Studiengebühren Protest in Südwest

Kaum klettern die Temperaturen, erwacht die Lust am Protest: In Freiburg campieren Studenten seit Montag im Uni-Rektorat, in Stuttgart besetzten sie gleich einen ganzen Radiosender. Das Ziel: Studiengebühren verhindern.

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Transparent an der Stuttgarter Uni: Protest gegen Gebühren
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Transparent an der Stuttgarter Uni: Protest gegen Gebühren

"Freiburger Frühling"

ist die Protestwoche im Breisgau überschrieben, und nach der Vollversammlung im Innenhof der Universität machten die Studenten am Montag ernst: Mehrere hundert Gebührengegner besetzten kurzerhand das Rektorat am Fahnenbergplatz. Rektor Wolfgang Jäger verhandelte erst mit den Besetzern und zog sich dann zurück. Bald darauf flatterte das erste Transparent aus dem Fenster: "Wir können alles. Außer Hochschulpolitik", hieß es da in Anspielung auf eine Imagekampagne ("Wir können alles. Außer Hochdeutsch") der baden-württembergischen Landesregierung.

Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) ist einer der Lieblingsfeinde vieler Studenten, seit er sich für die zügige Einführung von 500 Euro Studiengebühren pro Semester in Baden-Württemberg ausgesprochen hat. Für nächste Woche haben ihn Freiburger Studentenvertreter zur Diskussion eingeladen.

Lautstarker Besuch beim Sender

"Wir sind gespannt, ob er wirklich kommt", sagt Daniele Frijia vom Vorstand des U-Asta an der Uni. Denn den Minister erwartet der geballte Unmut der Nachwuchs-Akademiker, die am Montag schon mal symbolisch die Freiburger Altstadt mit Unterschriftenlisten gegen ein Bezahlstudium einkreisten.

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Studiengebühren: Die Proteste der Studenten

In der Landeshauptstadt Stuttgart gingen die Anti-Gebühren-Parolen zur selben Zeit sogar über den Äther: Nachdem Protestler dem Radiosender "Big FM" ihren lautstarken Besuch abgestattet hatten, räumten die Redakteure ihren Gästen mehr oder weniger freiwillig zehn Minuten Sendezeit ein.

Im Stadtzentrum protestierten Montag rund 200 Studenten gegen Studiengebühren; weitere Aktionen sind geplant, am Mittwoch etwa eine landesweite Demo mit einigen tausend Studenten. Der akademische Lehrbetrieb stand am Montag nahezu still. Am Abend sprach Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) für eine Viertelstunde mit den Stuttgarter Demonstranten.

In Freiburg übernahmen dann Montagabend Polizisten die Bewachung der Büros im ersten Stock des Rektorats, während es sich rund 50 Besetzer mit Schlafsäcken im Erdgeschoss des Gebäudes gemütlich machten - unsicher, ob sie während der Nacht mit einer Räumung des Rektorats zu rechnen hätten oder nicht.

Zur Eskalation kam es jedoch nicht, die Besetzer harren weiter im mit Plakaten behängten Rektorat aus und wollen mindestens bis Mittwochabend bleiben. Unterstützung erhalten sollen sie am Dienstagmittag von Sportstudenten, die durch den Fluss Dreisam schwimmen, sich dann in der Mensa treffen und mit anderen Demonstranten zum Rektorat aufmachen.

Die Besetzer wenden sich nicht nur gegen Studiengebühren, sondern fordern auch den Rücktritt von Wolfgang Jäger. Der Freiburger Uni-Rektor sei gegen demokratische Strukturen und Mitbestimmungsrechte, "die Geisteswissenschaften drohen künftig zu verhungern", so Max Brüning, Sprecher des U-Asta.

Hamburg: Großeinsatz der Polizei gegen Studenten
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Hamburg: Großeinsatz der Polizei gegen Studenten

Die Proteste gegen Studiengebühren gewinnen bundesweit allmählich an Fahrt, das Klima wird etwas rauer. So kam es bereits letzte Woche in Hamburg zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten: Rund 100 Studenten hatten die Eingänge zum Hauptgebäude der Universität mit Ketten, Schlössern und Stangen blockiert. Als die Polizei mit einem Großaufgebot inklusive Wasserwerfern anrückte, flogen Eier. Die Polizisten räumten eine blockierte Hauptverkehrsstraße vor der Uni und setzten dabei Schlagstöcke ein.




insgesamt 1557 Beiträge
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Seite 1
Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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