld rein – Geld raus' wäre deshalb kurzsichtig." Auch dem Münsteraner Rektor Klaus Niederdrenk schwant Böses: "Wer garantiert denn, dass die Politik uns nicht über kurz oder lang den Geldhahn zudreht?"

Deshalb sollen nicht allein die Studenten zum Stifter für ihre Hochschule werden. "Wir hoffen, dass wir auch Privatpersonen oder Unternehmen für unsere Stiftung gewinnen können", sagt Niederdrenk. Darin sieht auch Stefan Stolte vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft die größten Vorteile: Während Spenden andernorts im Globalhaushalt der Hochschulen verschwinden, könnten Unternehmen oder vermögende Privatpersonen an eine Stiftung zweckgebunden "und mit einem hohen Maß an Sichtbarkeit" spenden.

So sei es denkbar, dass sie unter dem Dach der Gebührenstiftung eigene Stiftungen einrichten, die ihren Namen tragen und Geld nur für klar definierte Ziele ausreichen: "Ein XY-Stipendienfonds könnte dann Studenten bestimmter Fachbereiche fördern."

Kommunikation: Mangelhaft!

Ein Problem der Studiengebühren könnten die Stiftungen übrigens ebenfalls umschiffen: Während die zahlenden Studenten zur Verwendung der Gelder im Moment nur angehört werden müssen, könnten sie über den Stiftungsrat direkt mitentscheiden, was mit den Erträgen passiert. Er soll zur Hälfte mit Studenten besetzt sein. Der Asta-Vorsitzende soll auch automatisch einen Platz im Stiftungsvorstand haben.

Die derart Beglückten sind von den Stiftungsplänen ihrer Rektorate allerdings trotzdem einigermaßen überrascht: "Wir können im Moment nichts dazu sagen, weil uns kein konkretes Konzept vorliegt und wir in die Pläne auch nicht eingebunden wurden", sagt Michael Kerskens vom Asta der Uni Duisburg-Essen. Die Münsteraner Studenten wurden zwar informiert. Aber an sich sei die Stiftung ein Projekt des Rektorats, sagt die Asta-Vorsitzende Rabea Duscha.

"Wir müssen sicherlich an der Kommunikation noch was machen", gesteht der Duisburg-Essener Kanzler Rainer Ambrosy ein. In dem Gebührenchaos der letzten Monate habe diese wohl etwas gelitten. Vor einigen Tagen zeigte er dabei, dass es wohl tatsächlich noch einige Hausaufgaben zu erledigen gibt: Als er auf einer Tagung des Stifterverbandes in Bonn sein Stiftungsmodell vorstellte, tat er es wieder nur vor Fachkollegen. Studenten waren nicht im Raum.



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