Studiengebühren "Mei, die Eltern können das bezahlen"

Heute hat auch Bayern Studiengebühren beschlossen, ab Sommer 2007 müssen die über 200.000 Studenten zahlen. Denen aber scheint das ziemlich egal zu sein. Protestaktionen nehmen sie kaum wahr - selbst wenn ein Latex-Landesvater vor der Münchner Uni kegelt.

München - Edmund Stoiber steht seit zehn Minuten vor der Münchner Universität. In den Händen hält er eine schwarze Kugel in der Größe einer Wassermelone. Doch keiner nimmt von ihm Notiz. Studenten eilen in ihre Vorlesungen, liegen auf dem frisch geschnittenem Rasen in der Sonne oder tauschen Skripte aus.

Das Double unter der Stoiber-Gummimaske und im beigefarbenen Stoiber-Anzug schwitzt. Auf der schwarzen Kugel steht in weißer Schrift "500 Euro", der geplante bayerische Höchstbetrag für Studiengebühren. Mit der Kugel versucht der Latex-Landesvater nun, überdimensional große Kegel zu treffen: "Studierende aus einkommensschwachen Familien" steht darauf. Oder "Freiheit der Lehre". Oder auch einfach "Demokratie". Aber weil es windig ist, kippen die Kegel meist schon ganz von allein um.

Während die bayerischen Grünen-Fraktionschefs Margarete Bause und Sepp Dürr "Demokratie" und "Recht auf Bildung" vorm Umkippen bewahren, steht Ulrike Gote, hochschulpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, am Rand und ärgert sich: "Viele hier haben die Dimension noch gar nicht verstanden."

Interessenvertretung verquer: Die Grünen streiten für eine Klientel, die davon gar nichts wissen will. Seit Tagen schon mühen sich die Oppositionsparteien, mühen sich einzelne Vertreter der bayerischen Asten um studentische Aufmerksamkeit gegen das Studiengebühren-Projekt der Staatsregierung. Doch die Frustration steigt Tag für Tag: "Naja, die Grünen haben das hier vielleicht ein bisschen zu kurzfristig angekündigt", sagt anfangs Thomas Honesz, hochschulpolitischer Referent des Asta München.

Der Protest fällt aus

Dann aber gibt er zu: "Mei, viele sagen halt, dass ihre Eltern das bezahlen können. Das werden jetzt immer mehr." Was Honesz enttäuscht, haben Statistiker auf den Punkt gebracht: Nach Zahlen des Studentenwerks studieren 81 von 100 Kindern aus "hoher" sozialer Herkunft. Hingegen schafft es nur jedes zehnte Kind aus sozial "niedrig" gestellten Familien an die Hochschulen.

Zum Wochenanfang hatte die bayerische SPD Asta-Vertreter aus ganz Bayern in den Landtag geladen. Beinahe verschwörerisch traf man sich in der Pfalzstube, einem Kellergewölbe tief unterm Plenarsaal. "Die Studenten san' sehr passiv", war die einhellige Meinung. Angekündigt wurden deshalb bunte Aktionen, man wolle "die Leute über Musik zum Protest hinführen": Für den 31. Mai ist ein Rockkonzert auf dem Münchner Marienplatz geplant.

In der Nacht zur entscheidenden Landtagsabstimmung am Donnerstag besetzte ein Dutzend Studenten mit Matratzen den wegen der Geschwister Scholl geschichtsträchtigen Lichthof der Uni München und rief die "Uni-WG" aus. Motto: "Wir lassen uns nicht vertreiben."

Am nächsten Morgen sind sie etwas derangiert, die Nacht war kurz. Und die Kommilitonen interessiert es nicht. Das tapfere Dutzend wird nicht mal die Flugblätter los: "Hey, das ist eure letzte Chance", ruft ein Mädchen mit von der Nacht zerzausten Haaren ihren desinteressierten Kommilitonen hinterher.

"Tiefgreifendste Reform des Hochschulrechts"

Derweil wirbt im Landtag Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) noch einmal für "die tiefgreifendste Reform des Hochschulrechts seit 1973". Die Hochschulen erhielten in Zukunft mehr Autonomie, sagt Goppel. Und er versichert mit energischer Stimme, dass die Studienbeiträge der Studierenden "zusätzliche Mittel" seien, dass sie "nicht zur Absenkung der staatlichen Mittel animieren dürfen" und bei den Unis verbleiben sollen. Der CSU-Abgeordnete Ludwig Spaenle hält die Gebühren dann noch für "wissenschaftspolitisch geboten und sozialpolitisch vertretbar".

Das aber sei "eine Lüge", empört sich die Grüne Ulrike Gote und attackiert das von der CSU ins Gespräch gebrachte Modell eines Studiengebührenerlasses für sozial engagierte Studenten: "Die Kinder der Reichen fahren am Nachmittag mit ihrem BMW-Cabrio auf den Golfplatz, während die klugen Kinder der Armen für die Alten einkaufen gehen und den Rasen mähen!"

Am späten Nachmittag stimmt die CSU-Fraktion mit ihrer überwältigenden Mehrheit für die Einführung von Studiengebühren. Wie zuvor schon in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ist die Einführung jetzt beschlossene Sache. Von der Tribüne aus sehen studentische Vertreter kopfschüttelnd zu. Vor der Abstimmung haben sie noch Flugblätter an die CSU-Abgeordneten verteilt und an deren freies Mandat und Gewissen appelliert. Die Asta-Abgesandten kommen aus ganz Bayern, sie vertreten über 200.000 Studenten. Sie füllen noch nicht mal eine Besucherbank, wie sie da zu zehnt nebeneinander sitzen.

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