Studienplatzvergabe Bildungsministerium hält an Pleite-Portal fest

Ein bundesweites Portal sollte das Chaos bei der Studienplatzvergabe beenden. Doch die große Vision schrumpfte zur Mini-Version - trotzdem hält das Bildungsministerium daran fest, wie aus einem internen Papier hervorgeht. Katastrophal, findet die Opposition.

Kabelsalat: Seit Jahren soll eine vernünftige Zulassungssoftware entstehen
DPA

Kabelsalat: Seit Jahren soll eine vernünftige Zulassungssoftware entstehen


Bald werden Deutschlands Abiturienten wieder hoffen und zittern: Habe ich den Studienplatz bekommen, den ich wollte? In der Stadt, die mir gefällt? Am 15. Juli ist Bewerbungsschluss für das Wintersemester. Dann beginnt das große Warten.

Doch auch wenn ein Bewerber eine Absage für einen Studienplatz bekommt, heißt es nicht, dass ein anderer ihn tatsächlich besetzt. Denn allein im Wintersemester 2012/2013 blieben 13.096 Studienplätze in örtlich zulassungsbeschränkten Bachelorstudiengängen unbesetzt, heißt es in einer Stellungnahme des Bundesbildungsministeriums, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Das sei "unbefriedigend", schreibt das Ministerium.

Eigentlich sollte ein bundesweites Einschreibeportal das jährliche Chaos bei der Studienvergabe zumindest mindern - 15 Millionen Euro gab der Bund bislang dafür aus. Denn seit die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, die ZVS, in weiten Teilen in die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) überging, vergeben die meisten Hochschulen ihre Studienplätze selbst - nach eigenen Kriterien und mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Um die eigenen Chancen auf einen Platz im Wunschstudium zu steigern, bewerben sich viele Abiturienten an mehreren Unis - und bekommen oft mehrere Zusagen. Weil sie aber nur einen Studienplatz antreten können, bleiben Tausende unbesetzt.

Bildungsministerium sieht keine Alternative zum Portal

Doch an dem geplanten bundesweiten Einschreibeportal beteiligen sich im bisherigen Pilotbetrieb nur 17 Hochschulen aus acht Bundesländern. Die Zentralstelle ist damit zum Zentralstellchen geworden. Nun heißt es in der Stellungnahme betont vorsichtig: "Einen Regelbetrieb avisiert die SfH für das Wintersemester 2013/2014." Das hieße: In einem Jahr, zum Ende der Bewerbungsphase im Sommer 2013, müsste das System reibungslos laufen.

Trotz des holprigen Starts rückt das Bildungsministerium nicht vom sogenannten Dialogorientierten Serviceverfahren (DoSV) ab: "Auch aus Sicht des BMBF gibt es keine Alternative zum DoSV", so das Ministerium in dem Dokument.

Eine Änderung soll es aber anscheinend doch geben: Bislang kümmerten sich der öffentliche Softwareanbieter Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) sowie die privatwirtschaftliche Firma Datenlotsen darum, das neue System an die bestehende Software der Hochschulen anzubinden. Wegen Holperstart und wiederholtem Terminverzug warfen Politiker vor allem der HIS vor, versagt zu haben. Die wiederum wehrt sich: Eine einzige Hochschul-Software gebe es lange nicht mehr, jede Hochschule habe sich auf ihre Sonderwünsche angepasste Lösungen schneidern lassen. Deshalb dauere die Anbindung der neuen Software länger als geplant.

Noch mehr Köche für den Zulassungsbrei?

Nun sollen HIS und Datenlotsen bald Verstärkung bekommen: Die Stiftung für Hochschulzulassung wolle nach und nach mehr Hochschulen in dem Portal aufnehmen, steht in der Stellungnahme des Bundesbildungsministeriums. Man setze darauf, dass weitere Anbieter am Markt eine Lösung vorlegen werden.

Scharfe Kritik kommt von der Opposition im Bundestag. Die Situation sei absolut katastrophal, sagte der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Swen Schulz: "Es rächt sich, dass Bundesministerin Schavan entgegen unserer Warnungen voll auf das Serviceverfahren gesetzt hat. Und trotzdem verfährt sie weiter nach dem Motto 'Augen zu und durch'."

Ende Juni hatte die SPD-Bundestagsfraktion einen Antrag in den Haushaltsausschuss eingebracht. Die Oppositionspartei forderte darin einen Notfallplan, den die Bundesregierung bis September vorlegen solle, und plädierte für ein Anreizsystem für teilnehmende Hochschulen.

