Britische Uni-Reform Hohe Studiengebühren können teuer werden für den Staat

Wenn die Studenten mehr zahlen, muss der Staat weniger für die Bildung ausgeben. So rechnete die britische Regierung, als sie die Studiengebühren drastisch erhöhte. Jetzt zeigt sich: Es könnte ein Minusgeschäft für den Staat werden. Denn Uni-Darlehen, die er bereitstellt, werden oft nicht zurückgezahlt.

Proteste in London (Archiv): Zehntausende demonstrierten gegen höhere Studiengebühren
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Proteste in London (Archiv): Zehntausende demonstrierten gegen höhere Studiengebühren


Drastisch ging die britische Regierung vor, als sie die Höchstgrenze für Studiengebühren hochsetzte. Drastisch waren die Proteste dagegen. Und einigermaßen überraschend sind die Auswirkungen der Reform für die Staatskasse.

Wie der "Guardian" berichtet, muss das Finanzministerium damit rechnen, dass die Gebührenerhöhung dem Staat nicht mehr Geld einbringt. Denn der Zeitung zufolge steigt der Anteil der Studenten rasant, die ihre Staatsdarlehen nicht zurückzahlen können.

Die konservativ-liberale Regierung hatte die Gebührenhöchstgrenze von 3000 Pfund auf 9000 Pfund hochgesetzt, das entspricht umgerechnet etwa 3600 bzw. 10.750 Euro. Zugleich strich sie die Investitionen für Hochschulen zusammen. Allerdings bedeuten höhere Gebühren auch höhere Studentenkredite aus der Staatskasse. Und von diesem Geld sieht die Regierung laut "Guardian" weniger wieder als bisher angenommen.

Bereits vor gut einem Jahr hatten Hochschulexperten des Institute for Public Policy Research (IPPR) ausgerechnet, dass etwa 40 Prozent der Darlehen nicht zurückgezahlt werden. Die Regierung war bis dahin von höchstens 34 Prozent ausgegangen. Jetzt berichtet der "Guardian", man müsse sogar mit 45 Prozent rechnen.

Der Staatsminister für Hochschulen und Wissenschaft, David Willetts, räumte demnach ein, der Prozentsatz nähere sich schnell der Marke von 48,6 Prozent - bei diesem Punkt würde die Staatskasse mehr Geld verlieren als sie durch die Reform gegenüber dem alten System spart.

In England vergibt die öffentliche Student Loans Company günstige Darlehen an nahezu alle einheimischen Vollzeitstudenten für Studiengebühren und Lebenshaltungskosten. Sie müssen erst ab einem Einkommen von umgerechnet rund 25.000 Euro stufenweise zurückgezahlt werden - und höchstens 30 Jahre lang. Danach wird die ausstehende Summe abgeschrieben.

