Studiengebühren Studenten aus Hamburgs Speckgürtel bleiben verschont

Der Hamburger Senat will Langzeitstudenten und Meldemuffel zur Kasse bitten. Wer aber in der "Metropolregion" wohnt, muss zunächst nicht zahlen. Wegen der drohenden Gebühren hatte der AStA drei Goldfische als Geiseln genommen - und die "Bild" zettelte ein bizarres Skandälchen um vermeintliche Tierquälerei an.

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Düsseldorfer Demo: Überall stiegen Studenten gegen Gebühren auf die Barrikaden
FEDERICO GAMBARINI / DDP

Düsseldorfer Demo: Überall stiegen Studenten gegen Gebühren auf die Barrikaden

Studiengebühren - was für ein hässlicher Begriff. Wenn man schon Geld von Studenten eintreiben will, nennt man das besser wahlweise Bildungsgutscheine oder Studienguthaben, studentische Kostenbeiträge oder auch Beteiligung an der Bildungsfinanzierung. So lautet mittlerweile die gängige Sprachregelung in der Bildungspolitik, und Hamburg macht keine Ausnahme: Am Dienstag hat der Senat den Entwurf eines Hochschulmodernierungsgesetzes beschlossen. Und statt von Studiengebühren ist darin von einem "Gutscheinmodell" die Rede.

Gegenüber den zuvor diskutierten Referentenentwurf gibt es allerdings einige wichtige Änderungen: Die Gebühren von 500 Euro pro Semester werden erst zum Sommersemester 2004 statt zum Wintersemester 2003 eingeführt. Wer in der "Metropolregion Hamburg mit Hauptwohnung gemeldet" ist, bleibt verschont. Und wenn die Hochschule ein langes Studium durch organisatorische Mängel zu verantworten hat, müssen die Studenten keine Langzeitstudiengebühren zahlen.

Länder: Im- und Export von Studenten
DER SPIEGEL

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Etwas verwirrend ist das schon. Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) geht es darum, Studenten aus weit entfernten Städten zur Anmeldung in Hamburg zu bewegen. Denn viele bleiben zum Studienstart in ihrer Heimatstadt gemeldet, und das kostet den Hochschulort viel Geld - die vergleichsweise wohlhabende Hansestadt zählt schließlich beim Länderfinanzausgleich zu den Geberländern, und die Summe richtet sich nach der Einwohnerzahl.

Während manche anderen Städte versuchen, Studenten mit Begrüßungsgeld, Umzugsbeihilfen oder anderen "Kopfprämien" zu ködern, schwingt Hamburg die Peitsche. Jetzt hat sich der Senat allerdings dazu durchgerungen, Studenten aus dem Speckgürtel rund um Hamburg auszunehmen. Dazu zählen insgesamt 14 Landkreise in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

In Härtefällen könnten die Hochschulen weitere Ausnahmeregelungen treffen, sagte Jörg Dräger. Immerhin sollen die Einnahmen aus den Studiengebühren nicht im Landeshaushalt versickern, sondern den Hochschulen zur "Wahrnehmung ihrer Aufgaben in Forschung und Lehre zusätzlich zur Verfügung" stehen - durchaus nicht selbstverständlich: In Nordrhein-Westfalen beispielsweise erhofft sich der Finanzminister aus den Gebühren hübsche Extra-Einkünfte.

Studenten aus Hamburg und dem Umland müssen also in der Regelstudienzeit plus vier Semester nicht zahlen. Anschließend kostet das Studium 500 Euro pro Semester. Außerdem dürfen "Studienzeitverzögerungen, die die Hochschule zu vertreten hat, nicht zu Lasten der Studierenden gehen", heißt es im Gesetzentwurf, der jetzt Gewerkschaften und Berufsverbänden zur Beratung vorgelegt wird. Wie sich Organisationsmängel beweisen lassen, dürfte noch zu spannenden Debatten führen. Hamburg hatte kürzlich bei einem Uni-Ranking der Länder miserabel abgeschnitten.

Daneben sieht der Gesetzentwurf neue Leitungs- und Gremeinstrukturen an den Hochschulen vor, etwa die Schaffung externer Räte. Die Hochschulen sollen größere Autonomie erhalten und selbst für Berufungen zuständig sein. Außerdem sollen sie Juniorprofessuren einführen und Bachelor- und Masterstudiengänge ins Regelangebot übernehmen.

Goldfisch-Geiseln, "Bild" und ein Sturm im Wasserglas

Studentenvertreter dürfte das etwas abgemilderte Gebührenmodell kaum besänftigen. Sie laufen seit Monaten Sturm gegen das geplante Hochschulgesetz. Der AStA hat drei Goldfische als Geiseln genommen - sie sollen sterben, falls es wirklich zur Gebühreneinführung kommt.

AStA-Geiseln: Müssen die Fische wirklich sterben?

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Das rief prompt die Hamburger "Bild"-Zeitung auf den Plan, die sich rührend um die Tiere sorgte und verblüffend humorfrei über die "brutale Aktion" der "linken Studenten" berichtete. Ende Juli gab es täglich Neuigkeiten vom "Geiseldrama" im AStA. Die Redaktion trieb sogar einen Tierschützer auf, der den Studentenvertretern drohte: "Wenn auch nur einem Fisch etwas passiert, werden wir klagen."

Bald schaltete sich auch Senator Dräger ein. Leicht säuerlich nannte er die satirische Aktion der Studenten "fragwürdig und unpassend", schickte aber ein Care-Paket - mit zwei Dosen Goldfisch-Kraftfutter, beschriftet mit "Innovation" und "Qualität" (die Studenten hatten die Fische "Gebührenfreies Studium", "Demokratie an der Uni" und "Selbstbestimmtes Studieren" getauft).

"Geisel-Gangster geben auf", titelte die "Bild" schließlich. Dem AStA-Vorstand blieb da nur ein Kopfschütteln. Im Internet beteuerten die vermeintlichen Tierquäler, damit es auch der DAU (Dümmste Anzunehmende User) begreift: "Tatsächlich gehören die drei Fische einem unserer Referenten, haben früher bei ihm zu Hause gelebt und werden dort nach dem Ende unserer Aktion auch wieder hingebracht."



insgesamt 1557 Beiträge
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Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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