Studienplätze "ZVS-Bashing" ist schwer in Mode

Wenn es nach Thomas Oppermann geht, müssen die ZVS-Beamten bald ihre Büros räumen. Künftig sollen die Hochschulen alle Studenten selbst auswählen, fordert Niedersachsens Wissenschaftsminister. Alle schimpfen auf die ZVS - und doch hat die ungeliebte Behörde gute Überlebenschancen.

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Hat die Debatten um die ZVS satt: Thomas Oppermann
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Hat die Debatten um die ZVS satt: Thomas Oppermann

Am Dienstag legte Thomas Oppermann ein Konzept zur Reform der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) vor. Die Dortmunder Behörde werde man "nicht von heute auf morgen abschaffen können", sagte der SPD-Politiker. Es gehe aber um einen "Einstieg in den Ausstieg" - und der sollte möglichst bald vollzogen werden.

"Es ist absurd: In vielen Bereichen konkurrieren deutsche Unis schon heute um die besten ausländischen Studenten - nur die deutschen dürfen sie nicht auswählen!", sagte Oppermann in einem Gespräch mit der "Welt am Sonntag". Die gegenwärtige Diskussion, ob die Hochschulen in den von der ZVS verwalteten Studiengängen 20 oder 50 Prozent der Studierenden aussuchen sollen, bezeichnete er als "akademische Spiegelfechterei".

Seiner Meinung nach sollten drei bis vier Studiengänge pro Bundesland komplett aus dem bisherigen Verfahren herausgenommen werden: "Nur wenn Hochschule und Studierende zueinander passen, können die Hochschulen ein eigenständiges Profil ausbilden und auf motivierte und leistungsfähige Studierende setzen."

Behler warnt vor Entwertung des Abiturs

Nach den Vorstellungen des niedersächsischen Wissenschaftsministers sollen Leistungen, soziales Engagement und berufliche Erfahrungen der Bewerber zu den Kriterien zählen. Die Auswahlgespräche müssten schon vor dem Abitur beginnen. "Statt endloser Diskussionen um kleine ZVS-Reformen" forderte er "einen mutigen Testlauf schon im nächsten Wintersemester". Eine Zukunft der ZVS sieht er nur noch als Einrichtung gegen Mehrfachbewerbungen und als Informationsstelle für Studieninteressenten.

Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler indes hat sich gegen die Auflösung der ZVS ausgesprochen, die einen guten Service für Hochschulen und Abiturienten leiste. "Würde sie abgeschafft, entstünden keine neuen Studienplätze, wohl aber jede Menge Bürokratie", sagte die SPD-Ministerin. Zudem warnte sie davor, dass ein Verzicht auf die ZVS zu einer Entwertung des Abiturs führe.

Seit dem vergangenen Jahr dürfen sich die Hochschulen 20 Prozent der Studenten in Numerus-clausus-Fächern wie Betriebswirtschaft, Psychologie oder Pharmazie selbst aussuchen, in Baden-Württemberg sogar 40 Prozent. Die übrigen 80 Prozent werden weiter von der ZVS nach Abitur-Durchschnittsnote und Wartezeit vergeben.

"ZVS-Bashing" - bei Liberalen ein beliebtes Spiel

Vor allem in Baden-Württemberg und Bayern gärt und rumort es schon länger. Beide Länder nahmen die ZVS unter Beschuss und kündigten ihren Ausstieg an; vor allem Baden-Württemberg sägt am Zulassungsverfahren. "Weg mit bürokratischen Monster", forderte zum Beispiel Ernst Pfister, FDP-Fraktionschef im Landtag. Den Staatsvertrag können die Länder allerdings frühestens zum Januar 2006 kündigen. Im September lehnte die Ländermehrheit im ZVS-Verwaltungsausschuss den Vorstoß Bayerns und Baden-Württembergs, der auch von Thüringen und Sachsen unterstützt wurde, allerdings mit deutlicher Mehrheit ab.

"ZVS-Bashing" ist seit Jahren ein beliebtes Spiel, vor allem bei FDP-Politikern, die in der Dortmunder Behörde ein "Symbol für staatliche Planwirtschaft" sehen. Jürgen W. Möllemann wie Guido Westerwelle machten sich immer wieder für die Abschaffung stark. Doch das war auch in den vielen Jahren nie gelungen, in denen die FDP die Bundesbildungsminister stellte - unter anderem Jürgen W. Möllemann. Auch die Vorstellungen, was an die Stelle der ZVS treten soll, sind diffus. Bisher jedenfalls machen viele Hochschulen von ihrem Recht, einen Teil der Studenten selbst auszuwählen, höchst zögerlich Gebrauch - vor allem wegen des hohen Aufwandes.



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