Studienplatzsuche Mit Klein-Klein gegen das große Chaos

Für Abiturienten war die Studienplatzsuche im vergangenen Jahr ein quälendes Geduldsspiel - jetzt droht wieder ein Fiasko: Weil Bundesbildungsministerin Schavan sich spät und halbherzig einschaltete, steuern Unis und Bewerber auf eine erneute Hängepartie zu.

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Für die Abiturienten, die sich bald um einen Studienplatz bewerben werden, scheint es wie ein Hoffnungsschimmer: Mehrere Universitäten in Deutschland vereinheitlichen ihre Termine im Zulassungsverfahren zum Wintersemester 2009/2010. Studienanfänger sollen nach einer Bewerbung um einen Studienplatz in der zweiten Augustwoche von den elf teilnehmenden Universitäten erfahren, ob sie angenommen werden oder nicht.

Annette Schavan: Die Bundesbildungsministerin will ein erneutes Zulassungschaos an den Hochschulen verhindern
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Annette Schavan: Die Bundesbildungsministerin will ein erneutes Zulassungschaos an den Hochschulen verhindern

Doch im Kern ist es nur eine schön verpackte Idee. De facto werden die Universitäten in diesem Jahr wohl ein Vergabe-Prozedere fortführen, das im Sommer 2008 Hochschulanwärter und auch die Unis selbst ins blanke Chaos stürzte.

Unbeirrt verspricht die Universität Hamburg, sie werde ihre Zulassungsbescheide zwischen dem 7. und 14. August verschicken, zusammen mit den Unis in Heidelberg, München (LMU), Duisburg-Essen, Kiel, Mainz, Wuppertal, Bonn und Paderborn sowie der Freien Universität und der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Damit solle auf die Mehrfachbewerbungen von Abiturienten reagiert werden. Für offen gebliebene Studienplätze dieser Universitäten soll es eine gemeinsame Bewerberbörse im Internet geben.

Im vergangenen Sommer war die Hochschulzulassung für deutsche Abiturienten ein nervenaufreibendes Geduldsspiel. Da die Unis seit dem Rückbau der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) ihre Studenten meist selbst auswählen, gingen viele Abiturienten auf Nummer sicher, und bewarben sich an zwölf und mehr Universitäten, oft für mehrere Fächer. Paradoxerweise blieben so trotz einer vermeintlichen Bewerberflut am Ende Studienplätze ungenutzt. Die Unis mussten mehrfach nachfüllen - die Uni Münster etwa ließ ihr Nachrückverfahren fünf Mal ablaufen.

Kempen: Aktuelles Zulassungsverfahren "unter aller Sau"

"Unter aller Sau" sei dieses Prozedere, schimpft der Präsident des Hochschulverbandes Bernhard Kempen - und attackiert damit ein Verfahren, an dem der aktuelle Vorstoß der Uni Hamburg so gut wie nichts ändert. Dass in jedem Bundesland die Zulassung unterschiedlich geregelt wird und es kein Bundesgesetz gebe sei ein "Trauerspiel des Föderalismus", sagte Kempen in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk.

Ein solches Bundesgesetz, wie es Kempen fordert, soll es aber vorerst nicht geben, findet Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Wenige Monate bevor sich die neuen Abiturienten entscheiden müssen, wo und wie sie sich für ein Studium im Herbst bewerben, erkannte Schavan bei zulassungsbeschränkten Fächern aber immerhin ärgerliche Defizite.

Darum lud die Ministerin die zuständigen Landesminister und Vertreter der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der ZVS zu Wochenbeginn zu einem Krisengipfel. Zwischen HRK und ZVS war im Januar der Streit darüber eskaliert, wer die Verteilung von rund 300.000 Erstsemestern am besten organisieren kann: eine zentrale Stelle oder eben jede Uni für sich allein.

Einzig greifbares Ergebnis der Runde im Ministerium war die Aufforderung an die Hochschulen, sich auf einen einheitlichen Termin für den Versand der Studienplatzzusagen zu einigen. Danach scheinen sich die ersten großen Unis nun mit der Festlegung auf Mitte August zu richten.

Die ZVS, die lange Erfahrung mit dem Verteilen und Verrechnen der Studentenflut gesammelt hat, sieht die grundsätzlichen Probleme nicht behoben. Das Ergebnis der Krisenrunde bei Ministerin Schavan und die Initiative aus Hamburg seien eine "Minimalvereinbarung". Weil kein Abgleich der Bewerber mit den Zulassungen unter den Unis stattfinde, sei das "Problem der Mehrfachbewerbung nicht ausgeräumt", sagte ZVS-Sprecher Bernhard Scheer SPIEGEL ONLINE.

Bundesweites System kommt frühestens 2010

Auch ohne gesetzlichen Rahmen setzt Schavan auf eine bundesweit einheitliche Lösung für das Zulassungsproblem. Wann es dafür ein System geben wird, ist ungewiss. Schavan hatte für die Konstruktion des Systems das Fraunhofer-Institut vorgeschlagen, das ein Computerprogramm für den Zulassungsabgleich entwickeln und es bei der ZVS in Dortmund installieren soll.

Dass es zum kommenden Wintersemester 2009/2010 nicht klappen kann, war allen Beteiligten klar. Bis Anfang März will sich Ministerin Schavan nun zunächst mit Hochschulvertretern aus allen Bundesländern auf Kriterien einigen, die das neue Computersystem erfüllen muss. Diese Punkte sollen in einem Pflichtenheft festgehalten werden.

Das derzeitige Übergangsverfahren, das die ZVS in Dortmund anbietet, war im Zulassungs-Chaos-Jahr 2008 nur von einer Handvoll Universitäten, darunter die LMU München und die Uni Mainz, genutzt worden. Wie viele Universitäten in diesem Jahr mitmachen ist ungewiss, sagt ZVS-Sprecher Scheer. Melden könnten sich die Hochschulen dafür noch bis zum 20. Februar.

Und die Abiturienten? Sie werden sich, wenn sie im Mai und Juni ihre Reifezeugnisse in die Hand bekommen, nach Studienplätzen umsehen - und sich vermutlich zehn bis 20 Mal bewerben, quer durch die Republik, und hoffen, einen Platz zu kriegen. Oder zwei. Oder mehr.



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