Studienplätze Holperiger Weg aus dem Vergabe-Chaos

Wer studieren will, muss einen unübersichtlichen Hindernisparcours aus Anträgen und Auswahlrunden bewältigen. Jetzt scheint es, als hätten sich Unis, Politik und Verwaltung zu einem Kompromiss durchgerungen, der das Chaos beseitigt - allerdings erst 2010.

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Kurz sah es so aus, als stünde eine kurzfristige Lösung bevor, nachdem im letzten Jahr das Chaos herrschte. Kultusminister, Hochschulrektoren und die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) hätten den langjährigen Streit über die Studienzulassung in Numerus-clausus-Fächern beigelegt und sich auf ein neues Verfahren verständigt. Das kündigte der Vorsitzende der ZVS-Steuerungsgruppe Knut Nevermann an, der zugleich Wissenschaftsstaatssekretär in Sachsen ist.

Voller Hörsaal: Trotz vermeintlicher Bewerberschwemme bleiben Plätze unbesetzt
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Voller Hörsaal: Trotz vermeintlicher Bewerberschwemme bleiben Plätze unbesetzt

Ihm zufolge wird die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) jetzt dazu aufrufen, dass sich möglichst viele Universitäten bereits im Herbst an einem bundesweiten Übergangsverfahren beteiligen, das die ZVS anbietet.

Es könnte das Ende des Zulassungs-Chaos schon in diesem Jahr bedeuten. Noch im Sommer 2008 ächzten die Unis allerorts unter einer Rekordflut von Bewerbungen, studierwillige Abiturienten hatten Dutzende Bewerbungen verschickt und sich vorsorglich mehrfach an den Hochschulen beworben und eingeschrieben. So blieben trotz einer vermeintlichen Bewerberflut am Ende Studienplätze ungenutzt. Die Unis mussten mehrfach nachfüllen - die Uni Münster etwa ließ ihr Nachrückverfahren fünf Mal ablaufen.

Das soll mit dem Übergangsverfahren der ZVS nicht mehr passieren. Es sieht vor, dass Studenten sich bei ihr für maximal zwölf Studienplätze bewerben. Die ZVS übernimmt die Auswahl der Kandidaten nach den Kriterien der Hochschulen - oder leitet die Bewerbung an die Hochschulen weiter, je nach Wunsch der Uni. Wird der Erstwunsch eines Bewerbers erfüllt, scheidet er automatisch aus dem Verfahren aus. Auf der zweiten Stufe wird den anderen Bewerbern ein dann noch freier Platz in dem Studienort und -gang angeboten, der auf seiner Liste am höchsten steht.

Machen die Unis Werbung für die ungeliebte ZVS?

Das Problem ist nur: Die HRK hat keineswegs vor, offensiv zu diesem Verfahren aufzurufen. Alles andere wäre auch ziemlich überraschend. Jahrzehntelang schmähten Hochschulchefs und Bildungspolitiker die ZVS wahlweise als "das letzte Kuba", "Kinderlandverschicker" oder auch "Chancentod". Die Universitäten wollten die Studenten nicht von einer Zentralstelle geliefert bekommen, sondern nach eigenen Vorstellungen aussuchen.

Bildungspolitiker Nevermann jedoch zeigte sich zuversichtlich, dass der vermeintliche Aufruf Erfolg haben wird. "Ich habe den Eindruck, dass die Hochschulen das Kriegsbeil begraben haben", sagte er SPIEGEL ONLINE. Nun müssten sie sich nur noch umstellen auf das neue Verfahren. Verpflichtend sei zwar nichts, "aber das Verfahren ist vernünftig". Gerade große Universitäten müssten einsehen, dass nur so das Problem der nicht besetzten Studienplätze zu lösen sei: "Wir rudern jetzt in eine Richtung".

Bei der ZVS ist man ebenfalls freudig überrascht von dem, was Sachsens Staatssekretär da angekündigt hat. "Ich frage mich woher der Sinneswandel kommt", sagt ZVS-Sprecher Bernhard Scheer. Aber sinnvoll sei es allemal, wenn die Uni-Rektoren dazu aufriefen, am Übergangsverfahren teilzunehmen: "Mit Sicherheit bringt das etwas."

Ein bisschen Werbung und ein paar Aufrufe könnte das Übergangsverfahren gut gebrauchen. Im Zulassungs-Chaos-Jahr 2008 machte nur eine Handvoll Unis mit, darunter die LMU München und die Uni Mainz. Wie viele Hochschulen in diesem Jahr dabei sein werden, sei ungewiss, sagt ZVS-Sprecher Scheer.

Die Unis wollen es am liebsten ohne ZVS schaffen

Am 20. Februar lief die Meldefrist für das Verfahren ab. Bis dahin hatten demnach gerade mal sieben Unis elf unterschiedliche Studiengänge angemeldet; dazu kamen noch neun Fachhochschulen. Das ist nicht viel bei mehr als 11.000 Studiengängen, und von denen etwa jeder zweite zulassungsbeschränkt ist, weil ein Numerus Clausus gilt. Der Februar-Termin sei aber nicht bindend gewesen, sagt ZVS-Sprecher Scheer. Wenn sich jetzt noch Unis melden, könnten sie noch aufgenommen werden.

