SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Juni 2002, 11:33 Uhr

Studiengebühren in Großbritannien

Blair plant Erhöhung statt Abschaffung

Selbst die eiserne Margaret Thatcher schreckte vor Studiengebühren stets zurück. Sozialdemokrat Tony Blair indes hält daran schon seit vier Jahren fest und plant jetzt offenbar sogar, sie zu erhöhen - obwohl er noch im vergangenen Jahr unter massivem Druck der Studenten die Rücknahme versprochen hatte.

Demo im Februar 2002: Jetzt sammeln die Studenten Unterschriften
AFP

Demo im Februar 2002: Jetzt sammeln die Studenten Unterschriften

Die Argumentation der britischen Regierung pro Studiengebühren ist denkbar einfach: Tatsache sei, dass Hochschulabsolventen einen fundamentalen Nutzen aus ihrem Abschluss zögen. Sie verdienten im Durchschnitt 35 Prozent mehr als Arbeitnehmer ohne Examen und seien zudem nur halb so gefährdet, arbeitslos zu werden.

Ganz anders sehen das Studentenvertreter auf ihrer Website PayUpTony.com. Sie setzen online eine Protestaktion vom Februar 2002 fort, bei der die Nationale Gewerkschaft der Studenten (NUS) über 10.000 Unterschriften für die Abschaffung der Studiengebühren in Downing Street 10 abgegeben hatte.

Über 6000 Besucher verzeichnet die Website seitdem täglich, knapp 75.000 haben bisher abgestimmt. Die Studenten geben dabei an, wie viel Schulden sie für ihre universitäre Ausbildung auf sich nehmen mussten. Über 925.000 Millionen Pfund, etwa 1,5 Milliarden Euro, haben die Studenten bei PayUpTony als Gesamtsumme des Schuldenbergs ermittelt - für die Absolventen keine schönen Aussichten beim Start ins Berufsleben. Auch das Deutsche Studentenwerk hält das britische Gebührenmodell angesichts der gigantischen Schuldenlast für gescheitert.

Online-Protest: Nicht nur Blair stehen die Haare zu Berge

Online-Protest: Nicht nur Blair stehen die Haare zu Berge

Doch derzeit erwägt die britische Regierung sogar - in Deutschland bislang undenkbare - Höchstgebühren für Spitzenuniversitäten. Die seien für den Studienstandort England schon wegen der Konkurrenz zu den USA erforderlich, sagt Sir Richard Sykes.

Der Rektor des Imperial College und Wissenschafts- und Technologieberater der Regierung bedauert, dass britische Unis und Colleges jährlich nur 1.100 Pfund jährlich verlangen dürften. Amerikanische Universitäten seien durch deutlich höhere Gebühren in der Lage, mehr Forschungsmittel zur Verfügung zu stellen - und somit im Vorteil beim Kampf um die besten Köpfe beim wissenschaftlichen Nachwuchs.

Schatzkanzler Gordon Brown und Hochschulministerin Margarete Hodge machen den gebeutelten Studierenden keine Hoffnung. Zwar sollen die vor zwei Jahren abgeschafften Stipendien wieder eingeführt werden, um finanzschwachen Studenten das Studium zu erleichtern. Doch die Pläne zur Rücknahme der Studiengebühren scheinen gänzlich vom Tisch.

Bisher demonstrierten die Studenten vergeblich
AP

Bisher demonstrierten die Studenten vergeblich

Waren alle Studentenproteste vergeblich? Die Studentengewerkschaft NUS ist angesichts der drohenden Gebührensteigerungen alarmiert. Höchstgebühren würden die Kluft zwischen reichen Studenten, die sich teure Studiengänge leisten können, und armen, die nur die billigsten belegen, weiter vergrößern, meint der Vorsitzende Owain James.

"Wenn diese Regierung entscheidet, Höchstgebühren einzuführen, dann wird sie das teuerste Bildungssystem der Welt haben - ein erstaunliches Erbe für eine Labour-Regierung", sagt James. Eine Entscheidung aus dem britischen Unterhaus ist erst im Juli zu erwarten.

Patricia Batlle

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung