Rückkehr des Bezahlstudiums Zur Kasse, bitte

Kommen Studiengebühren in Deutschland zurück? Einzelne Bundesländer weiten die Spielräume der Hochschulen aus. Geschaffen werden sie laut Hochschulmagazin "duz" dort, wo es weniger Widerstand gibt: bei Berufstätigen und Ausländern.

Weiterbildung: Gebühren für lebenslanges Lernen?
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Weiterbildung: Gebühren für lebenslanges Lernen?

Von Jeannette Goddar


Die Front der Befürworter von Studiengebühren kippte in den vergangenen Jahren Land für Land; als letztes Bundesland schaffte Niedersachsen sie zu Beginn des laufenden Wintersemesters ab - und zwar von politischer Seite erstaunlich geräuschlos. Nicht ganz sang- und klanglos wollte der Präsident der Technischen Universität (TU) Braunschweig, Jürgen Hesselbach, sie verabschieden: Pünktlich zum Tag ihrer Abschaffung forderte er ihre Wiedereinführung. Nun weiß Hesselbach auch, dass das die nächsten Jahre nichts werden wird. Für die Zukunft aber prophezeit er: "Für die Ewigkeit abgeschafft sind Studiengebühren nicht. Spätestens im übernächsten Wahlkampf werden sie wieder Thema."

Doch schon viel schneller sind sie nun wieder auf dem Tisch, und zwar durch die Hintertür. Eine Gesetzesreform im grün-rot regierten Baden-Württemberg macht das Bezahlstudium von einer anderen Seite zum Thema: Mit dem vor genau einem Jahr geänderten Landeshochschulgesetz dürfen die dortigen Hochschulen auch weiterbildende Bachelor-Studiengänge anbieten, und zwar kostendeckend. Und auch wenn Ministerin Theresia Bauer (Grüne) dementiert, dass künftig jeder gelernte Kfz-Mechaniker später für sein Ingenieurstudium aufkommen soll, bleibt: Der Weg dafür wäre wohl bereitet.

Angesichts dessen überrascht ein bisschen, wie geräuschlos auch diese Einführung über die Bühne ging. Lediglich ein paar Fachschaftskonferenzen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg warnten vor "sozialer Ausgrenzung" und davor, dass die Aufnahme nicht allen ermöglicht würde. Tatsächlich stellt das Modell - und zwar an Hochschulen, Gesellschaft und Politik gleichermaßen - die Frage nach sozialer Gerechtigkeit ein bisschen anders als allgemeine Studiengebühren: Wie gerecht ist ein Bildungssystem, in dem, wer seit Jahren Steuern zahlt, für sein Studium Tausende Euro hinblättern muss, wer just von der Schule kommt, hingegen nichts? So ist, weitgehend unangefochten, die Lage: Das grundständige Studium ist laut Landeshochschulgesetzen nun allerorten gebührenfrei; der Bereich der Weiterbildung muss ebenso allerorten kostendeckend angeboten werden.

Die Angebote könnten mehr sein

Bemängelt hat das bereits vor mehr als zehn Jahren eine vom Deutschen Bundestag eingesetzte Expertenkommission zur Zukunft des lebenslangen Lernens: Auch nachgeholte Hochschulabschlüsse, fordert deren Abschlussbericht aus dem Jahr 2004, sollten gebührenfrei sein und zudem sollten auch Erwachsene Anspruch auf Bafög haben. Die Forderungen verhallten, wie die so vieler Kommissionen, ungehört. Richtig sei, resümiert der Bildungsökonom Dieter Timmermann, der dieser Kommission einst vorsaß, die Forderung nach wie vor. Und zwar nicht nur aus sozialen Gründen, sondern auch, um überhaupt erst einmal mehr Menschen für das Lernen im Erwachsenenleben zu begeistern: "Auch die Nachfrage nach Weiterbildung könnte größer sein", konstatiert Timmermann.

