SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. April 2007, 20:55 Uhr

Studiengebühren-PR

Start unter falscher Flagge

Von und

Die Mail klingt nach studentischem Start-Up: Eine neue Homepage "von Studenten für Studenten" wolle klären, wie Unis Studiengebühren verwenden und was die Studenten davon halten. Doch dahinter verbergen sich PR-Profis - von der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

"Liebes AStA-Team, am 10. April startet unicheck.de", heißt es einer Mail von Anfang April an verschiedenen Studentenvertretungen, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Ein gewisser Thorsten Schröder schreibt darin: "Unicheck ist von Studenten für Studenten und bewertet Universitäten u.a. danach, wie gut oder schlecht sie die Studiengebühren verwenden." Im übrigen sei er für eine schnelle Antwort, gerne auch per Telefon, dankbar, bitte aber ohne Grundsatzdebatten: "Wir diskutieren nicht mehr, ob Gebühren oder nicht, sondern jetzt sind sie da und wir schauen, was wird mit Eurem Geld gemacht."

Logo von "Unicheck.de": PR unter studentischem Deckmantel

Logo von "Unicheck.de": PR unter studentischem Deckmantel

Was beim ersten Lesen nach einer neuen Service-Idee studentischer Jung-Unternehmer im Web klingt, hat in Wirklichkeit mit dem Konzept "von Studenten für Studenten" nur wenig zu tun. Denn die Domain unicheck.de wurde am 11. Januar 2007 von Jan Loleit bei der DENIC, dem nationalen Verwalter für Webadressen, registriert.

Und Loleit ist nicht etwa Student, sondern "Chef vom Dienst" bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) – ein von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanzierter Think Tank, der sich nach eigenen Angaben als "branchen- und parteiübergreifende Plattform" versteht und sich "an drei Idealen orientiert, die schon Ludwig Erhard hochgehalten hat: Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Wettbewerb".

Ziel des Portals: Mehr Transparenz

In der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, bekennt die INSM, sei sie "neoliberal"; ein Eingreifen des Staates sei nur dann sinnvoll, "wenn beispielsweise Marktverzerrungen durch Monopole oder Kartelle einen fairen Wettbewerb zum Nutzen aller verhindern". Dass so ein Verein für Studiengebühren ist, versteht sich fast von selber.

Die Initiative selbst zeigt sich überrascht über das Vorgehen Schröders, der als einer von drei studentischen Hilfskräften bei der INSM "Unicheck.de" redaktionell betreut. Das Motto "von Studenten für Studenten" sei ursprünglich mal ein Label für den Fragebogen auf der Website gewesen, das man dann aber wieder verworfen habe, sagt der Koordinator der Site bei der INSM, Ronald Voigt. "Wir wollen Studenten darum bitten, die Verwendung von Studiengebühren an ihrer Hochschule zu bewerten. Unser Ziel ist es, mit dem Portal mehr Transparenz herzustellen", sagt Voigt. Zwar werde das Portal von Studenten betreut, verantwortlich sei aber letztlich die INSM.

Wenn es der Fall gewesen sei, dass Redaktionsmitglieder recherchiert hätten, ohne den Hintergrund des Portals deutlich zu machen, sei dies bedauerlich. "Wir wollen uns keine Intransparenz leisten. Wenn so etwas passiert, können wir die Seite morgen wieder schließen", sagt Voigt. Die drei Mitglieder der Redaktion, die von der INSM bezahlt werden und auch ihr Büro im Haus der Initiative haben, hätten aber natürlich Freiräume - die INSM könne nicht über jeden Schritt der redaktionellen Arbeit Bescheid wissen. Insofern könne es zu solchen Mails, die nicht auf den wahren Initiator von "Unicheck" verwiesen haben, gekommen sein. Er betont, dass nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Idee für das Portal von der INSM stammen.

Gefoppt von Wirtschaftslobbyisten

Thorsten Schröder, der Absender der Mail an die Studentenausschüsse, spricht indes von einer weitgehenden Unabhängigkeit der drei Redakteure von der INSM. Die Initiative fungiere als "Finanzier": "Sie redet in die redaktionellen Dinge nicht rein, wenn auch klar ist, dass sie für die Inhalte letztlich verantwortlich ist." Insofern stimme das Credo "von Studenten für Studenten". Immerhin seien er und seine beiden Mitstreiterinnen an der Uni Köln immatrikuliert.

Auch für die Frage, warum unter seiner Mail eine private Telefon- und Handynummer und nicht die Dienstnummer des Büros, in dem er und die anderen beiden studentischen Hilfskräfte arbeiten, angegeben war, hat er eine plausible Erklärung: "Ich habe viel von zu Hause aus recherchiert, deshalb habe ich die private Nummer angegeben."

Die Ergebnisse, die auf der Seite veröffentlicht werden, seien nicht repräsentativ, sagt Voigt. Vielmehr handle es sich um die subjektive Sicht der Studenten, was mit ihren Gebühren gemacht werde. Die Ergebnisse werden Mittwochmorgen bei einer Pressekonferenz vorgestellt. "Wenn Asta-Leute Auskunft gegeben haben, ohne zu wissen, wer hinter 'Unicheck' steckt, dann werden die entsprechenden Artikel nicht online gehen", sagt der Koordinator. Immerhin geht die Seite frühestens heute Abend oder gar erst morgen früh online. Genug Zeit, um Artikel zu entfernen oder zu redigieren.

Eine Menge Geld für hochprofessionelle PR

Die finanzielle Macht der INSM ist nicht zu unterschätzen: Die Arbeitgeber ermöglichen den INSM-Lobbyisten einen Jahresetat von rund 8,8 Millionen Euro – viel Geld, um mit hochprofessioneller PR für marktwirtschaftliche Reformen zu trommeln. Oder auch, um eher verdeckt bestimmte wirtschaftspolitische Positionen in der Öffentlichkeit zu platzieren.

"Die Macht über die Köpfe" betitelte das ARD-Magazin Monitor im Oktober 2005 einen Bericht über die INSM, der es gelungen sei, "ihre Themen immer mehr auf die öffentliche und politische Agenda zu setzen, in Schulen, im Internet und vor allem in den Medien. Dabei verschwinden immer öfter die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung. Über eine TV-Agentur werden Beiträge in Informationssendungen platziert, und die Zuschauer sind ahnungslos."

Auf ahnungslose Unterstützer hoffen offenbar auch die Unicheck-Macher bei ihrem als studentisches Projekt getarnten Aufruf zur Mitarbeit: "Abstimmen. Mitbestimmen" heißt es im Logo der Homepage. Das Bonner "Medienbüro.sohn", das unter anderem die Medienarbeit für die INSM macht, kündigte allerdings schon mal an, was ab Mittwoch auf "unicheck.de" wirklich los sein wird: Die INSM wird dann zusammen mit zwei Medienpartnern – "Financial Times Deutschland" und "Unicum" – die vermeintlich "erste Umfrage zu Studiengebühren nach deren Einführung in fünf Bundesländern" veröffentlichen. Diese Umfrage stammt laut Ankündigung auf der INSM-Homepage vom Emnid-Institut, garniert wird sie "mit 25 Live-Berichten zur Lage an Hochschulen, die bereits mit Gebühren arbeiten".

Wer Anfang April ahnungslos auf die Mail von Thorsten Schröder geantwortet hat, könnte sich dann plötzlich als Statist einer gut geplanten Pro-Gebühren-Kampagne wiederfinden.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung