Studiengebühren in NRW Seid umschlungen, Millionen

Die ausgezehrten Hochschulen brauchen die Campusmaut dringend. Wirklich? Mal geben sie das Geld sinnvoll für Tutorien und Lehraufträge aus, mal kaufen sie davon Stühle, Schilder, Schließfächer - ein Kassensturz mit Spurensuche im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Von und Britta Mersch


P.08.07 - das ist an der Bergischen Universität Wuppertal die Anlaufstelle für die Verzweifelten. Hinter dieser Zimmernummer, gleich neben dem Rektorat, arbeitet Carolin Sonnenschein. Offiziell leitet sie die Geschäftsstelle des im vergangenen Jahr eingerichteten Prüfgremiums, das an der Wuppertaler Uni die Verwendung der Studiengebühren überwacht. Inoffiziell und weit über ihren Arbeitsauftrag hinaus ist die 29-Jährige damit aber auch Kummerkastentante und Info-Stelle, wenn Studierende im Hochschulalltag nicht mehr weiterwissen.

"Die Probleme der Kommilitonen sind ganz unterschiedlich gelagert", erzählt Sonnenschein. "Da gibt es Erstsemester, die haben sich aus Angst vor Verzug im Studium den Stundenplan mit 28 Semesterwochenstunden vollgeknallt." Andere stehen kurz vor dem Examen, ihnen fehlt nur noch ein einziger Kurs, doch ausgerechnet der ist ausgebucht. Und der Nächste beschwert sich, "dass der Wickelraum in seinem Fachbereich noch nicht eingerichtet wurde".

Ein breites Spektrum. Sonnenschein muss entscheiden, wen sie an die normale Studienberatung verweist, wer Antworten beim Studentenwerk bekommt - und wer tatsächlich eine Verbesserung einfordert, die ihm für seine Studiengebühren zusteht.

Frisches Geld für Elektroarbeiten, Bestuhlung, Beamer

Denn das nordrhein-westfälische Hochschulgesetz verpflichtet die Unis und Fachhochschulen, die seit dem Sommersemester 2007 erhobenen Studiengebühren ausschließlich zur Verbesserung der Lehre einzusetzen. In den übrigen Bundesländern, die den Obolus eingeführt haben, gelten ähnliche Regeln.

140 Millionen Euro aus studentischen Portemonnaies flossen in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Wintersemester an die Hochschulen - viel Geld in Zeiten klammer Kassen. Von Studenten werden diese Zahlungen hartnäckig als "Gebühren" bezeichnet, vom zuständigen Wissenschaftsministerium ebenso hartnäckig als "Beiträge". Und weil zwischendurch der böse Verdacht aufkam, die Unis wollten einfach nur ihre Haushaltslöcher füllen, legen die meisten Hochschulen mittlerweile Rechenschaft über die Verwendung dieser Einkünfte ab. Der Streit um den sinnvollen Einsatz des Geldes ist damit keineswegs vorbei.

Die Rechenschaftsberichte klingen manchmal kurios, lassen aber Rückschlüsse auf den Zustand der Hochschulen und ihre jahrelange Unterfinanzierung zu: So wurden etwa an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen "Elektroarbeiten" im Audimax ausgeführt und im Hochschulsportzentrum im Hörsaal R112 "Modernisierung, Bestuhlung, Beamer" von den Gebühren bezahlt. Noch in Bearbeitung ist außerdem das Projekt "System. Hörsaalbezeichn., Beschilderung".

Viele Studenten haben sich mit Gebühren abgefunden

Die Uni Bonn setzt die Studentengelder unter anderem für die Erneuerung der Schließfächer im Juridicum ein, und Wuppertaler Studenten dürfen sich über mehr Licht im Kinosaal freuen: Im örtlichen Cinemaxx, das die Uni für Großvorlesungen mietet, wurde im Januar "zu Testzwecken" eine Zusatzbeleuchtung installiert.

Doch was davon ist eine sinnvolle Verbesserung der Studiensituation, und was gehört - wie etwa Elektroarbeiten und Bestuhlung - zur Grundausstattung einer Uni?

André Schnepper und seine Mitstreiter vom studentischen Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) durchforsten die Rechenschaftsberichte, "und immer wieder stoßen wir dabei auf äußerst fragwürdige Projekte". Beispielsweise dann, wenn die Kölner Wirtschaftswissenschaftler ihr gesetzlich vorgeschriebenes Akkreditierungsverfahren für die Bachelor- und Master-Studiengänge aus Studiengebühren bezahlen wollen oder wenn eine Uni 25.000 Euro für die Abwehr eventueller Anti-Gebühren-Klagen zur Seite legt. Mit der Verbesserung des Lehrbetriebs hat das tatsächlich gar nichts mehr zu tun.

Während viele Studierende rund um das Gebührenurteil des Bundesverfassungsgerichts im Januar 2005 auf die Straße gingen und in den vergangenen Semestern immer mal wieder wütende Boykottaufrufe veröffentlicht wurden, haben sich die meisten Betroffenen mit dem Bezahlstudium abgefunden - vielleicht auch deshalb, weil ihnen kaum etwas anderes übrigbleibt.

Gelobt sei, was den Studienalltag erleichtert

"Natürlich ist die Sozialverträglichkeit von Studiengebühren ziemlich fragwürdig", sagt etwa Hans Christian Lüer, Sprecher des Asta an der RWTH Aachen, "andererseits muss man aber auch feststellen, dass sich die Studiensituation gebessert hat." Als Beispiel nennt der 22-Jährige die von vielen Fachbereichen eingeführten zusätzlichen Tutorien und Lehraufträge sowie Software-Lizenzen für professionelle Programme, die allen an der RWTH eingeschriebenen Studenten zugutekämen.

Als sinnvoll gilt den meisten Studenten all das, was den Uni-Alltag leichter macht: vom Beamer im Hörsaal bis zu besseren Betreuungsangeboten, von zusätzlichen Veranstaltungen bis zur Sonntagsöffnung der Bibliothek. Skepsis allerdings kommt dann auf, wenn Hochschulen ihre gestiegenen Heizkosten mit den Gebühren bezahlen, neue Werbe-Flyer für bestimmte Studienangebote drucken oder generelle Rücklagen für den Haushalt bilden wollen.

"Die Gebühren sind ein Faktum. Auch wenn wir dagegen klagen, müssen wir uns mit ihrer Verwendung auseinandersetzen und zusehen, dass sie sinnvoll eingesetzt werden", zeigt sich auch Altan Ari, Asta-Vorsitzender der Fachhochschule Münster, pragmatisch. Gebühren lehnt er zwar generell ab - aber wenn das Geld schon da ist, soll es wenigstens ordentlich verteilt werden.