Und: Die Angebote könnten mehr sein. Seit 1998 ist Weiterbildung laut Hochschulrahmengesetz Kernaufgabe der Universitäten. Dennoch verläuft die Entwicklung eher schleppend. "Zu 80 Prozent bieten deutsche Universitäten nach wie vor klassische Präsenzstudiengänge für Menschen, die gerade von der Schule kommen", bemängelt die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Weiterbildung, Beate Hörr. Das, so Hörr, werde weder dem steigenden Bedarf an Kompetenzerwerb im Verlauf eines Erwerbslebens gerecht noch dem Bologna-Prozess. Der nämlich fordert nicht nur Bachelor und Master und ein europaweit vergleichbares Punktesystem zwecks Schaffung von mehr Durchlässigkeit und Mobilität. Sondern auch die Öffnung der Hochschulen für Berufstätige und die Möglichkeit, sich dort, Modul für Modul, ein Leben lang zu bilden und weiterzubilden. "Wenn wir damit ernst machen", erklärt Hörr, "dann gibt es gar keine Weiterbildung mehr - jeder könnte jederzeit an der Uni einsteigen." Spätestens dann wäre die Trennung zwischem gebührenfreiem und kostenpflichtigem Studium perdu.

"Die Zeiten der Bildung von der Stange sind vorbei"

Solange die Hochschulen das nicht recht ernst nahmen und ihr Angebot auf teure Master-Studiengänge für Menschen, die schon einen Hochschulabschluss haben, beschränkten, fiel all das nicht weiter auf. Doch die Zeiten ändern sich zurzeit aufgrund der Förderung durch den Bund-Länder-Wettbewerb "Aufstieg durch Bildung". Denn es gibt Geld: Eine Viertelmilliarde Euro stehen bis 2020 bereit. Ein Blick auf die Modelle macht deutlich, wie sehr Universitäten sich ändern würden, wenn sie das erst nehmen. So plant die Technische Universität (TU) Ilmenau in Thüringen Module, die nicht nur Ingenieure mit Bachelor- oder Master-Abschluss weiterbringen, sondern auch "Absolventen von Fachhochschulen und Berufsakademien, Meistern und Facharbeitern mit und ohne Abitur offenstehen". Um erfolgreich zu sein, erklärt der Prorektor für Bildung, Jürgen Petzoldt, solle jeder "ein Angebot, das auf seine Vorbildung zugeschnitten ist, und die Betreuung, die er braucht", bekommen. 2,7 Millionen Euro hat die TU Ilmenau dafür eingeworben. Irgendwann wird das Geld alle sein. Am Ende gelte, gibt Petzoldt unumwunden zu: "Was wir an Zusatzleistungen bringen, wird kostenpflichtig sein müssen."

Einen weiterbildenden Bachelor wie in Baden-Württemberg plant Ilmenau bisher nicht; zurzeit gibt das thüringische Landeshochschulgesetz das auch nicht her. Vor Baden-Württemberg hat lediglich Bayern 2011 den "berufsbegleitenden Bachelor" ins Leben gerufen - der allerdings im Wortlaut deutlicher macht, dass er neben dem Beruf studierbar sein muss. Weitere neue Landeshochschulgesetze stehen an. Weiterbildungsbefürworter wie Beate Hörr haben sich ohnehin längst entschieden: "Solange es den weiterbildenden Bachelor nicht gibt, ist das keine Hochschule des lebenslangen Lernens. Die Zeiten der Bildung von der Stange sind vorbei." Und Gebührenbefürworter wie Jürgen Hesselbach wittern bereits Morgenluft: Ein Modell weiterbildender Bachelor "könnte sich als Einfallstor für die Wiedereinführung von Studiengebühren herausstellen".