Bei der HRK jedoch will man von einem Aufruf nichts wissen. "Die Hochschulen sollen und wollen das Verfahren in diesem Jahr verbessern, einen expliziten Aufruf braucht es dafür nicht", sagte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE. Die Unis hätten bereits eigene Verfahren gestartet. So verspricht etwa die Universität Hamburg, sie werde ihre Zulassungsbescheide zeitgleich verschicken, zusamen mit den Unis in Heidelberg, München (LMU), Duisburg-Essen, Kiel, Mainz, Wuppertal, Bonn und Paderborn sowie der Freien Universität und der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Für offen gebliebene Studienplätze dieser Unis soll es eine gemeinsame Bewerberbörse im Internet geben.

Grundlage hierfür sei ein HRK-Beschluss vom Januar, "der ist Stand der Dinge", sagt die Sprecherin. Darin hatten sich die Rektoren darauf verständigt, im kommenden Wintersemester Bewerbungs- und Zulassungsverfahren durchzuführen, "die auch ohne ein bundesweites Serviceverfahren für die Bewerber wenig aufwändig sind und zu einer schnellen Besetzung der Studienplätze führen". Im Klartext: Eigentlich würden wir das gerne ohne die ZVS machen.

Das Übergangsverfahren der ZVS sollen die Hochschulen lediglich prüfen. Zu mehr ruft die HRK nach Informationen von SPIEGEL ONLINE nicht auf. Das Ergebnis solch einer Prüfung ist ungewiss - und damit droht erneut ein Zulassungs-Chaos zu Beginn des nächsten Wintersemesters.

Erst im darauffolgenden Jahr soll das Problem endgültig gelöst werden, als zum Wintersemester 2010/2011: Ein Computersystem soll per Datenabgleich Doppel-Einschreibungen unterbinden - und damit die Blockade von Studienplätzen in Mangelfächern. Auch das kündigte Staatssekretär Nevermann an, nach einem Treffen der ZVS-Steuerungsgruppe, ab dem Vertreter von HRK, ZVS sowie der Kultusministerkonferenz teilgenommen hatten. Alle Seiten hätten versichert, sie seien an "studentenfreundlichen Regelungen interessiert", sagte Nevermann.

Ein Computerprogramm soll das Problem lösen

Zu der Absprache gehört auch, dass die ZVS jetzt eine von Baden-Württemberg bereits landesweit erfolgreich eingesetzte Internet-Studienplatzbörse übernimmt und in Zusammenarbeit mit dem bisherigen Betreiber bundesweit anbietet. Bei dieser Studentenbörse werden nach den Zulassungsentscheidungen der Hochschulen die noch freie Plätze zusammengefasst.

Zusammen mit Computerexperten des Fraunhofer-Instituts sind inzwischen auch die technischen Anforderungen für das endgültige Bewerbungssystem formuliert worden. Dach soll sich der Student wie bisher auch schon via Internet bei mehreren Wunschhochschulen oder für mehrere Fächer bewerben können. Die Hochschule entscheidet über seine Zulassung und bietet ihm einen Platz an. Nimmt er ihn an, wird er über den ZVS-Datenabgleich für andere Studienorte gesperrt. Bei dem neuen System soll der Bewerber auch seinen Rangplatz auf Wartelisten via Internet einsehen können.

Nevermann sagte, nach der Verständigung werde über das Bundesbeschaffungsamt des Innenministeriums zügig die Ausschreibung erfolgen. Die bisherigen Doppelzulassungen führen seit Jahren dazu, dass nach HRK-Schätzungen bis zu 20 Prozent der Studienplätze ausgerechnet in den begehrten NC-Fächern unbesetzt bleiben.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat für den 3. März eine größere Gruppe von Hochschulrektoren eingeladen, um einen Ausweg aus dem bisherigen Zulassungschaos zu finden. Die SPD-Fraktion fordert ein Bundesgesetz zur Hochschulzulassung, mit dem sichergestellt wird, dass sich alle Hochschulen an dem Datenabgleich beteiligen. Die Länder setzen hingegen weiter auf Freiwilligkeit.

Mit Material von dpa



insgesamt 3 Beiträge
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Pauschalreisender 25.02.2009
1. Amerika, du hast es besser...
oder erfinden wir Deutschen endlich das weltweit komplizierteste System der Studienplatzvergabe? Merkwürdig ist doch schon, dass in den USA die mehreren tausend Universitäten und Colleges es ganz ohne ZVS etc. hinbekommen ihre Studienplätze zu verteilen, ohne dass übermässig viele unbesetzt bleiben. Und die Auswahlverfahren dort sind z.T. wesentlich involvierter, bis hin zum persönlichen Interview. Vielleicht könnte die KMK mal bei einer Eliteuni nachfragen, wie dort das Problem gelöst ist?
Benjowi 26.02.2009
2. Chaotisches Bewusstsein!
Wie man auf eine derartig abfällige und menschenverachtende Art mit den Hoffnungen und Zukunftchancen der jungen Generation umgehen kann, bleibt das Geheimnis der Hochschulrektoren. Diese Damen und Herren, die sich an der Spitze der intellektuellen Pyramide in Deutschland wähnen, bekommen in einer unglaublichen Bräsigkeit nicht einmal grundlegende administrative Vorgänge in den Griff. Ein weiteres typisches Abbild der realen Verhältnisse in Deutschland!
shaim74, 26.02.2009
3. ja is so
also ich hab 1999 ne karte an meine hochschule geshrieben und hatte dann duch ein internes nachrückverfahren einen studienplatz.
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