insgesamt 1214 Beiträge
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Seite 1
Anke, 11.06.2008
1.
keine Studiengebühren. Die Studenten zahlen ohnehin schon Verwaltungsgebühren und ihr Semesterticket. Bei letzterem unterscheiden sich die Beträge abhängig vom Verhandlungsgeschick der Uni mit den ansässigen Nahverkehrsunternehmen ganz erheblich in Höhe und Reichweite. Ein Studium ernsthaft betrieben erfordert eine 60-Stunden-Woche. Meines Erachtens sollten Studenten deshalb während ihres Studiums finanziell unterstützt werden - und zwar alle - um die Notwendigkeit des Nebenjobs zu minimieren und die Möglichkeit, das Studium innerhalb der gesetzten Regelstudienzeit abzuschließen zu maximieren. Nach Beendigung des Studiums sollten die frischgebackenen Absolventen ihrerseits die während ihres Studiums entstandenen Kosten zurückzahlen - innerhalb eines festzulegenden Zeitraumes selbstverständlich und in einem angemessenen Rahmen.
eiffe, 11.06.2008
2.
Lösung: Studiengebühren abschaffen. So wäre eine weitere Hürde, ein Studium zu beginnen, beseitigt. Gegenüber anderen Industrienationen könnte man die Studentenzahl noch ordentlich steigern. Die Universitäten sollten mit den Steuergeldern der Allgemeinheit finanziert werden, schließlich sind es auch die Studenten, die später einen nicht unerheblichen Teil an Steuern zahlen. Auch ansonsten sind viele Studierende eine Bereicherung für die Gesellschaft, Bildung schützt vor vielerlei Ungemach. Ob steuerfinanzierte Universitäten auch "Eliteuniversitäten" im weltweiten Vergleich werden können, hängt allein von der Menge der Gelder und der Organisation ab.
jojo1987 11.06.2008
3. ...
Wie in einigen Bundesländern praktiziert, ist es doch sehr sinnvoll, Dauerstudenten (also ab Regelstudienzeit + x Semester) zahlen zu lassen. Das Erststudium muss kostenlos bleiben, denn in Deutschland werden händeringend hochqualifizierte Kräfte gesucht, und die bekommt man gewiss nicht, indem man weitere Hürden aufstellt. (Abgesehen davon, dass hochqualifizierte Kräfte später meist mehr verdienen und somit mehr Steuern zahlen + die Wirtschaft ankurbeln) Was mich aber wirklich ärgert, sind die Einzellösungen je Bundesland. Es sollte eine einheitliche Regelung beschlossen werden, denn nichts ärgert mich mehr, wenn ich hier (in Hessen) Studiengebühren zahlen muss, während Berliner Studenten umsonst studieren - wenn man daran denkt, wieviel Geld Berlin vom Bund und über Solidarausgleich etc. bekommt, eine wirkliche Frechheit
karaokefreak01 11.06.2008
4. Gebühren: Ja! - So hoch: Nein
Ich sehe durchaus einen Sinn in Studiengebühren, sofern sie auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Allerdings verstehe ich die Höhe von 500 Euro nicht. Ich selbst erwäge gerade zu studieren, doch was mich davon abhält, sind die Kosten. Denn neben der Kampusmaut muss ich schließlich noch Bücher kaufen (und selbst das kopieren meines Materials kostet ein Schweinegeld) und irgendwie sollte ich vllt. noch in der Lage sein, meine Miete zu bezahlen. Und jetzt soll mir bitte keiner mit einem Studentenkredit ankommen. Aufgrund meiner finanziellen Lage bin ich nicht kreditwürdig, bekomme also von niemandem eine Anleihe. Um zu studieren und nebenbei nicht am Hungertuch nagen zu müssen, benötige ich also einen Vollzeit-Job, denn mit 400 Euro monatlich wird das ja schonmal mal nix. Demnach kann ich also schonmal 10 - 12 Semester einplanen, oder wie?!? Somit ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich nicht studieren KANN, obwohl mir der Staat Bildung zusagt und ich die nötige Qualifikation habe. Herzlichen Dank!
barry60 11.06.2008
5. Stipendien!
Zitat von sysopStudiengebühren bleiben in der Diskussion. Welches ist Ihrer Meinung nach die beste Lösung zur Finanzierung des Hochschulstudiums?
Die beste Lösung sind in meinen Augen viel mehr Stipendien. Und nicht nur für Abiturienten mit 1,0 - 1,3. Hier muss m. E. seitens der Wirtschaft umgedacht werden. Nicht jeder Abiturient mit 3,3 ist schlechter als mit 1,0. Es muss hier viel differenzierter gedacht werden. Es gab z. B. in unserem Studiengang eine Menge Leute, die mit 1,x abgeschlossen haben, die ich aber nie und nimmer in meinem Unternehmen haben wollen würde, da sie praktisch fast nicht zu gebrauchen sind. Ich denke, so ähnlich sieht es auch mit Abiturienten aus. Aber solange fast überall nur die Note zählt, ist sowas anscheinend nicht möglich.
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