Erstaunlich geräuschlose Einführung

Das gilt insbesondere, weil sich eine zweite Front formiert: jene, die fordern, von denjenigen Gebühren zu verlangen, die zwecks Studium nach Deutschland kommen und nicht dem Gleichbehandlungsgebot unterliegen: internationale Studierende aus Nicht-EU-Ländern. Auch hier ließ das grün-rote Baden-Württemberg 2013 die Debatte wiederaufleben; damals philosophierte die Grünen-Fraktionschefin Edith Sitzmann in der Stuttgarter Presse über bis zu 1000 Euro pro Semester; und darüber, dass "diejenigen, die aus den USA oder Asien zu uns kommen, nicht aus den ärmsten Elternhäusern" stammen.

Jürgen Hesselbach attestiert eine "gewisse Logik" und fragt: "Warum sollte man jene, die für eine gute Ausbildung nach Deutschland kommen, nicht auch zur Finanzierung heranziehen?" Kollege Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München, springt schnell bei: "Wir dürfen den Wettbewerb, in dem wir stehen, nicht mit Einrichtungen im Sozialwesen verwechseln: Warum sollte jemand, der später unter Umständen in der Schweiz Arzt wird, in Deutschland für eine hervorragende Ausbildung keine Gebühren bezahlen?" Das gelte erst recht, weil man den Studierenden etwas bieten müsse: "Eine Wohnmöglichkeit, Sprachkurse, umfassende Betreuung. Passgenaue Dienstleistungsangebote müssen etwas kosten - wie soll es sonst gehen?"

Darüber, ob es zulässig ist, internationale Studierende anders zu belasten als deutsche, wird mittlerweile auch juristisch debattiert: Während der Münsteraner Verwaltungsrechtler Wilhelm Achelpöhler jüngst zu einem "Nein" kam, kommt ein von Baden-Württemberg beauftragtes Gutachten des Mannheimer Völkerrechtlers Eibe Riedel nun zu dem gegenteiligen Schluss. Den Praxistest macht die Hochschule für Musik und Theater Leipzig, die 2013 im Alleingang Gebühren für internationale Nicht-EU-Studierende einführte: 1800 Euro pro Semester. Auch deren Einführung verlief erstaunlich geräuschlos.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
schgucke 13.04.2015
1. was und wo?
kennt jemand einen Link, wo man sich umfassend über staatliche grundständige Studiengänge, Master-Studiengänge, online- und Fernstudienangebote informieren kann? das wäre sehr hilfreich, vielen Dank.
jdm11000 13.04.2015
2. Studiengebühren - ja, aber nur...
... wenn dann auch das kommt, was notwendig ist: die Garantie, daß der Student auch besteht. Es geht nicht an, daß man für etwas bezahlen soll, aber die Leistungspflicht der Hochschule existiert dann nicht. Überfüllte Hörsääle, kein ausreichendes Studienmaterial, nicht genügend Lehrpersonal, gelangeweilte und arrogante Professoren usw. Ein Mißstand, der eben nicht dann auch noch von den Studenten bezahlt werden soll. Wir nehmen uns ja immer die Ami's als Beispiel: dort gilt: wer bezahlt hat ein Anrecht auf den Abschluß. Wieso wir hier nur nicht den Ami's nachlaufen? Jeden anderen Quark machen wir doch auch nach.
tomymind 13.04.2015
3.
Warum sollen Ausländer nicht zahlen müssen? Die meisten müssten das Studium in ihrer Heimat auch bezahlen
uventrix 13.04.2015
4. Master parallel zum Beruf
Also berufsbegleitende Master oder Sachverständigen Studiengänge als Fernstudium in Zusammenarbeit mit einer örtlichen Uni kosten ca. 3000 EUR pro Semester. Das ist schon stramm und dürfte für diejenigen die das nicht vom Arbeitgeber gesponsort bekommen nicht drin sein.
marthaimschnee 13.04.2015
5.
und gleichzeitig wird über Fachkräftemangel gejammert. Und da stellt sich auch nicht die Frage, warum die gut ausgebildete Fachkraft zum Nulltarif in die Schweiz geht, sondern warum die gut ausgebildete Fachkraft mit Lohndumping und miesen Arbeitsbedingungen aus Deutschland vertrieben wird.
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