Studienstart bizarr Bedingt einsatzbereit

Latein um sechs Uhr früh, Arabisch in Heimarbeit, Geschichte statt Amerikanistik. Was die Uni Startprobleme nennt, ist für Erstsemester wie Anne und Eike ein unfassbares Chaos. Göttingen hat zum Wintersemester komplett auf Bachelor umgestellt - Szenen eines Fehlstarts.

Von Daniel Opper


Die Schleudergang-Reform. Überall in Deutschland satteln die Hochschulen auf Bachelor- und Masterabschlüsse um. Bis 2010 haben sie Zeit, die meisten machen es nach und nach. Die Universität Göttingen nicht: Sie erledigte das auf einen Schlag.

Zum Wintersemester wurden fast alle Studiengänge umgestellt. Ein Kolossalprojekt. Darum dauert die Akkreditierung auch noch bis Ende 2007. Unterrichtet wird trotzdem schon - unter Vorbehalt. Die Folgen baden nun die ersten Studenten aus. Sie zahlen auch als erste Studiengebühren: 500 Euro pro Semester.

Die Fachwechslerin. Anne Maushake hat es kalt erwischt. "Wenn sich so viele Kurse überschneiden, sagte mir eine Dozentin, dann müssen Sie halt Ihr zweites Fach wechseln." Anne Maushake kramt nach Tabak, Filtern und Blättchen. Die letzten Wochen zehren an ihren Nerven. Sie ist klein und zierlich, die Universität vor ihren Augen riesig und bedrohlich.

Im Sommer hatte sich die 20-Jährige für Amerikanistik und Arabistik beworben. "Bis ich hier ankam, hat mir niemand gesagt, dass meine Fächerkombination nicht machbar sein würde."

45 neue Fächer, die meisten Bachelorstudenten belegen zwei. Das ergibt gut 1000 mögliche Kombinationen, die das Programm "Free Evolutionary Timetabling" (FET) unter einen Hut bringen soll. Möglichst überschneidungsfrei, alles zwischen Montagmorgen und Freitagnachmittag. Die Crux: Zum Bachelor gehört die Anwesenheitspflicht. Viele Veranstaltungen sind obligatorisch, bilden einen festen Stundenplan, bauen aufeinander auf. Doch was, wenn zwei zur gleichen Zeit liegen?

Der Informatiker. Hätte das Programm Gefühle, an der Uni Göttingen würde es verzweifeln. Man hätte es ebenso gut bitten können, ein Perpetuum Mobile zu bauen. Gelegentlich hängt sich auch Software auf. "Ich habe dann irgendwann die Stopp-Taste gedrückt", erinnert sich Doktorand Ole Brodersen, 30. Das war im Sommer. Der Wirtschaftsinformatiker hat "FET" installiert. An sich eine faszinierende Aufgabe, ein klassisches Problem der Unternehmensforschung. Genetische Algorithmen. Metaheuristik.

Wie ein optimaler Stundenplan aussehen müsste? "Man dürfte nur noch zweistündige Kurse anbieten. Zu geraden Uhrzeiten. Und nicht alle um zehn bis zwölf Uhr morgens." Dann findet der Computer einen konfliktarmen Stundenplan. "Um den durchzusetzen, bräuchte das System die Autonomie, die Kurse auch setzen zu können", sagt Brodersen. Doch diese Autonomie liegt bei den Lehrenden. Die mögen zehn bis zwölf Uhr. Außer Freitag, da ist schon Wochenende.

"Der Bachelor verlangt nicht nur, dass die Studenten immer mehr in immer weniger Zeit erledigen. Offenbar sollen sie sich auch noch aufteilen können, um an zwei Orten gleichzeitig zu sein", so Simon Ledder, als studentisches Mitglied selbst in der Studienkommission.

Der Pannendienst. Die "FET"-Software sollte es richten. Sie versagte. "Bis Oktober gab es faktisch keine Abstimmung der Studiengänge", sagt Astrid Winter. Seitdem leitet sie eine Art Task Force zur Koordination der neuen BA-Studiengänge, zehn bis zwölf Stunden täglich. Ihr Postfach quillt trotzdem über. Die Task Force: Das sind sie und Ole Brodersen.

"Ein Dozent unterrichtet Latein jetzt um sechs Uhr früh." Das hat er sich so ausgedacht, daran ist der Computer nicht schuld. "Aber das kann's doch nicht sein!" Astrid Winter seufzt. In ihrer dritten Woche als Studiengangskoordinatorin hat sie sich einen Finger gebrochen, am Arbeitsplatz. "Das wäre nicht passiert, wenn der Bachelor erst in zwei Jahren eingeführt würde." Sie meint das Chaos. "Die Münchner stellen erst 2009 auf die neuen Abschlüsse um", schwärmt Winter. "Doch sie haben jetzt schon modularisiert. Da bleibt genug Zeit, Schwierigkeiten zu erkennen."