otr

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pitgiss 22.03.2014
1. Hat Methode...
Es ist nur der Versuch via Kreditschulden einen noch größeren Teil der Bevölkerung auszupressen. Es muss sich eben alles lohnen im Turbokapitalismus.
wurstball 22.03.2014
2. Das gilt auch anderweitig
Ich habe in NRW studiert und im Laufe von Bachelor und Maser etwa 4800 Euro Studiengebühren bezahlt. Dank angenehmer Nebenjobs (zeitlich flexible Informatik-Tätigkeiten von zu Hause) und Unterstützung des Elternhauses ging das sich ganz gut aus. Einige Mitstudenten hatten weniger Glück und landeten in Jobs, die ihr Studium behindert haben. Nebenwirkung: Längere Studiendauer. So weit, so klar. Im ersten Jahr meine Berufstätigkeit nach dem Studienabschluss habe ich 9500 Euro an Steuern gezahlt (v.a. Lohnsteuer) und 4500 Euro an Sozialabgaben. Es ist wohl offensichtlich, was der Staat davon hat, wenn er mit Studiengebühren die Studiendauer verlängert: Ein richtig dickes Minus. Und so nebenbei arbeiten in diversen Uni-Städten jetzt nur noch Studenten z.B. in der Gastro, weil sie alle an Geldmangel leiden. Reguläre Arbeitnehmer gucken in die Röhre und beziehen jetzt vielleicht sogar Transferleistungen.
fuerbrie 22.03.2014
3.
Ich empfinde darüber nur Schadenfreude! Das zeigt leider auch, dass sich ein Studium immer weniger finanziell auszahlt. Was der ursprüngliche Grund für die Einführung der Gebühren war. Man dachte, die Studenten können das später ohne Probleme zurückzahlen. Dem ist nicht so. Die Unternehmen profitieren, weil sie hoch qualifizierte Arbeitskräfte bekommen, aber sie zahlen nicht immer einen angemessenen Preis. Einige der 45% dürften arbeitslos sein, aber die meisten werden zu einem niedrigen Lohn arbeiten müssen, der unter der Rückzahlungsgrenze liegt.
prefec2 22.03.2014
4. Eine Reihe von Missverständnissen
Zitat von wurstballIch habe in NRW studiert und im Laufe von Bachelor und Maser etwa 4800 Euro Studiengebühren bezahlt. Dank angenehmer Nebenjobs (zeitlich flexible Informatik-Tätigkeiten von zu Hause) und Unterstützung des Elternhauses ging das sich ganz gut aus. Einige Mitstudenten hatten weniger Glück und landeten in Jobs, die ihr Studium behindert haben. Nebenwirkung: Längere Studiendauer. So weit, so klar. Im ersten Jahr meine Berufstätigkeit nach dem Studienabschluss habe ich 9500 Euro an Steuern gezahlt (v.a. Lohnsteuer) und 4500 Euro an Sozialabgaben. Es ist wohl offensichtlich, was der Staat davon hat, wenn er mit Studiengebühren die Studiendauer verlängert: Ein richtig dickes Minus. Und so nebenbei arbeiten in diversen Uni-Städten jetzt nur noch Studenten z.B. in der Gastro, weil sie alle an Geldmangel leiden. Reguläre Arbeitnehmer gucken in die Röhre und beziehen jetzt vielleicht sogar Transferleistungen.
Der Klassiker in Deutschland. Besonders betreffend ihrer Kommilitonen. Was man aber nicht vergessen darf. Die Briten zaheln 9000 Pfund pro Jahr also nicht insgesamt. Ein Paper-und-Pencil Studium in Deutschland kostet den Staat ca. 3000 € pro Student und Jahr. Sobald es mehr geben soll, also Labore, Gruppenarbeitsplätze usw. ist man schnell auf 4500 bis 6000 €. Für Chemie werden z.b. 10000 € fällig. Pro Jahr. bei einem Studium ohne Verzögerung sind das 15-50 Tausend €. Diesen Betrag muss erst mal wieder durch Steuern reinkommen. Da muss auch ein alter Informatiker lang für stricken. Zudem muss er ja auch für all die anderen Staatsdinge zahlen, wie Straßen, Sicherheit usw. Zudem zahlt das nicht der Staat, das zahlt die Gesellschaft. Also alle anderen. Der Staat sammelt nur das Geld ein und verteilt es wieder. Aber das spielt keine Rolle in der Argumentation, weil Bildung Menschenrecht ist und es einem schlicht zusteht zu studieren. Davon abgesehen hat die Gesellschaft auch etwas davon wenn ihre Mitlgieder gut ausgebildet sind, weil sie dann entsprechend produktiv sind. Was die Studiengebühren in Deutschland betrifft: Das war ein Versuch die Bildung zu kommerzialisieren. Aber, schon bei 5000 EUR sind die Leute ausgeflippt und die Studentenstruktur hat sich negativ verändert. BTW der Semesterbeitrag sind keine Studiengebühren. Diese dienen dazu das Essen in der Mensa günstig zu halten, den AStA zu finanzieren und das Semesterticket zu bezahlen.
muehle1990 22.03.2014
5. Studienkredit auch für Deutsche
Dank EU steht der Studienkredit auch EU Ausländern, mithin Deutschen offen, ein Vorteil für die britische Industrie beim Kampf um die besten Köpfe.
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