Studiengebühren Experten kritisieren IQ-Rabatt für Superhirne

Wer einen IQ über 130 hat, muss an der Uni Freiburg keine Studiengebühren zahlen. Auch die Konstanzer Uni gewährt einen Nachlass für Hochbegabte. Allemal ein hübscher Marketing-Gag - aber Kritiker halten soziale Kriterien bei der Campusmaut für sinnvoller.


Uni Freiburg: Her mit den Überfliegern

Uni Freiburg: Her mit den Überfliegern

Der Wettbewerb zwischen Deutschlands Universitäten ist längst eröffnet. Sie kämpfen um millionenschwere Förderung als Elite-Uni, buhlen um die besten Professoren und natürlich auch um die talentiertesten Studenten.

Für Aufsehen sorgte zuletzt die Uni Freiburg, die mit einem besonders umstrittenen Mittel die schlauesten Köpfe in den Breisgau lockt: Dort können Bewerbern die Studiengebühren erlassen werden, wenn sie einen Intelligenzquotienten (IQ) von mehr als 130 nachweisen. Ab diesem Wert gilt jemand als hochbegabt. Kritiker wenden jedoch ein, dass Studiengebühren vor allem aus sozialen Gründen erlassen werden sollten.

"Wir wollen die Hochbegabten auf unsere Universität aufmerksam machen", begründet die Freiburger Uni-Sprecherin Eva Opitz den ungewöhnlichen Rabatt für Superschlaue. Die Hochschule macht dabei klare Vorgaben: So muss der IQ-Wert mit einem nicht länger als drei Monate zurückliegendem Test nachgewiesen werden. Auch die Testarten werden vorgeschrieben. Akzeptiert wird zudem ein Nachweis des Hochbegabtenvereins Mensa. Der Freiburger Prorektor Karl-Reinhard Volz sagte, hochbegabte Mitstudierende in den Vorlesungen und Seminaren neben sich sitzen zu haben, sei ein Geschenk des "Bildungsabenteuers Universität".

Bisher nur eine Handvoll Überflieger befreit

Studenten mit einem IQ von über 130 können eine Gebührenbefreiung für drei Semester beantragen. Im letzten Semester waren das nach Angaben der Universität 21 Freiburger Studenten - nur eine Handvoll also.

Ebenfalls keine Studiengebühren entrichten muss, wer von einem der großen Begabtenförderungswerke unterstützt wird. Dazu zählen die Studienstiftung des deutschen Volkes sowie zehn weitere Stiftungen der Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Arbeitgeber. Sie vergeben Stipendien - doch fast die Hälfte ihrer Stipendiaten erhält nichts außer ein wenig Büchergeld, weil ihre Eltern über genügend Einkommen verfügen.

Auch die Uni Konstanz gibt Hochbegabten einen Gebührenrabatt - was wunderbar zu den Ambitionen beider Hochschulen auf den Status einer Elite-Uni passt. Allerdings hat Konstanz keine genaue IQ-Grenze festgelegt. Voraussetzung ist etwa das Abitur an einer Hochbegabtenschule.

Es gebe eine Reihe von Befreiungsgründen von Gebühren, darunter auch die Hochbegabung, sagt Brigitte Rockstroh, Prorektorin und Psychologie-Professorin. Diese Befreiungen zielten aber vor allem darauf, soziale Ungerechtigkeiten auszugleichen. Ein Grund für eine Gebührenbefreiung kann zum Beispiel - wie auch in Freiburg - die Erziehung kleiner Kinder sein; ausgenommen sind auch Studenten mit mindestens zwei Geschwistern.

Rockstroh mahnt zudem zur Vorsicht beim Umgang mit IQ-Tests. Bei einem solchen Test müsse jeder eine maximale Motivation haben, dürfe also nicht müde oder lustlos sein, sagt die Psychologin. Sonst könne es zu Leistungsschwankungen kommen, und es werde womöglich nur die Tagesform gemessen. Der IQ sei zudem nur ein Baustein der Leistungsbefähigung, dazu kämen andere Kriterien wie das Engagement. Sie spricht sich deshalb zwar nicht gegen solche Tests aus, zeigt sich aber "sehr skeptisch", wenn diese das einzige Kriterium sein sollten.

"IQ als Förderkriterium ungerecht"

Im Wettbewerb um die besten Köpfe misst Rockstroh dem Erlass von Studiengebühren zudem einen geringen Stellenwert bei. Dies sei sicherlich der letzte Grund, warum jemand zu einer Universität gehe, sagt die Professorin. Andere Kriterien wie die Fachqualität seien wichtiger.

Auch Andreas Keller, Hochschulexperte der Bildungsgewerkschaft GEW, zeigt sich überzeugt, dass die Unis in erster Linie mit der Qualität der Lehre um die besten Studenten werben können. Keller bezeichnet es als "abwegig", Studenten anhand eines IQ-Tests Studiengebühren zu erlassen. Wünschenswert wäre vielmehr, wenn es gar keine Gebühren gebe, betont das GEW-Vorstandsmitglied. Wenn es sie aber schon gibt, sollten sie seiner Ansicht nach vor allem aus sozialen Gründen erlassen werden. Als Kriterium schlägt er etwa eine Bafög-Förderung vor. So ganz ernst nimmt er das Lockangebot in Freiburg ohnehin nicht: Das sei "ein bisschen der Marketing-Gag einer Uni", sagt Keller.

Kritiker bezweifeln einen direkten Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Erfolg an der Uni. "Ein hoher IQ ist keine Garantie für Spitzenleistungen im Studium", sagt Irene Mundel vom Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg. Wichtig seien vor allem Persönlichkeit und Motivation eines Studenten, ergänzt Thomas Eckerle vom Institut für Leistungsentwicklung.

Ebenso wie in einigen anderen Bundesländern haben Baden-Württembergs Hochschulen teils feste Vorgaben, teils Spielraum bei der Entscheidung, welche Studentengruppen sie vor der Campusmaut verschonen. So plädiert Elitenforscher Michael Hartmann von der TU Darmstadt für soziale Kriterien anstelle eines Superhirn-Rabatts. Nach seiner Auffassung ist es unsinnig, ausgerechnet die kleine Gruppe von Hochbegabten von Studiengebühren zu befreien.

Bei IQ-Tests schnitten "vor allem diejenigen gut ab, die aus Akademikerhaushalten kommen und entsprechend auf solche Tests vorbereitet sind", argumentierte Hartmann in "jetzt.de". "Wer aus einem sozial schwächeren Umfeld stammt, wird es ungleich schwerer haben." Deshalb sei der IQ als Förderkriterium ungerecht, denn diejenigen, die eine Förderung aufgrund eines bildungsfernen Hintergrunds und fehlender finanzieller Mittel wirklich benötigten, fielen erneut durch das Raster.

jol/AFP



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