Die Hochschulleitung hält die Reform nicht für überhastet. "Wir haben bereits sehr gute Erfahrungen mit der Umstellung einzelner Studiengänge und des Lehramtsstudiums auf Bachelor im letzten Jahr gemacht", sagt Ulrich Löffler, Leiter der Abteilung Studium und Lehre. "Vor diesen positiven Erfahrungen machte es nun Sinn, auch die anderen Studiengänge umzustellen." Auch er sieht die praktischen Probleme. "Die müssen wir nun im Einzelnen analysieren. Dafür arbeiten wir mit dem Asta und den Studierenden eng zusammen. Sie haben den ganzen Prozess mit begleitet. Das ist einmalig für eine solche Reform", so Löffler weiter. "Frau Winter haben wir nun beauftragt, ein möglichst überschneidungsarmes Angebot zu schaffen. Ich bin sicher, sie gibt ihr Bestes."

Astrid Winter muss sich jetzt jedes Schicksal einzeln vornehmen. "Die Studenten müssen sich bei mir melden, sonst weiß ich nichts von ihren Fällen. Sie sollen zu mir kommen, schreiben Sie das!"

Der Solo-Student. "Am ersten Unitag erhielten wir unsere Stundenpläne. Schon auf den ersten Blick fiel mir auf: Das kann doch gar nicht gehen", erzählt Eike Brahms. Die Kurse seiner zwei Fächer stapelten sich alle zwischen zehn und zwölf Uhr übereinander. So hatte der 20-Jährige sich das nicht vorgestellt.

Eike entschied sich für Göttingen, weil die Uni auch exotische Fächerkombinationen anbietet und einen guten Ruf hat. Er wählte Arabistik und Geschichte. Er überwies die 500 Euro Studiengebühren, 175 Euro Semesterbeitrag, erhielt seine Immatrikulationsbescheinigung, suchte sich ein WG-Zimmer. Eigentlich hat er alles richtig gemacht.

"Eike Brahms!", erinnert sich Astrid Winter. "Wie sein Fall gelöst wurde, muss eine Ausnahme für dieses Semester bleiben. Das ist die schlechteste aller Lösungen." Immerhin gelöst. Ein Fall weniger. "Er hat sich wenigstens gemeldet, die meisten melden sich ja nie mehr." Gibt es 50 Studienanfänger, die sich verschaukelt fühlen? Oder 100? Winter kann es nicht genau sagen.

Für Eike wurde die Anwesenheitspflicht seiner Arabischsprachübung aufgehoben. Das soll er jetzt zu Hause nacharbeiten. Arabisch sprechen üben ohne Vorsprecher? Eike schaut entgeistert. "Das wird schwierig." Wäre es eine Posse im Theater, Eike hätte mitgelacht.

Die Resignation. Anne hat ihre Zigarette fertig gedreht. "Was hätte ich denn machen sollen? Drei Pflichtveranstaltungen haben sich überschnitten. Keiner unserer Tutoren hatte Ahnung vom Bachelorstudium. Da habe ich Amerikanistik abgegeben und bin zur Geschichte gewechselt."

Für das System ist Anne ein Einzelfall. "Jetzt studiere ich ein Fach, mit dem ich gar nichts anzufangen weiß. Hätte ich das gewusst, wäre ich vielleicht gleich nach Berlin gegangen. Da wäre sicher auch nicht alles perfekt, aber wenigstens muss man dort noch keine 500 Euro bezahlen." Anne beugte sich einem riesigen Apparat - vielleicht voreilig, doch damit rechnet das System nicht.

Astrid Winter kommt mit Kaffee zurück. Wo die genetischen Algorithmen scheitern, ist sie für die kreativen Lösungen. "Für die meisten Veranstaltungen ist es vollkommen egal, in welchem Semester der Student sie belegt. Das ging doch früher auch." Doch am Ende ist das gar nicht gewollt. "Eine Vertreterin des Fachs Geschichte sagte gestern, ihr Fach habe aus Kapazitätsgründen kein Interesse daran hat, mit jedem Fach kombinierbar zu sein. Dabei ist die Kombinierbarkeit doch die große Stärke unserer Universität!"

Die Sisyphusarbeit. Immer wenn Sisyphus den Stein nach oben gerollt hat, rollt er wieder hinab. Aber Winter denkt gar nicht ans Aufgeben. Dann erzählt sie von Erfolgen. Wie sie die Theologie mit Latein versöhnte. Oder vom Professor, der seine Vorlesung nun zweimal hält, damit alle teilnehmen können. Das baut auf. "Bitte schicken Sie die Studentin zu mir in die Beratung!" Die Pannenspezialistin hat eine Lösung für Anne gefunden. Vielleicht kann sie jetzt doch Amerikanistik studieren. Wenn sie sich meldet.

"Eigentlich müsste man klagen", sagt Eike. "Doch dafür bin ich nicht der Typ." Er räumt sein Zimmer auf. Heute hat er zum zweitenmal seine Sprachübung verpassen müssen. "Das ist doch kein Zustand. So was ist keine 700 Euro wert." Das sind die Kollateralschäden eines komplexen Systems. Immerhin will sein Arabischlehrer vor Weihnachten Nachhilfe anbieten. Pro bono. Ein Hoffnungsschimmer.

Dann macht sich Eike auf den Weg zum Bahnhof. Raus aus Göttingen.

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