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Studenten in Geldnot: Was ein Studienkredit bedeuten kann

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Studienkredit als Schuldenfalle Es kommt der Tag, da musst du bezahlen

Mit 37.000 Euro Schulden ins Arbeitsleben: Rafael, heute Art Director, verließ sich bei der Finanzierung seines Grafikstudiums auf die Deutsche Bank. Heute weiß er, dass das keine gute Entscheidung war.
Von Saskia Ibrom

Das Leben von Rafael, 35, klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Nach seiner Ausbildung zum Medien-Designer hat er fünf Jahre lang in Köln Design studiert. Schnell fand er Arbeit und ist heute Art Director bei einer Berliner Software-Firma.

Damit ist er glücklich, wären da nicht seine hohen Schulden. Um sein Studium zu finanzieren, hatte sich Rafael Geld bei der Deutschen Bank geliehen. 17.200 Euro waren das insgesamt. Doch wie das bei Krediten ist, muss er mehr zurückzahlen, als er bekommen hat. Insgesamt werden das bei ihm 37.711,63 Euro sein - für den ersten Kredit und für einen weiteren, einschließlich Gebühren und Versicherungen.

Vielen Studenten geht es wie Rafael damals. Es fällt ihnen schwer, ihr Studium zu finanzieren. Rafaels Eltern konnten ihn weder mit Geld noch mit Ratschlägen unterstützen, sagt er heute. Während der ersten drei Jahre seines Studiums bekam er Bafög. Danach war der Anspruch futsch, weil er länger studierte als geplant. Wer kein Anrecht auf ausreichend Bafög hat, kann auf ein Stipendium hoffen. Oder sich wie Rafael ein Darlehen holen.

Rafael übersah die Rückzahlungskonditionen

Weil er seine Studiendauer schon überzogen hatte, wollte er sich nicht mit einem Nebenjob beim Studieren bremsen. Auch ein bereits geplantes Auslandssemester im teuren New York wollte er nicht einfach streichen. Finanzberater des Studentenwerks hätten vielleicht helfen können, doch Rafael wandte sich nicht an die selbstlosen Helfer. Er wandte sich an seine Bank: Bei der Deutschen Bank nahm Rafael einen db-Studentenkredit auf, ein Angebot, das es heute nicht mehr gibt.

Der Slogan der Bank lautete auch damals schon "Leistung aus Leidenschaft", für einen leidenschaftlichen Menschen wie Rafael genau das Richtige. "Ich war mit dem Vertrag zufrieden, es lief gut", sagt er. Was Rafael nicht gelesen oder übersehen hatte, waren die Rückzahlungskonditionen. Die verpflichteten ihn dazu, zur Endfälligkeit 2011 entweder die volle Kreditschuld zu begleichen oder einen neuen Vertrag abzuschließen.

Rafael studierte erfolgreich und bekam schnell einen Job. Dann: Umziehen nach Berlin, Wohnung und Freunde finden, im neuen Job ranklotzen. "Und genau zu dem Zeitpunkt, als es am stressigsten war, kam die Deutsche Bank. Entweder sollte ich sofort 21.505 Euro für meinen Studienkredit und meinen Dispo bezahlen oder einen neuen Vertrag für einen Absolventenkredit unterschreiben", erzählt Rafael.

Zinsen von 8,9 Prozent

Das Geld hatte er nicht. Er nahm einen neuen Kredit auf, wieder bei der Deutschen Bank, einen Privatkredit für Hochschulabsolventen. Zinsen: 8,9 Prozent. Im Studienkredit waren es noch 5,9 Prozent, bei der staatlichen KfW hätte er sich nur mit 3,33 Prozent belastet. Hinzu kamen bei der Deutschen Bank Bearbeitungsgebühren und zwei Versicherungen. So belief sich seine Kreditschuld am Ende auf mehr als 37.000 Euro.

Schwacher Trost für Rafael: Bearbeitungsgebühren für Privatkredite, wie sie die Deutsche Bank verlangte, sind inzwischen verboten, auch wenn sich nicht alle Banken darum scheren. Dank einem BGH-Urteil hat Rafael mittlerweile die Bearbeitungsgebühren für seinen zweiten Kredit zurückerstattet bekommen, beim ersten ist sein Rückzahlungsrecht aber verfallen. Die Bank überwies als Entschuldigung 100 Euro.

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Die Zinsgestaltung bei den Studentenkrediten habe sich "an dem allgemeinen Marktumfeld" orientiert, schreibt die Deutsche Bank auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage. Die Aufnahme eines Absolventenkredits sei nur eine Möglichkeit, den alten Kredit abzulösen, er biete "den Vorteil mit geringen Raten über eine längere Laufzeit den Kredit zu tilgen". Auch eine Fremdbankfinanzierung sei möglich gewesen.

Diese "längere Laufzeit" bedeutet bei Rafael knapp zehn Jahre, in denen er 319,74 Euro monatlich zurückzahlt. Etwa fünfeinhalb Jahre hat er noch vor sich. Einen Anwalt hat Rafael sich nicht genommen, auch bei der Schuldnerberatung war er nicht. Studenten auf Kreditsuche hilft heute auch das Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Es warnt in einem jährlichen Studienkredite-Test  vor teuren Extras, wie etwa dem Abschluss von Versicherungspolicen.

Ulrich Müller vom CHE weiß, dass die Studienfinanzierung eine Herausforderung sein kann. Wer sich noch nie eingehend mit Finanzen beschäftigt habe, könne sich leicht von dieser Aufgabe erschlagen fühlen. Er fordert daher, dass alle staatlichen Angebote wie Bafög, KfW-Studienkredit, Abschlussdarlehen des Bundesverwaltungsamts, Deutschlandstipendium und andere Stipendien gebündelt werden. "Es sollte einen Ansprechpartner geben statt vieler", sagt Müller. Solange es nicht so weit ist, empfiehlt er bei Finanzierungsfragen immer zuerst die Beratungsstellen der Studentenwerke.

Heute ärgert sich Rafael über sich selbst, darüber, dass er seiner Bank damals blind vertraute. Kürzlich erzählte er einer langjährigen Freundin zum ersten Mal von seinen Schulden: "Da kam heraus, dass sie seit ihrem Studium auch mit mehreren Tausend Euro bei einer Bank in der Kreide steht - wir hatten nur nie darüber gesprochen."

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