Studienstart 2001 Letzte Ausfahrt Uni

Manche Abiturienten stolpern ins nächstbeste Fach, nur weil sie immer so gute Deutschaufsätze geschrieben haben oder der Biolehrer so sympathisch war. Doch die Mehrheit entscheidet sich viel planvoller für einen Studiengang - aus purem Interesse und wegen der Berufsaussichten.

Von Marion Schmidt


Alles neu, alles anders - im ersten Semester scheint das Chaos an den Unis zu regieren
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Alles neu, alles anders - im ersten Semester scheint das Chaos an den Unis zu regieren

Eigentlich wollte Gisa Funck nach dem Abitur eine Weltreise machen. Doch ihre Mutter drängte sie zum Studium. "Dabei wusste ich gar nicht, was ich werden wollte", sagt die heute 32-Jährige. Beim Medizinertest war sie durchgefallen, auf Naturwissenschaften hatte sie keine Lust. Weil sie zuvor viel Theater gespielt hatte, fiel die Wahl auf Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften.

Am ersten Vorlesungstag fuhr Gisa Funck aus dem norddeutschen Flachland nach Berlin: "Ich wollte möglichst weit weg, raus aus der Provinz, Spaß haben." Der Traum von den Kreuzberger Nächten endete schon im Studiensekretariat der FU Berlin. Der NC für Theaterwissenschaften lag viel zu hoch, sämtliche Einschreibefristen hatte sie verpasst.

Eine Studienberaterin schickte sie nach Köln - ab mit dem Nachtzug. Am nächsten Morgen im Kölner Studiensekretariat: im Angebot nur noch Afrikanistik und Byzantinistik. Da musste Gisa Funck "total heulen", bis ihr ein junger Mann seinen Studienplatz in Geschichte und Germanistik anbot; er wollte sich gerade umschreiben. "Das war mein Retter, er hat mich mit in die Mensa genommen, mir seinen kompletten Stundenplan gegeben", erzählt sie. Das Lehramtstudium hat sie inzwischen mit dem Staatsexamen abgeschlossen und später über ihre Prüfungserfahrungen sogar ein Buch geschrieben ("Echt fertig! Tagebuch einer Examenskandidatin").

So chaotisch beginnt das Studentenleben selten. Aber auch Peter Figge, Leiter der Studienberatung an der Uni Hamburg, kennt Studenten, die kurz vor Anmeldeschluss kommen und noch untergebracht werden wollen - "irgendwas muss doch noch zulassungsfrei sein...". Weil sie nicht wissen, was sie studieren wollen. Weil ihre Eltern sonst kein Kindergeld mehr bekommen.

Am Anfang steht die Unsicherheit. Spätestens im Abiturjahr bohren entscheidende Fragen: Lust auf mittelhochdeutsche Lyrik? Oder doch lieber Karriere machen und reich werden? Wozu überhaupt studieren, wieso welches Fach, warum in Kiel und nicht in Konstanz? Trotzdem entscheidet sich die Mehrheit der Abiturienten ziemlich planvoll für einen bestimmten Studiengang. 86 Prozent aller Erstsemester haben ihr Fach gewählt, weil es sie interessiert und weil sie glauben, sie wären dafür begabt. 83 Prozent streben gar danach, sich persönlich entfalten zu können - vor allem Kunststudenten.

Das hat das Hannoveraner Hochschul-Informations-System (HIS) bei einer Umfrage unter Studienanfängern herausgefunden. "Und die, die nicht wissen, was sie studieren sollen, landen bei Jura", sagt der Konstanzer Bildungsforscher Tino Bargel. Die Rechtswissenschaften als Auffangbecken der Unentschlossenen, "das hat schon fast Tradition".

Die HIS-Studie stützt einige weitere Klischees: Natürlich sind es überwiegend Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, die ihr Studium aus beruflichen Gründen begonnen haben. 42 Prozent der Wiwis und 45 Prozent der Juristen wollen später selbstständig arbeiten und viel Geld verdienen. Von den Kunststudenten wollen das nur 7 Prozent, und auch bei den Lehramtsstudenten ist es gerade mal jeder achte. Für sie spielen dagegen soziale Motive eine große Rolle: 17 Prozent wollen zu Veränderungen beitragen und anderen helfen.

Das sagt auch Julia Hinze, 20. Sie studiert im zweiten Semester an der Uni Hamburg Sonderschulpädagogik und Biologie, "denn da kommt es mehr auf das Zwischenmenschliche an". Sie sagt aber auch, dass sie sich für diesen Studiengang entschieden hat, weil sie damit gute Chancen auf einen Job hat.

Mag das Fachinteresse noch so groß sein - Studienanfänger sind heute "stärker berufsorientiert, stromlinienförmiger, leistungsorientierter", so Peter Figge, Studienberater seit 27 Jahren. Der HIS-Studie zufolge lassen sich 86 Prozent bei ihrer Studienwahl von beruflichen Gründen leiten, ebenso viele haben bereits einen festen Berufswunsch. Die wenigsten studieren einfach nur so, weil es cool ist oder das Studium ein lockeres Leben verspricht. Besonders junge Männer haben oft nur die eigene Karriere im Blick, sagt Tino Bargel. Deshalb studieren so viele von ihnen BWL und Jura und neuerdings auch Informatik.

Aber die Frauen stehen ihnen dabei nicht wirklich nach. Elke Ewert etwa hätte gern mit Germanistik angefangen, wusste aber nicht, was sie damit später machen könnte. Jetzt studiert die 20-Jährige an der Uni Oldenburg Psychologie und hat viele Möglichkeiten, meint sie. Oder Juliane Kemper, 20, aus Kamen. Sie hat sich gerade an der Uni Hamburg eingeschrieben für Romanistik auf Magister, "weil ich eine Sprache studieren wollte". Aber als Nebenfach will sie vielleicht Informatik wählen - IT sei eben gefragt. Und warum Hamburg und nicht Halle? "Ich finde die Stadt so toll!", sagt sie.

Erst die Stadt, dann das Studienfach. Was zählt, ist das Umfeld: nach Hamburg oder Köln wegen der Medien, nach Berlin wegen des Nachtlebens, nach München wegen der Nähe zu den Alpen und zu Italien. Wer weg will vom heimischen Herd, geht in die Metropolen oder an die Traditionsunis wie Freiburg, Göttingen oder Münster. Egal wie schlecht die Studienbedingungen dort sind.

Hochschulrankings spielen fast gar keine Rolle, hat Tino Bargel beobachtet. Umso mehr jedoch die Entfernung vom Heimatort. Früher gab es mehr Abiturienten, die sich nach einem Blick auf die Deutschlandkarte für die Uni entschieden, die am weitesten vom Elternhaus entfernt liegt. Heute gehen zwei Drittel aller Studenten an die Uni, die bei Mutti um die Ecke liegt.

Manche scheuen schlicht die Kosten für eine eigene Bude, andere wollen bei ihren Schulfreunden bleiben. Wie Julia Hinze aus Lingen im Emsland, die sich an der Uni Hamburg eingeschrieben hat: "Ich wollte nah an zu Hause sein und zum Studieren keine Weltreise machen."



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