Außerdem, so steht in dem Antrag, müsse das "völlig unzulängliche Projektmanagement" personelle Konsequenzen im Ministerium nach sich ziehen. Der Antrag scheiterte im Haushaltsausschuss an den Stimmen der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP. Für Studienbewerber heißt es also wie schon in den vergangenen Jahren: weiter hoffen, weiter warten.

fln

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
chb_74 09.07.2012
1. Blick in die Vergangenheit
Zitat von sysopDPAEin bundesweites Portal sollte das Chaos bei der Studienplatzvergabe beenden. Doch die große Vision schrumpfte zur Mini-Version - trotzdem hält das Bildungsministerium daran fest, wie aus einem internen Papier hervorgeht. Katastrophal, findet die Opposition. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,843397,00.html
Beim Blick in die Vergangenheit fällt einem auf, dass es so ein "Portal" schon mal gab - das nannte sich "ZVS", hatte ein echtes Portal zum Durchschreiten in Dortmund und komischerweise klappte da für eine ganze Menge Studiengänge, was heute einfach nicht funktionieren will: man bewarb sich mit bis zu 7 Wunschhochschulen im Antrag dort und erhielt dann nach Verfügbarkeit meistens an einer der bevorzugten Unis einen Platz basierend auf abiturnote und weiteren Sozialkriterien. Nicht angetretene Plätze wurden in Nachrückverfahren so vergeben, dass selbst 2. Nachrücker noch eine Chance im 1. Semester hatten. Sicherlich war das kein perfektes Verfahren, aber im Gegensatz zu diesem heutigen Krampf hatte es einen Vorteil: es funktionierte zuverlässig! - Aber die ZVS war ja böser "Sozialismus", also musste sie abgeschafft werden. Was bin ich froh, mich heute nicht mehr in dieses Chaos stürzen zu müssen...
wekru 09.07.2012
2. Irrwitz
Es ist der absolute Irrwitz, ein zentrales System schaffen zu wollen, das sich an zig verschiedene individuelle Hochschulssysteme anpasst. Hier gibt es nur 2 vernünftige Ansätze. Entweder man überlässt den Hochschulen die Auswahl und beschränkt sich zentral auf den Austausch der Daten, welche Person wo einen Studienplatz erhalten hat. Also: Student registriert sich zentral und erhält eine Datensatznummer, mit dieser Meldet er sich an Hochschule xy, die die bereits hinterlegten Personendaten zentral abfragt und bei sich einpflegt, dann entscheidet xy über die Vergabe eines Studienplatzes und meldet dies zentral, dort wird bekannt dass Student einen Platz an xy, z1, z2 und z3 erhalten hat. Student musste mit jeder Bewerbung zentral seine Priorität bekannt geben. Das Angebot hochster Priorität wird gehalten, der Rest an die Hochschulen zurückgegeben. Diese geben kurze Zeit später die Nachrücker bekannt. Gleiches Spiel. Hat Student jetzt ein Angebot höherer Priorität erhalten, wird dieses gehalten und das bereits gehaltene zurückgegeben. Das macht man ein paar Durchgänge lang. Wer einen Studienplatz höchster Priorität erhalten hat, fällt aus dem Verfahren raus. Die Hochschule, die alle möglichen Plätze fest vergeben hat, fällt vorläufig aus dem Verfahren raus. Irgendwann ist alles besetzt und bleibt nur noch das übliche Nachrückerverfahren für die Fälle, in denen Studenten ihr Studium nicht antreten. Aber das ist dann nur ein Platz an einer Hochschule, der nachbesetzt werden kann und keine zig wegen Mehrfachzusagen. ODER Variante 2: alles läuft über eine Zentrale und die Hochschulen haben sich dem anzupassen. Keine Gnade für exotischen Sonderkram der Hochschulen sondern einmal klar definierte Parameter und Ende Gelände. Halt Zentralismus. Dazwischen muss man sich entscheiden. Ein sowohl-als-auch ist immer tödlich. Das kann man sich politisch denken und wünschen, aber technisch nur mit riesigem Aufwand realisieren. Die Fehlerquellen werden wegen der Komplexität so gigantisch, dass man am Ende oft scheitert, weil keiner mehr durchblickt und einfach viel zu viel voneinander abhängt. Das arbeitsteilige Verfahren vom Typ 1, dezentrale Vergabe und zentraler Abgleich, kann von jedem mittelmäßig begabten Programmierer in kurzer Zeit realisiert werden. Die zentralistische Variante ist teuer, aber machbar. Und der Mischmasch ein Irrwitz was Kosten und Erfolgsaussichten angeht. Ein systemtheoretischer Anfängerfehler, sich auf sowas einzulassen.
rainer_daeschler 09.07.2012
3. Die Kraft des Aussitzens
An einen Fehler muss man so lange festhalten, bis man ganz sicher ist, dass er wirklich auch einer ist.
vantast64 10.07.2012
4. Kohärentes System
Warum sollte etwas funktionieren, wo doch das ganze Bildungssystem eine einzige Katastrophe ist. Insofern ist dieses Erscheinungsbild nicht zufriedenstellend, aber durchaus passend. Im Übrigen war in Deutschland kaum ein größeres IT-Projekt jemals erfolgreich und nichts hat Konsequenzen.
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